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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-01-05 · Heft 1 (5.1.1906) · p. Seite 9

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 1 (5.1.1906)
Date
1906-01-05
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Quartbandes von 55Ö Seiten, der nn ersten Teil die weitgreifenden literatur- und theatergeschichtlichen Ausführungen bringt, im zweiten einige Texte der von den sogenannten „Englischen Komödianten" in Deutschland und Holland am häufigsten gespielten Komödien und Tragödien. Das großzügige Werk, ein Zeugnis umfassenden Wissens und emsiger Arbeit, verdankt sein Entstehen der Anregung Ludwig Tiecks, der bereits im Jahre 1817 aus die durch die „Englischen Komödianten" vermittelten engen Beziehungen zwischen deutscher und englischer Bühnenkunst hingewiesen hatte, doch räumte erst Cohns Arbeit init all den Mythen und vagen Ueberlieferungen auf. die die werdende deutsche Bühnenkunst bisher verschleiert hatten. Cohn hatte vor der Ausarbeitung des Werkes in einigen aufklärenden Artikeln im Londoner „Athenäum", dieser angesehensten Gelehrtenzeitschrift, auf das Thema hingewiesen und infolgedessen von englischen Sammlern und Bibliotheksbesitzern mancherlei unbekanntes Material erhalten, anderes mußte er mühsam aus staatlichen und städtischen Archiven, aus einer Fülle von theatergeschichtlichen Quellenwerken und allerlei verschollenen Zeitschriften zusammensuchen. Durch Cohns „Shakespeare in Germany“ sind die Jdeengänge dieser Forschung erst in Fluß gekommen, und sein Anstoß hat zu außerordentlich wichtigen Ergebnissen der ganzen europäischen Theatergeschichte geführt. Man kann behaupten, daß es kaum in der Literaturgeschichte ein anderes Buch gibt — das nicht gerade ein Nachschlagewerk ist —, das soviel zitiert und ausgeschrieben worden ist, wie diese gelehrte Arbeit des jungen Berliner Antiquars, der sofort von den ersten Fachgenossen als eine Autorität der Shakespeare- Forschung anerkannt wurde. Seine weiteren, besonders bibliographischen Arbeiten über den großen William, die er dann für das Shakespeare-Jahrbuch über 36 Jahre lang, von 1864, der Begründung der Shakespeare-Gesellschaft an, bis zum Mai 1900 fortführte, gedachte er mit einer Gesamtdarstellung der Shakespeare-Bibliographie von Anfang an bis zum Jahre 1863, wo seine dahinzielende Arbeit am Jahrbuch begann, abzuschließen. Eine ganze Wand voll Zettelkästen zeigte er mir noch vor einiger Zeit, als ich ihn besuchte. Wenn ich nicht irre, hatte er bereits zur Bibliographie der einzelnen Stücke Shakespeares, ihrer Quellen, Uebersetzungen, Bearbeitungen, kritischen Beurteilungen in Büchern, Broschüren, Zeitschriften und so weiter etwa 18 000 Zettel vollendet, und er sprach damals die Hoffnung aus, daß die Shakespeare-Gesellschaft seine Arbeit drucken lassen würde. „Wer weiß, ob ich das Ende der Arbeit erlebe," sagte er damals trüb und ahnungsvoll! — Seine literarische und bibliophile Arbeit galt außer Shakespeare noch zwei deutschen Großen der Dichtkunst und Literatur: Goethe und Schiller. Er kannte die Werke beider in ausgedehntem Maße und beherrschte die Forschung über beide deutschen Nationaldichter auf das eingehendste, zumal er mit den ersten Gelehrten auf diesem Gebiete, Salomon Hirzel, Gustav von Loeper, Wendelin von Maltzahn, dann später mit den Forschern der Schererschen Schule in persönlichem und geschäftlichem Konnex stand. Gleich seinem gelehrten Kollegen in Leipzig, Dr. S. Hirzel, dessen wunderbare, einzige Goethe-. Sammlung die dortige Universitätsbibliothek als Erbteil erhalten hat, veröffentlichte Albert Cohn eine Reihe von hübschen Einzel- und Privatdrucken aus der Goethe-Literatur, So gelang es ihm, die wunderbaren Briefe Goethes an die geistreiche Marquise Branconi, die „schöne Fee von Langenstein", zu erwerben, die dann in Hoffmann von Fallerslebens „Findlingen" erschienen, aber auch von Cohn als Sonderdruck verschenkt worden sind. Eine weitere seiner Publikationen ist das Heftchen „Ungedrucktes", das in einem bunten Strauß ein Dutzend Schiller-Briese, Briefe seiner Frau und seiner Familie, mehrere Briefe, Billetts und Gedichte, sowie je ein Schreiben von Kant und Jean Paul mit sachgemäßen Erklärungen darbietet. Ferner hat Cohn einen unbekannten Bogen der ersten Ausgabe von Schillers „Räubern" aufgefunden, der während des Druckes bereits vom Dichter unterdrückt worden war und in milderer Fassung zur definitiven Veröffentlichung bei der Ausgabe des Buches gelangte. Zu den Bücherschätzen des Goethe- und Schiller-Archivs in Weimar hat Cohn seine ganze Goethe- Sammlung, dem Schiller-Museum in Marbach seine große einzigartige Schiller-Sammlung geliefert. Nur von zwei Hauptbeständen seiner mit großer Liebe und Sachkenntnis zusammengebrachten eigenen Bibliothek vermochte er sich bei Lebzeiten nicht zu trennen. Zuvörderst besaß er einen büchertechnischen, bibliographischen Handapparat, eine Sammlung von Büchern über Bücher, wie sie wohl nur wenige Buchhändler, wenige öffentliche Bibliotheken oder Sammler ihr eigen nennen mögen. Hierzu gehörte die gewaltige Reihe von Quartheften, die den Katalog des britischen Museums bilden, ein Bücherverzeichnis, das eingebunden 2000 Mark gekostet hat. Noch kostbarer aber war seine Werther-Sammlung, die vielleicht an Büchern und Drucken an 300 Bände, an Kupfern, Bildern und Kompositionen, aber fast alles in kostbaren Exemplaren, enthielt, was der merkwürdige Goethe'sche Jugendroman an Jllustrationsmaterial hervorgerufen hat. Diese Werther-Sammlung umfaßt alle Ausgaben von Goethes Werk, von Anfang der Originalausgabe an, in allen Varietäten der Drucke, alle irgendwie wichtigen Originalausgaben und Nachdrucke, die Uebersetzungen in alle Sprachen, die zahlreichen Parodien und die kaum zu übersehen mögliche Gelegenheitsliteratur über und zu Werther, deffen Name fast ein ganzes Jahrhundert lang immer wieder in der poetischen Literatur als „vielbeweinter Schatten" heraufbeschworen wird. Alle Gegenschriften und Rezensionen von Werthers Leiden zeigte mir Albert Cohn in köstlichen, fast neuen Exemplaren, ebenso die Uebersetzungen ins Englische, Französische, Holländische, Italienische und Neugriechische und anderes mehr. Das hübscheste Büchlein hiervon war wohl die französische Uebersetzung von dem jungen Schweizer George Deyverdun, Maastricht, 1776, die die zierlichen Chodowieckischen Kupfer der zweiten Originalausgabe enthält. Der Uebersetzer hatte das kostbar gebundene Büchlein mit einer handschriftlichen Widmung an Chodowiecki versehen. In den Werther-Jllustrationen waren neben den hypersentimentalen englischen und deutschen Stichen aus dem Ende des achtzehnten und dem Anfang des neunzehnten Jahrhunderts auch ganz rohe Holzschnittbilderbogen aus der Werther-Zeit vorhanden, ganz im Stile der Neuruppiner Bilderbogen unserer Kinderzeit, die wohl als Guckkastenbilder oder Jahrmarktsblätter gedient haben mögen. Auch die reiche Abteilung über Werther auf der Bühne hat allerlei Kuriosa: Werther im mittelalterlichen Ritterkostüm, Charlotte neben ihm im ausgeschnittenen Kleide mit großem Stuartkragen, beide in hochdramatischer Pose, wie nach einer großen Oper gezeichnet. Bekanntlich grassierte zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts in England eine wahre Werther-Manie. Man kleidete sich nach der Tracht der Werther-Zeit, und eine lange Reihe von Abbildungen gibt Szenen aus dem Roman wieder. Am liebsten waren die Bilder der Szene, in der Lotte ahnungslos dem jungen Boten Werthers die Pistolen Alberts übergibt; in zahllosen Variationen wurde dieses Bild gezeichnet, geschnitten und gestochert. Daß auch deutsche Kunsthändler auf diese Manie der Engländer spekulierten, zeigte ein Blättchen aus Cohns Sainmlung mit der englischen Unterschrift: „Lotte giving tlie ßistols to

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