Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1906)
- Date
- 1906-01-05
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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«isp Punkt stellen — man isoliert uns, und darum sollten wir die daraus sich ergebenden Lehren ziehen. Als einst bei der Gründung, der Wiener Wärmestnben, die sicherlich am allerwenigsten Juden zugute kommen, ein Wiener Finanzier die Summe von 100 000 fl. spendete, machte irgend jemand die witzige und doch so wehmutsvolle Bemerkung: „Auch diese Summe, für die Wärmestnben gespendet, wird unsere Gegner nicht erwärmen." Ein wahres, wenn auch tieftranriges Wort! Der päpstliche Nuntius in Wien verurteilt die Judenmorde in Rußland im Namen seiner Religion, in demselben Augenblicke läßt sich ein Pfarrer ebenderselben Religion im niederösterreichischen Landtage vernehmen, es werde mit dem Worte Toleranz, die im Namen der Religion gelehrt wird, allzuviel Unfug getrieben, die Juden würden sich in noch viel größerer Zahl taufen lassen, sie tun es nur darum nicht, weil sie fürchten, man werde es ihnen nicht glauben, daß sie aus Ueberzeugung zu einer anderen Religion übertreten. Es ist freilich etwas anderes, was die großen Vertreter der Religion hochtrabend in „liberalen" Zeitungen verkünden, und was die Kleinarbeiter im Weinberge des Herrn allwöchentlich auf den Kanzeln ausrufen oder in politischen Versammlungen und Vertretungen hören lassen. Müßig wäre es, nachzuforschen, ob die jetzigen Judenverfolgungen in Rußland denen der Kreuzzüge oder denen Spaniens gleichen, ob wir sie besser mit der Geserath ha-Bo'im oder mit der Gescratli Chmelnicky zusammenstellen. Wir können nur eines sagen: Düster ist unsere Lage, traurig ist, was vor unseren Augen geschieht, und das traurigste ist, daß wir nicht nur keine Teilnahme finden, sondern mit Recht behaupten können: Ließe man in anderen Ländern den wilden Mob wüten wie in Rußland, es würde uns nicht bester gehen wie unseren Brüdern im Norden. Hat doch ein Held von der traurigsten Gestalt im Wiener Landtage schon vor Jahren ein Schußgeld verlangt für jeden erschossenen Juden, hat er doch die Juden mit dem Wilde gleichgestellt, aus das man eine fröhliche Hatz veranstalten sollte. Schämen wir uns, daß wir es so herrlich weit gebracht. Und warum will man gerade von uns, daß wir nach dem Worte leben: „Liebet jene, so euch hassen?" Jwri. Luchhsndlrr und Gelehrter. Von Gotthilf Weisstein. iner der Begründer der modernen internationalen Shakespeare-Forschung, der Aelteste unter den deutschen Antiquaren und wohl deren Erster, Albert Cohn, ist, wie ja s. Z. schon berichtet wurde, am 24. August in Berlin im 79. Jahre seines arbeitsreichen Lebens gestorben. Nicht ohne eine gewisse Tragik ist dieser Tod, denn das Werk seines Lebens, seine große Shakespeare-Bibliographie, mußte der Unermüdliche unvollendet und ungedruckt zurücklassen, obwohl der allergrößte Teil seiner gelehrten Arbeit wohl unter Dach gebracht sein dürfte. Einer angesehenen Berliner Familie entstammend, erlernte Cohn in dem bekannten Hause von Julius Springer den Buchhandel, um bald darauf bei der Firma A. Asher einzutreten, wo das Antiquariat neben dem Sortiment gepflegt wurde. Bei dem gelehrten Asher lernte der junge Berliner das Antiquariat aufs Gründlichste kennen und legte hier im Verkehr mit der Berliner Gelehrtenwelt und einem internationalen Fremdenpubliknm den Grund zu seinem enzyklopädischen Wissen auf dem Gebiete der Literatur, wobei ihn reiche Sprachkenntnisse unterstützten. Die ersten Proben seines bibliographischen Könnens legte er ab, als er in Ashers Aufträge die große, umfassende Bibliothek des Dichters Ludwig Tieck ordnen und katalogisieren sollte. Unter den Augen des Romantikers arbeitete er in dessen Haufe, Friedrichstraße 208, in diesen wunderbaren Bücherschätzen aus aller Herren Ländern, und oft hat er mir von Tiecks Art und Wesen berichtet, besten Bücher, etwa 36 000 Bände, fast ein ganzes Stockwerk füllten. Der von Cohn gefertigte Katalog der „Bibliotheca Tieckiana", deren Versteigerung am 10. Dezember 1849 stattfand, gilt heute mit seinen exakten Angaben als eine bibliographische Seltenheit ersten Ranges, die sehr hoch bezahlt wird. Er zeichnet sich durch alte, überaus seltene Shakespeare- Ausgaben, ferner eine Sammlung von spanischen Komödien, Seltenheiten der altdeutschen und klassischen Literatur, sowie erste Ausgaben der Sturm- und Drangperiode vor den Bücherverzeichnissen jener Zeit in bemerkenswerter Weise aus. Sehr interessant und wenig bekannt sind die Umstände, die den gelehrten Romantiker dazu zwangen, sich von seiner kostbaren Büchersammlung zu trennen, sowie die Einzelheiten der Auktion selbst. Wie mir Albert Cohn berichtete, brauchte Tieck Geld, um die gewaltigen Schulden seines Bruders, des Bildhauers Friedrich Tieck, zu decken, der ein leichtlebiges Künstlerdasein mit einem italienischen Modell, einer blühenden Schönheit, führte, die in leichtsinnigster Weise allerlei Putz und Krimskrams zusammenkaufte, ohne daran zu denken, woher das Geld dazu Herkommen sollte. Schweren Herzens willigte Tieck in die Auktion. Und bei der Auktion selbst gab es einen großen Spektakel, da Asher bereits einen großen Teil der Sammlung, und zwar ihre allerkostbarsten Schätze, so die altdeutsche Literatur, die seltenen Goethe-Drucke, die spanischen Komödien usw. an das British Museum nach London verkauft hatte, ohne etwas darüber bekannt zu machen, und ohne den, Katalogverfasser ins Vertrauen zu ziehen. Sehr humoristisch schilderte Cohn die Wut der anwesenden Bieter, der ersten Buchhändler und Gelehrten aus aller Welt, die eigens zur Tückschen Bücherauktion nach Berlin gekommen waren und nun das Nachsehen hatten, als nach Nr. 1 des Katalogs gleich Nr. 11 oder 12 aufgerufen und ausgeboten wurde. Es kam dann später zu einem freihändigen Verkauf der Restbestände, worüber noch ein zweiter Asherscher Katalog vorliegt, der aber keinen bibliographischen Wert besitzt. Einen Teil der Tieckschen Bücherbestände hatte, wie berichtet wird, der König Friedrich Wilhelm IV. für die Berliner königliche Bibliothek erworben. Im Jahre 1852 übernahm Cohn die Ashersche Buchhandlung und führte sie in großem Stile bis 1874, wo er ein wissenschaftliches Antiquariat unter seinem eigenen Namen begann, das er bald zu einer der ersten Firmen des antiquarischen Weltmarkts emporhob. Seine weiten Beziehungen zu England und Amerika, seine Verbindungen mit den ersten Sammlern, Forschern und Bücherfreunden brachten ihn in die Lage, die seltensten Schätze an Büchern, wertvollen Handschriften und Autographen in seinen trefflichen Katalogen zu vereinigen. Seine Auktionen der Sammlungen des bekannten Forschers Wendelin von Maltzahn, des Grasen Paar und andere bildeten Ereignisse auf dem Büchermärkte und in der Sammlerwelt wie bei den interessierten wissenschaftlichen Instituten. „Shakespeare in Gennany in the sixteenth and seventeenth centuries: an account of english actors in Germany and the Netherlands and of the plays performed by them during the same period. By Albert Cohn, London and Berlin, Asher u. Cie 1865“ — so lautet der Titel eines starken, prächtig ausgestatteten .A ni