Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-01-05 · Heft 1 (5.1.1906) · p. Seite 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 1 (5.1.1906)
Date
1906-01-05
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228690-3228692--62296-3289427
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 10 -=- Werthers bog“ — nach dem weichen B in dem Worte „Pistole" zu urteilen, und dem Buchstabenschnitzer bog für boy, dürfte der ausübende „Künstler" dieses Blattes eher in Pirna als in London zu Hause gewesen sein. Gelegentlich meines erwähnten Besuches sagte mir Cohn, er habe die Absicht, diese Werther-Sammlung, die in einer so reichen Vollständigkeit jetzt nicht mehr zusammenzubringen sein dürfte, „von Todes wegen" dem Frankfurter Goethe- Hause zu vermachen. Ob er diese lobenswerte Absicht ausgeführt hat, weiß ich nicht. Jedenfalls wäre zu wünschen, daß sie in ihrem wissenschaftlichen und kulturgeschichtlichen Zusammenhang vereinigt bliebe, um der Sache willen, und um das Andenken eines trefflichen Bücherfreundes, eines hervorragenden gelehrten Forschers, für alle Zeiten zu bewahren. Btt Hude. Aus dem Russischen'von Grigorij Matschtet. I. 4 dt) will mit dieser kleinen Erzählung durchaus nicht die Verteidigung eines ganzen Volkes bezwecken; ich will es schon deshalb nicht, weil es diese Verteidigung gar nicht nötig hat. Das jüdische Volk hat seine Geschichte, deren Bedeutung für die Entwicklung der Menschheit auch der verwegenste Antisemit nicht 'leugnen wird, vorausgesetzt, daß' er lesen und schreiben kann. Die großen Juden haben ihre Namen in die Geschichte unserer Kultur und unserer Aufklärung mit unauslöschlichen? Zügen eingetragen. Sie leuchten dort in so strahlendem Licht, daß mein einfacher und bescheidener Kreisarzt David Gurweiß, dessen Geschichte ich hier erzählen will, neben ihnen natürlich kaum in Betracht kommt. Ich weiß auch, daß die Juden, wie jedes andere Volk, neben ihren guten, eine ganze Reihe schlechter Eigenschaften besitzen, aber ich begreife auch, daß diese letzteren, wie immer und überall, nicht durch angeborene Eigentümlichkeiten der sogenannten „Rasse" bedingt sind — wie manche behaupten — sondern die > Folge äußerer Umstände und der Lebensverhältnisse sind. Ueberdies ist'das schon eine so alte Wahrheit, daß man sich fast schämen sollte, sie zu wiederholen, wenn nicht, ja, mein lieber Leser, wenn nicht, . . Ich habe auch durchaus nicht die Absicht, meinen Freund und Kollegen zu idealisieren, ich will nur einige charakteristische Episoden aus seinem Leben erzählen und wenn irgend jemand geneigt sein sollte, sie als Heldentaten zu bezeichnen, so bin ich natürlich7ganz unschuldig an der Sache. Ich will nur noch nebenbei bemerken, daß wir überhaupt wenige geneigt sind, im Alltagsleben auf die wirklich großen Taten eines einfachen Sterblichen, wie wir alle, zu achtens Wir gehen ganz ruhig an ihnen vorüber, wie an den gewöhnlichen Ereignissen des Tages, und zu unserem größten Erstaunen erfahren wir dann, daß eben diese gewöhnlichen Ereignisse wirkliche Heldentaten waren. Aber man muß sie lins ins richtige Licht setzen, man muß sie uns ganz eindringlich schildern und alle Einzelheiten erzählen — sonst glauben wir's nicht. Dann aber stehen wir ganz verdutzt und erstaunt da und schütteln unsere Köpfe: Nein, sagen Sie bloß, wer hätte das von' diesem Menschen erwartet. . . So ein unscheinbarer kleiner Kerl und nun . . . Na, sagen Sie bloß ... Ein Held, ein wirklicher Held . . . Nein, wissen Sie, jetzt Hab' ich auch eine ganz andere Meinung von diesem Menschen ufw. usw. — Mer trotz dieser ganz veränderten Meinung fahren manche von uns noch fort, dem betreffenden Helden vertraulich aus die Schulter zu klopfen, wenn er zu bescheiden und einfach ist, um jetzt den ihm gebührenden Platz mit Würde einzunehmen. Und sie haben noch immer jenen eigentümlichen, gönnerhaften Ton für den Helden, den sie bei anderen, z. B. ihrem Vorgesetzten, nie wagen würden. . . Ach! die äußeren Verhältniffe und die eigene, zähe Stimmung, die sie unserer Seele geben. Und doch, ich gestehe es, ich wäre unendlich froh, wenn meine kleine Erzählung dazu beitragen sollte, daß viele meiner lieben Landsleute, für die der Kreisarzt David Gurweiß in erster Reihe oder nur „der Jude" ist, sich dazu bequemen würden, ihre Spitznamen und Schlagworte vorsichtiger zu verteilen und den Menschen nach seinem Herzen und seinem Verstände zu beurteilen. Ich beginne meine Geschichte mit der ersten Zeit der langjährigen Freundschaft; die mich mit Gurweiß verbindet. Die Sonne ist längst hinter den hohen Mauern des Schulgebäudes verschwunden. Das weiche, graue Dämmerlicht des frühen Herbstabends wird dichter und dunkler und steigt in breiten Massen von dem Dach des Schulhauses, hinter dem sich die Sonne verborgen hat, langsam in den weiten Schulhof. Es ist die Zeit für uns, wo wir mit unseren Schularbeiten fertig sind Nnd im Hof zusammenkommen dürfen, um zu spielen, auszuruhen und „unsere Angelegenheiten" zu ordnen. Es ist ein überaus wichtiger Moment im Schülleben. Die Gymnasiasten zeigen jetzt ihre „Wunderdinge", geschickte Ballspieler produzieren sich in ihrer bewunderten nnd beneideten Kunst, wer sich irgendwie gegen die Kollegen vergangen hat, erhält jetzt unwiderruflich seine Strafe nnd die Helden werden mit dem wohlverdienten Lorbeer geschmückt. Und auch die „Taten" für den nächsten Tag werden in dieser Stunde und an diesem Ort beraten, diese merkwürdigen Taten, die „unsere Feinde" zur Verzweiflung bringen sollen. Als unsere Feinde bezeichnen wir natürlich das gesamte Lehrerpersonal, und die Rache „unserer Feinde" besteht in entzogenen Mittagsmahlen, Karzerarrest und Fünfern, die über unsere „Helden" verhängt werden. Hunderte von hoffnungsvollen Jüngern in dunklen Uniformen mit roten Kragen und Aufschlägen') erfüllen den Hof; sie summen wie Hummeln, sie brüllen wie Bären und springen wie Panther, was unserem ärgsten Feinde, „dem Inspektor", merkwürdigerweise Veranlaffung gibt, uns mit einer Herde wilder Esel zu vergleichen, und wofür uns der ewig brummende Schuldiener Potap „dreckige Teuselsjungen" getauft hat. Hier und da tauchen vereinzelt kleine Gruppen auf, die eine staunenerregende Geschicklichkeit an den Tag legen, heldenhafte Zweikämpfe toben, Kleidungsstücke und Kopfhaare kommen in Gefahr, wilde Gespräche werden geführt. Die Bewegung ist allgemein und der Lärm nicht gerade harmonisch. Plötzlich tritt Stille ein — alle drängen sich fieberhaft, leidenschaftlich gestikulierend zu einem großen Haufen zusammen, man lauscht, man flüstert. Etwas Neues, Unerwartetes muß eingetreten sein — eine verhängnisvolle Nachricht hat die jungen Ohren, berührt, hat die jungen Leiber zusammengedrückt. Die Sache ist wirklich schlimm, der Schule, uns allen droht schweres Unheil. Anton Antvnowitsch, derselbe Anton Antonowitsch, den man jüngst mit der sinnigen Darstellung einer Ziege mit abgeriffenem Hintern an der Schultasel überrascht hatte, welche Ziege ein sinniges Symbol seiner höchst ehrenwerten Persönlichkeit darstellen sollte, brütete furchtbare y Die russische Gymnasiastenkleidung der siebziger Jahre.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.