Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1906)
- Date
- 1906-01-12
- Page
- Seite 16 (sequence 4)
- Language
- German
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16 in Zarskoje Selo, bestehend aus den Herren Trepow, Stitschinski, Durnowo, Pobjedonoszew, Saburvw, Gorimikin, Putjatin, Stürmer und Graf Jgnatiew, die eigentlichen Herren des Landes sind. Aus dieser Liste sieht man übrigens, daß Herr Durnowo so zu sagen zu gleicher Heit auf zwei Hochzeiten tanzt. Er ist Mitglied des Ministeriums und kann als solches über die in demselben herrschende Stimmung in Zarskoje Selo berichten, während er andererseits in der Nebenregierung sitzt und diesen Einfluß gegen seine Amtsgenossen im Ministerium gebrauchen kann. Mit diesem allniächtigen Dnrnowo ist nun Herr Manuchin zu seinem besonderen Pech in Konflikt geraten. Letzterer verlangte nämlich, daß die von den nach Südrußland entsandten Senatoren über die Judenkrawalle verfaßten Berichte ihm als Justizminister zugestellt werden. Dieses konnte aber Durnowo, der Herr aller bösen Geister und Protektor der schwarzen Hundert, unmöglich zngeben, da ja auf diese Weise die' Umtriebe des Generals Bogdano witsch und seiner Beschützer offiziell dem gesamten Ministerinm bekannt geworden wären. Er forderte daher, daß diese Berichte ihm, als dem Polizeiminister, zuerst zugestellt werden sollten. Durnowo siegte und Manuchin mußte gehen. Der gegenwärtige neue Justizminister Akimow ist ein ausgesprochener Reaktionär und ein willenloses Werkzeug der Nebenregierung. Seine erste Arbeit wird sein, die Untersuchung über die Krawalle zu einer Farce ä la Kischinew und Homel zu gestalten. Darauf deuten auch noch viele andere Umstände hin. So z. B. hat Generalgouverneur Subatow vor kurzem in Tschernigow öffentlich erklärt, man könne nichts gegen die Pogroms tun, da sie ein Ausfluß aufgeregter patriotischer Gefühle seien. Auch Graf Witte meinte im Privatgespräch gleichfalls kürzlich wieder, Pogroms seien nicht ausgeschlossen. Derselbe Graf Witte empfing eine Deputation von russischen Juden und sagte ihnen ganz offen, daß sie gar keine Aussicht haben, volle Emanzipation von der Reichsduma zu erlangen. Nichtsdestoweniger würde die Einführung eines verfassungsmäßigen Regimes eine bedeutende Befferung in der Lage der russischen Juden herbeiführen. Bor Tische las man anders. Aus der Srrlmer Gemeinde. Berlin, 8. Januar. u einem inhaltvollen Vorgang, dessen Schilderung weiteren Kreisen willkommen sein dürfte, gestaltete sich am 1. d. M. die Ueberreichung einer Adresse an den ehrwürdigen Sanitätsrat Dr. Salomo n Neu mann, über dessen bedeutsame Bibliotheksstiftung wir erst jüngst berichteten. Die Mitglieder des Berliner Komitees der Alliance Isrrrelite Universelle, unter ihnen Rabbiner Dr. Weisse, hatten sich eingefunden, um dem hochverehrten Manne das Ehrenpräsidium in ihrem Komitee zu übertragen. Aus der längeren Ansprache des Vorsitzenden, Geheimen Kommerzienrat Goldberger, Mitglied des Zentralkomitees der Alliance, sei folgendes hervorgehoben: „Was wir beschlossen haben, ist der dürftige, vielleicht der bescheidenes Ausdruck herzinniger Dankbarkeit, die wir für Sie empfinden, der Sie in langen Dezennien der Bannerträger gewesen sind der hehren und segenbringenden Aufgaben und Ziele der Alliance — in Standhaftigkeit, Entschlossenheit und Unerschrockenheit. Was wir Ihnen bringen, ist nur ein kleines Zeichen der unauslöschlichen Erkenntlichkeit, die wir für den Mann hegen, der auf weiten und wesentlichen Gebieten geistigen Schaffens und werktätiger Menschenliebe sich allezeit bewährt hat in einer vom Himmel begnadeten und von den Menschen gewürdigten Wirksamkeit, als einer der Unsrigen, als einer der Zuverlässigsten und Treuesten unserer Glaubensgemeinschaft. So wagen wir es zu hoffen, Sie werden den Ehrenvorsitz, den wir Ihnen antragen, annehmen und werden hierdurch noch mehr den innigen Zusammenhang festigen, der mit uns besteht, die wir Sie lieben und verehren, die wir auf Ihren klugen Rat allezeit hören werden, weil wir auf ihn hören wollen als auf den Rat eines Weltweisen." Die Adresse, die hierauf von Herrn Goldberger verlesen wurde, enthält den folgenden, gerade im gegenwärtigen Zeitpunkte bemerkenswerten Passus: „Wir finden die Beweggründe, die für Sie, hochverehrter Herr Sanitätsrat, bei der Leitung unserer Institution bestimmend waren, angedeutet in dem Aufrufe der Alliance vom März 1870, der die jüdischen Gemeinden in Europa und Amerika mit schönem, von Ihnen mit herbeigeführtem Erfolge zur Adoption hilfloser russischer Waisenkinder ermahnte. Die Worte lauten: „Unsere Allian ce, Brüder, ist ein Einigungsband für alle Israeliten der Erde im Namen der Liebe, der Gerechtigkeit und der Freiheit." Liebe, Gerechtigkeit und Freiheit leuchteten über Ihrer gesamten öffentlichen Tätigkeit, verklärten Ihre Arbeit im Dienste dieser teuren Stadt und so auch Ihre Tätigkeit im Dienste Ihrer Glaubensbrüder." SanitätsraUNeumann erwiderte in bewegten und zu Herzen gehenden Ausführungen, die von staunenswerter Geistes frische Zeugnis ablegten. Er verbreitete sich liebevoll über die Entwicklung und die gegenwärtige Stellung der Alliance namentlich in Deutschland. Wir geben den Hauptteil seiner Rede in ungefährem Wortlaut wieder: „Die Arbeit für die Alliance betrachte ich als Stück meiner Lebenstätigkeit. Und wenn ich nunmehr mit Rücksicht auf Alter und Krankheit aus Ihrem Komitee ausgeschieden bin, so bleibe ich doch mit unserer Alliance als Mitglied des Zentralkomitees verbunden. In dieser Eigenschaft erhielt ich erst gestern noch ein Schreiben aus Paris, in welchem mir der Plan einer Reorganisation der deutschen Komitees der Alliance zur Beurteilung vorgelegt wird. Seit den letzten fünf Jahren, meine Herren, sind wir innerhalb des eigenen Lagers in eine Art Kampsesstellung gedrängt worden. Die Motive, die unsere Gegner beseelen, kann ich nicht als berechtigt anerkennen. Daß unsere Abwehr nicht überall zu einem günstigen Ergebnis geführt hat, rührt daher, das; bei uns deutschen Juden, die wir die vaterländischen Pflichten mit Heiligkeit ausfassen und mit Gewissenhaftigkeit erfüllen, doch aus der andern Seite das Solidaritätsgefühl zur eigenen Glaubensgemeinschaft nicht stark genug ausgeprägt ist. Möchten wir uns doch zuweilen daran erinnern, daß unsere politische Gleichberechtigung in Frankreich ihr Vorbild hatte und daß gleichwohl jene hochgesinnten französische Juden, welche die Alliance Israelite Universelle ins Leben riefen, kein Bedenken trugen, ihr den klaren und unverrückbaren Charakter der länderverbindenden Universalität zu geben. Auch das sollten wir niemals aus den Augen verlieren, welche herrlichen, praktischen Werke aus diesem hohen Ideal erwachsen sind, einem Ideal, das der Alliance im Fluge die Herzen der Juden in den verschiedensten Ländern gewann. Noch heute verbindet die Personalunion im'Präsidium die Alliance mit jener großartigsten Gründung des Baron Hirsch, der Jewish Colonization Association, und dieser Umstand weist auss deutlichste darauf hin, daß die reichste und wirksamste jüdische Hilfstätigkeit doch am Ende nur auf dem Boden eines universell-brüderlich verstandenen Judentums sich aufbauen kann. Die Behauptung, daß die Alliance Israelite Universelle dazu bestimmt sei, um im wesentlichen französische Interessen zu fördern, konnte nur ein auf falsche Wege geleiteter Nationalismus aufstellen. Unsere Freunde in Paris hatten selbst gegen eine planvolle Zusammenfassung der deutschen Kräfte innerhalb der Alliance, als wir es 1872 versuchten, nichts einzuwenden. Der Einspruch hiergegen kam vielmehr von deutscher Seite, auf der man hier und dort bereits damals eine Loslösung anstrebte. Wie weit die von Ihnen, meine Herren, beabsichtigte Wiederholung des Versuches, die deutschen Kräfte innerhalb der Alliance zu zentralisieren, auf Widerspruch f