Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1906)
- Date
- 1906-01-05
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228690-3228692--62298-3289429- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
—- 12 schmackhaften Mittagbroten versorgt wurden. Gurweiß glotzte bloß wieder mit seinen vorstehenden Äugen und brummte nur bald zu sich, bald zu den andern: „Die Schularbeit? Was für eine Schularbeit, bei wem? Nu?" Auch das wurde natürlich rasch erklärt, mit energischen kurzen Handbewegungen und fieberhaftem Atem. Natürlich beim „Feind", bei der „Ziege", bei dem, welchen man sie mit Kreide an die Tafel gezeichnet hatte, der alle Welt mit allem möglichen Unsinn quälte, die ganze Klaffe in den Karzer steckte, Fünfer wie Ohrfeigen austeilte, die Schüler nicht anders wie „wilde Herde" titulierte und niemals Bauchschmerzen traute, als wenn dies edle Organ nicht auch bei uns Störungen unterworfen sein konnte, wie bei andern Sterblichen! Freilich, er liebt Gurweiß offenbar, er hat ihn zum „Ersten" in der Klasse gemacht und sogar zum „Corepititor" in seiner Wohnung, das ist alles wahr, aber die Schularbeit — das Unglück... Und niemand anderes kann es tun... Er allein hat Zutritt zur „Ziege", eben als Corepititor. . . . „Hilf', rette! Bester! Jud'! Lieber Srulik!" Gurweiß protestierte nicht. . . Sein Gesicht, die Augen, die ganze Gestalt schienen noch immer die frühere Bereitwilligkeit auszudrücken. . . Nur der Kopf, sein großer dicker Kopf, sank immer tiefer und tiefer, als drückte etwas auf ihn, und die blaffen mit Wimmerl bedeckten Wangen wurden ganz rot. Es war halb wie Verlegenheit und halb wie Scham. Armer David Gurweiß! Nicht umsonst hatte sein Kopf sich geneigt, nicht umsonst hatten seine Wangen sich gerötet... Freilich, es war weder Feigheit, noch Kleinmut, was ihn bewegte — für uns riskierte er alles, einen Fünfer ebenso wie den Karzer, selbst seine großen, abstehenden Ohren, die ein lockendes Objekt für Pädagogentätigkeit bildeten, selbst die standen uns zur Verfügung. . . Für die Klaffe, mein Gott... Aber Anton Antonowitsch, dieser Antonowitsch, der ein solches Zutrauen zu ihm hatte... Bei ihm stehlen, ihn bis aufs Blut beleidigen. . . Das war übermenschlich, überstieg alles Denkbare und war doch andererseits wieder sehr leicht, da die „Ziege" alle Aufgaben und Notizen in das bekannte Lehrbuch hineinsteckte.. .. Und dann wieder wir, die Klasse, die ungerechte Rache, ihre möglichen Folgen. . . Oh! Es stürmte wild auf den jungen, gebeugten Kopf ein. Ich weiß nicht, ob er sich zwischen dem offenen Rachen eines Tigers und dem Stachel eines Skorpions wohler gefühlt hätte, aber einem Doppeltverheirateten, der zwischen zwei eifersüchtigen Frauen steht, ist entschieden nicht ungemütlicher zu Mute. Zwei starke Strömungen begegneten sich, prallten aufeinander und der wilde Strudel kämpfte jetzt in seiner jugendlichen, ehrlichen Seele. Zwei verschiedene Götter entzündeten ihre Opferbecken und befahlen ihn als Opfer und schließlich mußte er auf der einen oder anderen Seite sich beugen und sich darbringen.. . Aber wo? David Gurweiß ging mit gebeugtem Kopf umher, ohne die andern anzusehen und steckte die Finger in die Nase, was bei uns gewöhnlich das Anzeichen eines starken Seelenkampfes oder wilder Furcht bedeutete. Alle Knöpfe waren geöffnet, das Hemd kam unter der Weste vor, Bänder und Bändchen baumelten, aber niemand wagte eine spöttische Bemerkung. In diesem wichtigen Moment waren selbst seine Sünden unantastbar. Der Arme! Dieser Kampf und die Zweideutigkeit seiner Lage, ein ewiges Hin und Her zwischen Skylla und Charybdis, das alles war ihm seit jeher beschieden in allen Lebenslagen.. . Es gab immer zwei entgegengesetzte Strömungen in seiner Seele, zwei Antithesen zerrissen dies gute Herz in Stücke. .. Ja, er war selbst eine Art Antithese lind schleppte sie imnler mit sich herum. Der rote Kragen, der seinen Hals umschloß, stellte ihn uns allen gleich, er war ein Gymnasiast wie wir, er stand keinem im Wege und war keinem was schuldig. Er sammelte einfach wie wir alle und sogar bester als die meisten von uns Kenntniffe, um dann später seinerseits einen Teil des Lichts in das Leben zu tragen, vielleicht wieder besser und ehrenvoller als viele von uns. Aber sein semitisches Gesicht und sein biblischer Name, seine Zugehörigkeit zu jenem Stamm, der als erster der Menschheit die Ideale der Liebe und des Verzeihens geschenkt hatte, lind dann, verhöhnt, verjagt und niedergeworfen, uns noch immer Genien des Gedankens, des Wortes, der Musik schenkt, stempelte ihn in den Augen jedes Schuldieners und jedes Straßenjungen zu etwas Niedrigem. Selbst für unsere Tanten, unsere Brüder und Schwestern war er eine komische Figur, eine Anomalie, etwas, was man bespöttelt oder bestenfalls bemitleidet, und selbst dann mit einer beleidigend-freundlichen Art. Wenn er seine Lektion nicht konnte, was ihm übrigens nur äußerst selten passierte, und nur, wenn es bei allen der Fall war, bekam er einen Fünfer; konnte er sie, so spöttelte man gutmütig; wozu lernte er denn überhaupt, statt zu handeln. Und so ging es in allem, immer und überall. Für uns, die wir ihn lieb hatten, blieb er trotz allem doch der Jude und wir behandelten ihn mit einer gutmütigen Nachsichtigkeit, er gehörte zu „uns" und war doch nicht ganz wie „wir", er stand abseits? war anders; für seine Stammesgenossen „die Juden", war er auch etwas Fremdes, der „Meschumed" war er, der „Apikoires", der Abtrünnige mit einem Worte, der seine Peies abgeschnitten hatte, Schweinefleisch aß, am Sonnabend lernte und mit den „Gojim" verkehrte. So gehörte er weder in das eine noch in das andere Lager, sondern bildete ein sonderbares Mittelding, an dem beide Parteien ihr Mütchen kühlen und ihre gegenseitigen Rechnungen ausgleichen konnten. Beide lockten ihn und beide stießen ihn gleichzeitig wieder zurück. Das Leben hatte ein förmliches Seil zwischen seine Füße geworfen, auf dem er fortwährend balanzieren mußte. Und es gelang ihm tatsächlich, dank seinem guten, allverzeihenden Herzen, das die einen wie die anderen liebte und den einen wie den anderen vergab. Dieses gute, allverzeihende Herz bildete die versöhnende Synthese in dem Gewirr ewiger Antithesen und dem Strudel entgegengesetzter Strömungen, in dem er ewig lebte, und rettete ihn vor der Verbitterung, die bei jedem anderen in seiner Lage entstanden wäre. Uns predigte er immer sein Lieblingswort: „Nu, ein Jud! Ist denn ein Jud' kein Mensch, nu!?" und bekräftigte uns diesen Satz mit jedem seiner Schritte, seiner SelbstaufWferung, der Weichheit und Liebe seines Wesens; die anderen wieder suchte er zu überzeugen, daß nicht alle „Gojim" schlecht seien, daß sie sogar ein Herz haben und daß Menschenhaß und Mißachtung des Individuums rächt ihre unumgänglichen Eigenschaften bilden. Und sowohl auf der einen als auf der anderen Seite hatte seine Predigt wenig Erfolg, man glaubte ihm nicht, man konnte und wollte ihnr nicht glauben, er blieb allein mit seiner Ueberzeugung, fremd und einsam unter den einen, wie unter den anderen. Und wieder rang ein Drama in seinem kindlichen Herzen, wieder suchten zwei Antithesen in ihm die versöhnende Synthesis. Auf der einen Seite standen „wir", aus der andereil Anton Antonowitsch. „Na was? Machst Drr das Geschäft?" riefen wir fröhlich im Chor. David Gurweiß zwinkerte nur mit den Augen und sagte kein Wort. (Fortsetzung folgt.) Druck und Verlag von Rudolf Moffe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.