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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-01-05 · Heft 1 (5.1.1906) · p. Seite 11

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 1 (5.1.1906)
Date
1906-01-05
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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: ' r;:-— ■ 11 -'—— Rache. ' Und die Ziege, die schon einmal der ganzen Klaffe einen Halben Tag Dunkelkarzer eingetragen hat, droht jetzt wieder der gesamten Schar mit dem entsetzlichsten Fünfer für das ganze Vierteljahr. Ganz sichere^Gerüchte verlauten, daß Anton Antonowitsch, „die Ziege", für die morgige Schularbeit ein ganz unmögliches, haarsträubendes Thema vorbereitet hat. Die Aufregung, das Entsetzen, die Empörung waren riesenhaft . . . Selbst unsere „Esel", die im allgemeinen der Wissenschaft, den Aufgaben und Noten gegenüber eine skeptisch-kühle Haltung markierten, selbst sie, unsere Helden, unsere Kämpfer und Athleten, waren über diese furchtbare Ungerechtigkeit empört. Einen halben Tag Karzer und schließlich noch ein haarsträubendes, unmögliches Thema für eine n Ziege! Für eine Ziege mit abgerissenem Hintern! Nein, das war mehr als ungerecht, das war teuflisch grausam .... Etwas mußte geschehen, die Klaffe mußte gerettet werden. Die Rache stand vor der Tür und unsere Gegenwehr mußte ebenso rasch erfolgen; einen Fünfer für das ganze Quartal, das bedeutete erstens eine strenge elterliche Ermahnung in der einen oder anderen Form und die Wahrscheinlichkeit, am Schluß des Jahres mit Glanz beim Examen durchzufallen. Beide Perspektiven waren höchst unerfreulich, umsomehr, als auch eine gewiffe Beziehung zwischen der ersten und zweiten in Zukunft bestand ... Also Rettung, aber in welcher Form? Hunderte von'Projekten, eines immer grandioser als das andere, wurden vorgeschlagen und kurzer Hand zurückgewiesen, trotzdem sie alle für die lebhafte Einbildungskraft und das Gerechtigkeitsgefühl ihrer Urheber zeugten und von glühendem Haß gegen „die Ziege" erfüllt waren. Den Donner erzeugen, eine Ueberschwemmung verursachen, einen Sturm beschwören, das waren alles wunderschöne Dinge, aber sie lagen bedauerlicherweise nicht in unserer Macht . . . Und ebensowenig konnte die ganze Klasse plötzlich Bauchschmerzen bekommen und sich in dringenden Angelegenheiten nach Hause begeben. Aber sollte es denn wirklich keinen Ausweg mehr für uns geben, keine Rettung? . . . Plötzlich durchzuckte eine Hoffnung die verzweifelten Gemüter, alle Lippen wiederholen flüsternd das Gleiche und dann erfüllt ein leidenschaftlicher, kurzer, verzweifelter Ruf der gesamten Schülerschaft den stillen abendlichen Hofraum. „Chaim — Srul — Hersch — hierher, hier—her." Wer mit den Gesetzen und Traditionen der Schule wenig vertrant war, hätte in diesem Augenblick annehmen müssen, daß ein ganzes Ghetto oder wenigstens ein großer Teil davon aufgeboten wurde. In Wahrheit galten all diese Rufe einem einzelnen Menschenkind, einem Schüler, der am anderen Gnde des Hofes mit einem Buch in der Hand stand und „die Ausnahmen auf is" auswendig lernte . . . Er setzte sich sofort in Bewegung, tat es aber offenbar nicht mit der"erwarteten Schnelligkeit, denn ein zweiter, noch ungeduldigerer Schwall von Rusen ertönte: „Jud! He Du, Jud, vorwärts, Salomon, dickäugiger." Eine derartig vielseitige Bezeichnung mußte jedem kompetenten Menschen nur natürlich erscheinen. Die Schule hat ihre eigenen Gesetze und nach ihnen darf kein einziges Mitglied des Lehrkörpers und kein Kollege seinen wirklichen Rainen behalten. Schüler werden, bedeutet für uns, in einen Bund oder einen richtigen Orden eintreten, wo jeder Neophit seinen eigenen Rufnamen erhielt. Dieser Name, mochte er noch so widersinnig sein, war nur ein Zeichen allgemeiner Sympathie, eine Art Symbol der Zugehörigkeit zu der großen Schar der Kollegen und bildete oft den Stolz und die Ehre seines Trägers. So gab es in der Schule „Nashörner", „Kraniche", „Heringe", und so trug auch der gutmütige, von allen gern gesehene Gurweiß alle jüdischen Vornamen von §A bisZ. Anfangs hatten einige vorgeschlagen, ihn „das Füßchen" nennen, wobei sie ausschließlich seine äußeren Eigenschaften 'berücksichtigten, andere wollten ihn „Hefenkloß" nennen, und wieder andere „Mazze". Es fanden sich sogar einige Stimmen für „Jscharioth". Wahrscheinlich hatte die Schule sich schließlich zu der jüdischen Bielnamigkeit entschloffen, weil keine der Parteien durchdrang. „Hör' Jud!" Gurweiß kam mit vorgestrecktem Halse heran und spitzte aufmerksam die Ohren. Dabei lag das gutmütigste Lächeln auf seinem semitischen Gesicht, als wollte er sein stereotypes Sprüchlein, das er immer auf der Zunge hatte, wiederholen: „Nu! ein Jud', ist denn der Jud' kein Mensch?! Nu?!" Sein Anzug war, wie gewöhnlich, in der malerischsten Unordnung. Die wenigen Knöpfe, die sein Rock noch aufweisen konnte, baumelten elegisch, ein paar Nähte waren geplatzt, überall steckten Bändchen vor, sonst gab dies merkwürdige Aussehen der Schule Stoff zu unzähligen Witzen, jetzt dachte niemand daran. Aus dem geheimnisvollen Flüstern, den energischen, leidenschaftlichen Bewegungen und der allgemeinen Erregung, schloß auch Gurweiß, daß es sich um eine ernste Angelegenheit handelte und ließ seine runden, vorstehende,t Augen fragend von einem Gesicht zum andern gleiten. „Hö-ör!"! „Nu", antwortete er ebenso flüsternd. „Mach' den Knopf doch da zu, siehst Du, er ist schon wieder offen." — Einer bemerkte es doch und lächelte. Gurweiß tat es rasch. „Nu, und was jetzt?" — „Rette die Klasse!" — Die Klaffe retten? Welcher Kollege hätte eine so schmeichelhafte Bitte, eine solche Ehre von sich gewiesen? Natürlich keiner und nie. So etwas schmeichelt dem Ehrgefühl, kitzelt den Stolz ... An David Eurweiß's Bereitwilligkeit konnte kein Mensch zweifeln, sie lag ganz deutlich in seinen vorstehenden Augen, in seiner Gestalt, die sich gespannt vorreckte, das Gesicht und das Lächeln zeugten dafür, selbst die Haare, selbst die langen, etwas bläulich angelaufenen Ohren. „Nu?" Jn diesem Nu lag außer der selbstverständlichen Bereitwilligkeit auch schon die Forderung einer Erklärung. Sie ließ natürlich nicht auf sich warten, in wichtigen Momenten konnten wir lakonisch sein, wie weiland Spartas edle Greise. Sein „Nu" bedeutete so viel wie ellenlange ^.Perioden, dafür war auch die Antwort einer klassischen Heldenschar würdig. „Stiehl' die Hausaufgabe!" Alles! . . . Wie wenig und doch gleichzeitig wieviel für einen wirklichen Kameraden! Das hieß soviel als: riskier' du's pro bono publieo, das hieß: sei lustig und klug genug, rette, erlöse, zeige dich großer Helden würdig. Das bedeutete endlich, du bist unser, ganz unser und darum rette! Das und noch vieles andere lag in diesen beiden Worten. Der Wahrheit die Ehre, David Gurweiß fuhr nicht erschreckt zusaminen, kein Schatten, nicht einmal eine leise Andeutung von Furcht lag in seinem Gesicht, das nur ein grenzenloses Erstaunen ausdrückte. Nicht einen Moment lang vermochte die Vorstellung des Dunkelkarzers, der ihm für solche Taten drohen mußte, seine „kollegiale" Seele zu trüben. Nicht einmal die verhängnisvolle Gestalt des Zerberus Potap erstand vor seiner Seele. Und dabei war es doch bekannt, daß der Zerberus streng dafür sorgte, daß die eingesperrten Helden — o sancta simplicitas — er nannte sie „dreckige | Teufelsjungen" von ihren mitfühlenden Brüdern nicht mit

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