Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1906)
- Date
- 1906-01-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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70. Jahrgang. No. 2. Berlin, 12. Januar 1906. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements - Pr eis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljährl. 3 M. ReLakterrr: Gustav Rarpeles. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Pbilippfon. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. ANe Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf rNosse, Berlin. Dir AudrnKurjr. Berlin, 10. Januar, a es auch in Oesterreich noch Leute gibt, die der Ansicht zu sein scheinen, daß das unglückliche Land an den vorhandenen großen „Fragen" nicht genug habe, ist dort in der letzten Zeit anläßlich der Wahlreform auch noch die Idee einer jüdisch-nationalen Kurie analog der deutschen, polnischen und tschechischen usw. aufgetaucht. In Oesterreich existieren, wie der Pester Lloyd in einem instruktiven Artikel über diese jüngste aller Fragen auseinandersetzt, über eine Million Staatsbürger jüdischen Religionsbekenntnisses, und wer nur die Staatsgrundgesetze liest, glaubt, sie seien gleichgestellt mit den anderen Staatsbürgern und genössen die gleichen Rechte, wie sie sich auch andererseits den gleichen Pflichten zu unterziehen haben. Man weiß aber leider, daß das alles in vielen Beziehungen nur Theorie ist. In Wirklichkeit ist die durch den Zufall. der^Geburt bedingte Zugehörigkeit zum Judentum ein starker Hemmschuh im öffentlichen Leben. In einzelnen Beziehungen offen und gar nicht abgeleugne.t, in anderen hinwieder verdeckt und verbrämt mit Opportunitätsrücksichten. Tatsache ist, daß in den öffentlichen Vertretungskörpern von Städten, von Ländern und des Reiches, zeitweilig Hetzreden gegen die Juden zu vernehmen sind, die von berufener Seite durchaus nicht die erforderliche Zurückweisung finden. Ist es doch vorgekommen, daß im niederösterreichischen Landtage ein Antrag auf Festsetzung eines Schußgeldes auf Juden eingebracht wurde, ohne vom Vorsitzenden zurückgewiesen, noch von dem Vertreter der Regierung gebührend gebrandmarkt zu werden. Auch im Reichsrat kommen zeitweilig derartige Ausbrüche von Haß und blindwütiger Verfolgungssucht vor, und unter dem Vorgeben, daß ja das Alles „ohnehin nicht ernst zu nehmen" sei, werden sie auch da sozusagen toleriert, zumindest durch keinen Entrüstungssturm weggefegt. Unter den Reichsratsabgeordneten gibt es auch einige Juden. Allein in den letzten Jahren, seitdem Dr. Bloch nicht mehr im Reichsrate sitzt, ist ein mehr „staatsmärlnisches" Verhalten über sie gekommen, d. h. sie tun so, als ob sie die Ausfälle gegen die Judenheit vornehm ignorierten, als ob überhaupt eine „Judenfrage" für sie nicht existiere; sie geben sich nicht zu erkennen. Eine rühmliche Ausnahme macht nur der Abgeordnete Dr. Straucher aus Czernowitz. Daß bei so reserviertem Verhalten der Abgeordneten jüdischer Religion auch die anderen Abgeordneten sich nicht bewogen fühlen, bei antisemitischen Redeexzessen aus ihrer Reserve herauszutreten, versteht sich von selbst. Um so auffälliger mußte es erscheinen, daß in der jüngsten Zeit im Parlament plötzlich eine neue Judenfrage angeschnitten wurde, und zwar von judenfreundlicher Seite. Der ruthenische Abgeordnete Julian Romanczuk, der von einem ostgalizischen Landgemeindebezirk in den Reichsrat entsandt wurde, hat in der Wahlrechtsdebatte, die auf die Erklärung des Ministerpräsidenten vom 28. November folgte, die Angelegenheit zuerst zur Sprache gebracht. Es war mit Bezug auf die bevorstehende Wahlreform wiederholt von nationaler Autonomie und nationalen Wahlkatastern die Rede gewesen, und da meinte nun Professor Romanczuk, ob es denn nicht auch den Juden freigestellt sein sollte, sich als eine besondere Nation in politischer Hinsicht zu betrachten; man möge sie nicht dazu zwingen, eine andere Nationalität zu bekennen, so wenig man die Deutschen, die oft in kleinen Kolonien inmitten anderer Volksstämme zerstreut sind, oder die Polen, die in manchen Bezirken Ostgaliziens zerstreut leben, dazu zwingt. Einige Tage später kam der obengenannte Abgeordnete Dr. Benno Straucher aus die Sache zu sprechen, um, wie er sagte, einer „starken und berechtigten Strömung in mehrfachen Schichten der jüdischen Bevölkerung" Rechnung zu tragen. Die Judenschaft wolle als nationalpolitische Individualität betrachtet werden und beanspruche eine eigene Vertretung im Parlament, entsprechend ihrer Volkszahl und wirtschaftlichen Kraft. Große jüdische Volkskreise, nicht nur in Galizien und der Bukowina, sondern auch im Westen Oesterreichs, stellten dieses Verlangen und mit dieser Tatsache müsse gerechnet werden. Die Juden seien unbedingte Anhänger des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechtes und wollen für dasselbe ehrlich mitkämpfen; allein dieser Volksstamm, „der bei jeder Gelegenheit mit allen Mitteln, lauteren oder unlauteren, unverdient beschimpft und zurückgesetzt, malträtiert und verfolgt wird", besorge, daß er bei Ausgestaltung des Wahlrechtes unvertreten bleiben werde und darum heische er Berücksichtigung als „Nation". Zuletzt berührte der ruthenische Abgeordnete Nikolaj von Wassilkö, Vertreter eines Landgemeindenbezirkes der Bukowina, diese Angelegenheit in seiner Rede zum Budgetprovisorium, indem er konstatierte, daß die Judenschaft in Ostgalizien und der Bukowina in der Schaffung der Möglichkeit, daß sie, ohne sich in die Wahlen der anderen Nationalitäten mischen zu müssen, ihre Vertretung bekommt, tatsächlich ihr „Ideal" sieht. Es gebe in Ostgalizien und der Bukowina eine Reihe von Städten, die, zu einem Wahlkreise zusammengefaßt und ohne daß man einen besonderen Kataster anlegen müßte, auf Jahrzehnte hinaus der Judenschaft eine Vertretung sichern würden, da die Juden dort meist in kompakten Mafien nebeneinander wohney.