Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-01-12 · Heft 2 (12.1.1906) · p. Seite 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 2 (12.1.1906)
Date
1906-01-12
Page
Seite 15 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228690-3228693--62306-3289438
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

dieser Beschwerden darf zwsr al§ bekannt vorausgesetzt werden. Trotzdem ist es Pflicht aller beteiligten Kreise, den Deputierten zu diesem Städtetage, sowie den Abgeordneten aller Parteien, immer von neuem Kenntnis zu geben von den den jüdischen Schulen und Lehrern durch den Gesetzentwurf drohenden Gefahren. Das Material dazu liefert die eben abgesandte Denkschrift des Verbandes der deutschen Juden in ausreichendem Maße. Aber es ist höchste Zeit, die Arbeit in Angriff zu nehmen, für die verschiedene Rabbiner- und Lehrerverbände in ihren letzten Zusammenkünften bereits den Weg vorgezeichnet haben. ■- # Die Juden in Hessen werden also eine Neuordnung ihrer Schulverhältnisse erleben. Wie wir bereits früher mitgeteilt, kündigte schon die Thronrede, mit der der Großherzog den neuen hessischen Landtag eröffnet hat, unter anderem auch eine Vorlage an, betreffend die Regelung der Anstellungs- Verhältnisse der israelitischen Religionslehrer in Hessen. Wie nun verlautet, soll sich die Vorlage in folgenden Linien bewegen: Die Stellung des Religionslehrers wird nach einem angemessenen Provisorium definitiv. Die Funktion eines Schächters soll womöglich von dem Religionslehrer nicht bekleidet werden. Das Amt des Vorbeters soll mit dem Lehramte nicht mehr fest verbunden werden, kann aber dem Lehrer besonders übertragen werden. Gemeinden, die das Gehalt des Lehrers nicht aufbringen können, sollen aus einer Zentralkaffe Unterstützung erhalten. Das Kündigungsrecht, das der Vorstand bis vor kurzer Zeit noch teilweise hatte, fällt vollständig weg. Für Entscheidungen in strittigen Fällen zwischen Gemeinde und Lehrer wird ein sogenannter israelitischer Oberrat gebildet. Die Vorlage folgt im allgemeinen den in Baden bereits seit Jahren geltenden Bestimmungen. Und diese haben sich bekanntlich dort sehr gut bewährt. * Obwohl es jetzt Winter ist, werden in verschiedenen Kreisen phantastische Projekte ausgebrütet, die man eigentlich nur in der heißen Sommerszeit als Seeschlangen erwarten sollte. So brachte jüngst in England ein kühner Politiker ein jüdisches Parlament in Vorschlag, dessen Pflicht es sein sollte, die jüdischen Angelegenheiten zu überwachen und zu regeln. Bei der großen Wichtigtuerei, die jetzt in bezug auf allgemeine Angelegenheiten der Judenheit in den verschiedenen jüdischen Kreisen Englands herrscht, hat man sogar auch dieses Projekt ernst genommen, und in den Tagesblättern wird schon darüber debattiert. Die Hauptaufgabe dieses Parlaments soll die sein, scheußliche Austritte, wie sie in Rußland vorkamen, zu verhindern und den Verfolgten pekuniäre Unterstützung zu geben. Als den geeignetsten Ort für ein derartiges Parlament wird Frankfurt bezeichnet. Auch ist der Erfinder dieses Projekts der Ansicht, daß eine Reform in dem Rabbiner- und Lehrerwesen der Juden notwendig sei. Die Juden aller Nationen seien reformbedürftig. Er stellt mit bezug auf das von ihm vorgeschlagene Parlament folgende Zahlen auf: Kopfstärke der jüdischen Nation ... 10 000 000 Kopfstärke des zu wählenden Kabinetts 15 Jährliche Zahlung . ....... 1500 Psd. St. Kopfstärke des jüdischen Parlaments . 500 Parlamentsfonds .... . . . . 125 600 Pfd. St. jährlich. Zähl der Wahlberechtigten . . . . . 2 000000 Beitrag der Wahlberechtigten .... 2 Shilling 6 Pence jährlich Unglaublich — aber doch wahr! Israel Aangwill, der Ehrenpräsident und die eigentliche Seele der jüdisch-territorialisiischen Partei, hat wieder einmal einen diplomatischen Erfolg zu verzeichnen. Der neue Unterstaatssekretär für die Kolonien im liberalen englischen Kabinett, Mr. S. Winston Churchill, welcher gegenwärtig in Manchester für das Unterhaus kandidiert, hat eine Einladung des Dr. Dulberg, des Ehrensekretärs der Abteilung der jüdischen Territorial-Gesellschaft für Manchester, an einer Versammlung derselben teilzunehmen, mit folgendem Schreiben beantwortet: „Hochgeehrter Herr! Ich beantworte Ihr Schreiben vom 26. Dezember erst jetzt, da ich vorher die Men über das seinerzeit den Zionisten gemachte Anerbieten studieren wollte. Zweifellos sind Ihnen die mit der Errichtung einer autonomen jüdischen Kolonie in Britisch-Ostafrika verbundenen Schwierigkeiten bekannt. Abgesehen von der unter den Juden selber darüber herrschenden Meinungsverschiedenheit, abgesehen von der Frage, ob das angebotene Territorium auch geeignet ist, wächst auch die Zahl der eigenen englischen Ansiedler innerhalb und in der Nähe des betreffenden Gebietes rapid. Diese Schwierigkeiten haben nicht verfehlt, meinen Amtsvorgänger Mr. Lyttleton bedenklich zu machen. Selbst Lord Elgin, welcher den Gegenstand sowohl aus Sympathie für die Bestrebungen der jüdischen Rasse als auch in Anbetracht der jüngsten furchtbaren Leiden des jüdischen Volkes mit großem Wohlwollen behandelt, wird nicht umhin können, diesen Umständen Rechnung zu tragen. Dennoch will ich hoffen, daß alle diese Schwierigkeiten sich überwinden lassen werden. Ich stimme dem Inhalt des von Mr. Zangwill in der „Times" vom 12. Dezember 1905 veröffentlichten Schreibens vollkommen zu und erkenne mit ihm die hohe Anziehungskraft an, welche eine unter der Flagge der Duldsamkeit und der Freiheit errichtete Heimstätte auf ein über den ganzen Erdball verstreutes und hart verfolgtes Volk ausüben muß. Ein solcher Plan ist von einem hohen Geiste beseelt, er vermag Energie und Begeisterung zu entfachen und besitzt eine treibende Kraft, über welche sonst kein anderer individueller Kolonisationsplan verfügen kann. Obwohl Lord Rothschild der Ansicht ist, daß der unmittelbaren Not der jüdischen Flüchtlinge am besten abgeholfen wird, wenn man ihnen Gelegenheit zur Ansiedelung in Kanada und Argentinien gibt, so glaube ich dennoch nicht, daß die edle, Sie begeisternde Vision durchaus verblassen müßte und ich will alles, was in meiner Macht steht, tun, sie zu schützen und zu realisieren. Innerhalb der weiten Grenzen des englischen Reiches und unter den großmütigen und liberalen Institutionen desselben muß es doch Raum für die Entwicklung und das Wachstum der verschiedensten Rassen, Ueberlieferungen und Glaubensbekenntnisse geben. Es ist ein besonderer Vorzug des Imperialismus, daß er Reichtum, Glück und eine höhere Einheit füralle Teile des Reiches darstellt." Der zweite diplomatische Erfolg Zangwills ist ein Brief des Premierministers Sir CamPbell-Bannerman selbst, in dem er sagt, es freue ihn, zu hören, daß eine große Versammlung in London abgehalten werden wird, in der die Sympathie mit den Juden in Rußland und der Abscheu über die Grausamkeiten, denen so viele von ihnen ausgesetzt gewesen find, zum Ausdruck gebracht werden soll. Diese Versammlung hat am 8. d. M. stattgesunden. * Der bisherige russische Justizminister Manuchin ist, wie erst jetzt bekannt wird, ein Opfer der Judenkrawalle geworden. Seine Verabschiedung und Ersetzung durch Herrn Akimow, einen Schwager Durnowos, ist über dem Kopf des armen Grafen Witte erfolgt. Noch am 30. Dezember hatten die Minister von einem Wechsel im Justizministerium keine Ahnung gehabt, und erst am nächsten Morgen erfuhren sie durch den Regierungsboten, daß ihr Kollege Manuchin amtsmüde sei. Die Mitteilung hat auf alle Minister einen niederdrückenden Eindruck gemacht, da sie daraus ersehen haben, daß nicht die offizielle Regierung, sondern die Nebenregierüng

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.