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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-01-12 · Heft 2 (12.1.1906) · p. Seite 14

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 2 (12.1.1906)
Date
1906-01-12
Page
Seite 14 (sequence 2)
Language
German
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14 Auf diese verschiedentlichen Anregungen wurde bi* jetzt seitens der offiziellen Kreise nicht reagiert. Man wartet offenbar'welche Ansichten innerhalb der jüdischen Kreise selbst der Frage gegenüber zum Durchbruche gelangen. Denn die Anregung hängt zweifelsohne mit der zionistischen Bewegung zusamrüen, die in den östlichen Ländern in den letzten Jahren sich festgesetzt hat; sogar in einer jüdischen Volksversammlung in Wien hat neulich das Postulat der nationalen Autonomie Unterstützung gefunden. Der Mittelpunkt der Bewegung liegt jedoch in Galizien und der Bukowina, und darum ist es begreiflich, daß zuerst ein Mitglied des Polenklubs, der Abgeordnete Dr. Emil Byk, Vertreter der Städte Brody und Zloczow, Stellung genommen hat, und zwar in der „Polnischen Korrespondenz", einem vom Polenklub informierten Organ. Die Frage hat nämlich für den Polenklub das größte Interesse. Denn wenn die jüdische Bevölkerung in Galizien, wie es bis jetzt geschah, zü den.Polen gerechnet wird, dann stellt sich in dem genannten Lande das Verhältnis der Ruthenen zu den Polen wie 42 zu 55 Prozent; werden aber die Juden als besondere „Nation" gerechnet, dann halten sich Polen und Ruthenen der Zahl nach beiläufig die Wage. Da nun bei der Wahlreform die Zuerkennung der Mandatszahl an die einzelnen Nationalitäten zum Teile auch von der Zahl der Zugehörigen zu dem betreffenden Volksstamme bedingt sein soll, so ist es nicht gleichgültig, ob die Juden für sich sind oder zu den Polen gerechnet werden. Die entschieden ablehnende Resolution, die die Lemberger Notablen-Versammlung zu dieser Frage angenommen haben wir bereits in der vorigen Nummer mitgeteilt. Dr. Byk geht der nationalen Autonomie und der nationalen Wahlkurie für die Jude,: scharf zu Leibe. Er erklärt dieses Postulat mit Recht für ein gedankenloses Schlagwort. Eine jüdische „Nation" bestehe nicht, da der Begriff Nation an den Besitz eines Landes und einer gemeinsamen Umgangssprache, an eine politische Organisation oder zumindest an eine politische Sonderaspiration geknüpft sei — Voraussetzungen, die bei den Juden bekanntlich fehlen. Die Juden bilden eine Religionsgenossenschaft, und als solche besitzen sie nach den Staatsgrundgesetzen und nach dem Gesetz über die Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse in allen Beziehungen ihrer religiösen und rituellen Bedürfnisse die vollste Autonomie und die staatliche Hilfe zur zwangsweisen Einbringung ihrer Kultussteuern. Eine über diese Materien hinausgehende Autonomie bedeutet nichts Anderes als die Wiederherstellung des Ghetto, und daraus sei zu erklären, daß die Wiener Christlichsozialen und ihre Organe für die nationale Autonomie und für die eigene Wahlkurie der Juden eintreten. Außer der Wahl in die Vertretungskörper könnte die nationale Autonomie der Juden zunächst noch das Schulwesen umsaffen. Wäre aber die Errichtung eigener jüdischer Mittel- und Hochschulen für die jüdische Jugend und ihre berufliche Ausbildung erwünscht? Müßte dies nicht zur geistigen Isolierung, zur Ausschaltung aus dem reich pulsierenden Strome modernen Geisteslebens und zur Erstarrung führen? Und welche Sprache wäre die Unterrichtssprache?! . . Nach dem geschichtlichen Entwicklungsprozesse haben sich die Juden in nationaler, politischer und sozialer Beziehung den Völkern anzugliedern, unter denen sie leben, und wie es katholische und protestantische Deutsche, Magyaren und Polen gibt, ebenso existieren jüdische Deutsche, Magyaren und Polen, die die gemeinsame nationale Autonomie, das Schicksal und die politischen und nationalen Ideale mit den Andersgläubigen zu teilen haben. Ihrer Parteirichtung nach sind die Juden durchaus nicht solidarisch, sondern je nach Verschiedenheit ihrer politischen und sozialen Gesinnung schließen sie sich den bestehenden Parteien an. Allerdings, meiut.Dr. Byk/ werde die'Eirfführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechtes, insbesondere auch die Abschaffung, der Kurie der Handelskammern,.jüdischen Kandidaten mit Rücksicht ans den Zuwachs von minder intelligenten und minder toleranten Wählermaffen die Erlangung eines Mandats erschweren, während andererseits, solange die Gleichberechtigung nur auf dem Papiere steht, und auch zur Abwehr des. Antisemitismus jüdische Abgeordnete im österreichischen Parlament sitzen sollten. Allein auch bei einer radikalen Waylresorm werde es solche Abgeordnete geben, und ob einige mehr oder weniger vorhanden seien, sei belanglos, jedenfalls nicht von solcher Wichtigkeit, daß man deshalb den Ausschluß aus allen anderen Parteien riskieren dürste; denn eben der Anschluß an diese Parteien gebe im politischen Kampfe Rückhalt und Kraft. Die Argunrente des Abgeordneten Dr. Byk gegen die „Judenkurie" sind schlagend und überzeugend. Ob sie darum die Anhänger der nationalen Autonomie der Juden überzeugen werden, bleibt abzuwarten. Es kommt aber auch gar nicht darauf an. Die Majorität der österreichischen Juden, . und zwar die erdrückende Majorität derselben, steht auf Seite derer, die mit dem Abgeordneten Dr. Byk das Postulat einer jüdischyationalen Kurie für eine Utopie halten. Das fehlte noch, daß derartige Schlagworte die ohnedies so schwierigen Verhältnisse der Juden in den gemischtsprachigen Ländern das Kaiserstaats noch mehr in Verwirrung bringen. Es ist hoch an der Zeit, daß aus den Kreisen, die der gleichen Ansicht sind, bald diesen Phantasien, die auf politischem Boden nur Unheil anstiften können, ein deutlicher Absagebrief geschrieben wird. Sie Woche. > Berlin, 10. Januar er Kampf gegen den Volksschulgesetzentwurf iß nunmehr auf der ganzen Linie entbrannt. Die. ve» schiedenen Städtetage und Provinziallehrerverbände habet, energisch Stellung genommen zu dem Gesetz. Hier und da t| auch der Bestimmungen über die jüdischen Schulen gedacht worden. Aber noch nirgends mit der Schärfe, wie in des Vereinsschrift der nationalliberalen Jugend, die sich besonders eingehend mit der Zurücksetzung des jüdischen Bekenntnisses befaßt und von dieser sagt, daß „sie bis zu einer brutalen Rücksichtslosigkeit gehe." Auch auf dem rheinischen Delegiertentag der Nationalliberalen wurde nach einem Vortrage des Abgeordneten Schiffer eine Resolution angenommen, deren Schlußsatz lautet: „Der Delegiertentag erwartet endlich, daß die Fraktion, ihrer bisherigen Haltung getreu . . . . / die Verletzung der verfassungsmäßigen Gleichberechtigung der Juden nicht dulden wird." Das läßt uns hoffen, daß man für die Aenderungen und Verbesserungen, die von unserer Seite vorgefchlagen werden, bis in die Reihen der nationalliberalen Partei hinein Verständnis und Teilnahme finden wird. Daß das Zentrum diesen Vorschlägen williges Ohr leihen will, hat ja Dr. Porsch ausdrücklich versichert. Freilich, den Optimismus, daß es noch in letzter Stundendem vereinigten Bürgertum gelingen werde, die drohende Gefahr ganz abzuwenden, können wir nicht teilen. Das aber hoffen wir bestimmt, daß vor allem auf dem preußischen Städtetag die Beschwerden deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens vorgetragen und berücksichtigt werden. Gerade diese ^Versammlung ist maßgebend und kompetent für die Sache. Ihr Wort wird gehört und beachtet werden. Der materielle Inhalt

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