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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-01-05 · Heft 1 (5.1.1906) · p. Seite 7

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 1 (5.1.1906)
Date
1906-01-05
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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eines Heims für sittlich gefährdete oder bereits gefallene Frauen und Mädchen, in ländlicher Gegend in die Wege zu leiten. Der von der Antragstellerin. ausführlich begründete und näher erläuterte Plan wurde einem neungliedrigen Komitee zur Vorberatung überwiesen. Auf Anregung der Vorsitzenden wurden alsdann die Seniorinnen der Frauenbewegung, Frau Lina Morgenstern-Berlin, die übrigens am ersten Tage der Verhandlungen anwesend war und sich lebhaft an der Diskussion beteiligte,und Frau Henriette Goldschmidt-Leipzig, zu Ehrenmitgliedern des jüdischen Frauenbundes ernannt und die telegraphische Mitteilung dieser Wahl beschlossen. In ihrem Schlußworte dankte hierauf die Vorsitzende den Berliner Damen, besonders Frau Direktor May, sür die sorgsame Erledigung der nötigen Vorarbeiten zu dieserTagung und bat, die in dieser ersten Versammlung geleistete Kleinarbeit, die erst die Basis und die Kraft für die späteren großen Pflichten abgeben soll, nicht zu unte. schätzen. Namens der Versammlung gab Frau Rabb. Dr Eschelbacher-Berlin dem Danke an die Leiterin der Verhandlungen und den Vorstand des Bundes in herzlichen Worten Ausdruck. Die nächste Delegierten-Versammluug soll in zwei Jahren, voraussichtlich wieder in den Weihnachtsferien, in Frankfurt a. M. stattfinden. Nach Schluß der Tagung trat sofort der neugewählte Vorstand zu einer Sitzung zusammen, in welcher u. a. die Leitung des Presse-Komitees Frl Sidonie Werner-Hamburg übertragen wurde. Die nächste Vorstandssitzung wurde auf Weihnachten 1906 in Berlin anberaumt. — Die Verhandlungen machten unter der Leitung der geistvollen und energischen Vorsitzenden Frl. Bertha Pappenheim einen überaus günstigen Eindruck und bewegten sich vom Anfang bis zum Schluß in parlamentarischen Formen. Der Jüdische Frauenbund verspricht durch die Zusammenfassung der verschiedensten Frauenvereine Deutschlands ein segenbringender Faktor in der rationellen jüdischen Wohlfahrtspflege zu werden, und deshalb ein herzliches Glückauf zu weiterer gedeihlicher Tätigkeit! lörirk aus Lelterreich. Enoe Dezember 1905. ir alle befinden uns unter dem niederschmetternden Eindrücke der blutigen Nachrichten aus Rußland. „Aus dem Norden wird das Unheil hereinbrechen", furchtbar mahnt uns dies Wort, das einst der Prophet prägte. Man versammelt sich nun wieder viel bei uns, man hält Trauer¬ und gottesdienstliche Versammlungen ab, es wird viel geredet von der Kanzel herab wie von der Tribüne, ob damit geholfen wird, ist eine andere Frage. Hier gilt es, mit Geld das unsagbare Elend zu lindern, soweit man dies mit Geld vermag, und Geld kann ja vieles. Wir in Oesterreich haben freilich jetzt auch für unser Haus zu sorgen, denn es gärt und brodelt hier überall in der großen Hexenküche dieses vom Nationalitäten- und sozialen Streite durchwühlten Reiches. Ein Massenstreik droht, durch den die Sozialdemokratie das allgemeine Wahlrecht erobern will. Die Regierenden haben wohl erkannt, daß-man vergebens dem mächtigen Volkswillen sich entgegenstemmt. In Mähren schlossen die sich bekämpfenden Völker, die Deutschen und Tschechen einen — man weiß nicht wie lange dauernden — Frieden. Der mährische Landtag hat seine neue Wahlordnung, sie beruht zwar nicht auf dem allgemeinen, direkten und geheimen Wahlrecht, räumt aber den bis jetzt von der Wahl ganz Ausgeschlossenen eine bestiinmte Zahl von Stimmen und Mandaten ein. Damit begnügen sich nun freilich die Sozialisten nicht. Und so wird auch der Friede hier nicht einkehren, wenn auch die Deutschen zugunsten der Tschechen auf ihre bis nun behauptete Majorität verzichteten. Wo nationale und soziale Fragen zu einem schier unentwirrbaren Knäuel sich verquickt haben, da ist natürlich die Lösung doppelt schwer. Man mag nun darauf gespannt sein, zu hören, wie sich die Dinge in unserem Reichsrate entwickeln werden. Daß unser Wahlrecht einer gründlichen Reform bedarf, darüber sind wohl alle Einsichtigen in Oesterreich einig, darüber herrscht nur eine Stimme. Die Frage ist nur: Wird das allgemeine Wahlrecht diesem vielgeprüften Reiche Ruhe und Frieden bringen, die Möglichkeit einer wirtschaftlichen Besserung, nach der sich alle Gutgesinnten sehnen? Es wäre wahrlich schon an der Zeit, daß auch sür Oesterreich der Morgen besserer Tage anbricht. Aber bei uns erhebt nicht nur das Gespenst des nationalen Kampfes, sondern auch das der Reaktion hoch das Haupt. Man muß nur die Berichte über die Sitzungen des niederösterreichischen Landtags lesen, um zu verstehen, wie bange es uns ums Gemüt wird, wenn wir bedenken, daß Lnegers und Schneiders Partei durch das allgemeine Wahlrecht gestärkt werden könnte. Niederösterreich ist jetzt das dunkelste Oesterreich. Und diese Herren in der Wiener Land- und Gemeindestube müssen mächtige Protektoren haben, daß sie so zu sprechen wagen, wie sie es tun. Von einer Teilnahme für unsere armen Glaubensbrüder in Rußland kann, selbst bei unserer Intelligenz, kaum die Rede sein; wir verkehren viel in diesen Kreisen, wir hörten noch kein Wort des Bedauerns für die von der rohesten Wildheit hingemordeten Opfer; dafür kann man Aeußerungen hören, die uns darauf schließen lassen, daß man das scheußliche Stück Mittelalter, das sich vor unseren Augen in Rußland auftut, sogar billigt. Und wie sollte es anders sein, wenn man hört und liest, was sich Luegers Genossenin der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien an schwärzesten Reden leisten! Was mußte man über das Judentum nicht in den weitverbreiteten antisemitischen Zeitungen lesen, anläßlich eines schändlichenProzesses,desientraurigerHeldeinsogenannter Wiener Universitätsprosessor war, der zufälligerweise von Juden abstammt und nebenbei Millionär ist. Ein häßliches Laster, dem er fröhnte, und das bei den alten Griechen, die doch gewiß keine Semiten waren, herrschte, wurde als charakteristisch für das Judentum hingestellt, der alte Kohl von semitischer und arischer Weltanschauung wieder einmal aufgewärmt und der lüsternen Menge zum so und so vielten Male aufgetischt. So mögen doch die Rassenschwindler die semitische Bibel lesen und was sie über Sittlichkeit und Keuschheit lehrt, und dann wieder, was man bei Griechen und Römern für erlaubt, ja für guten Ton hielt, vielleicht werden sie uns dann endlich damit verschonen, Vorlesungen zu halten über arische Weltanschauung oder wie der Lug und Trug sonst heißt. — Daß doch, unsere reichen Juden insbesondere noch immer verstockt sind und keine Lehre annehmen wollen! Da starb jüngst ein Mitglied des weltbedeutenden Geschäfts- und Handelshauses. Er hinterließ eine Summe von nahezu 20 Millionen Mark für eine Stiftung, wie man sie sich nicht großartiger denken kann, für ein Nervenheilinstitut. Mit Recht wurde bemerkt, daß diese Summe dem niederösterreichischen Landesbudget gleichkommt. Die Stiftung soll nach dem ausdrücklichen Wunsche des Erblassers interkonfessionellen Charakter haben. Und was geschieht nun im Landtage Luegers? Da ein sogenannter Freisinniger dieser Stiftung im Landtage Erwähnung tut, wird ihm dies geradezu als Verbrechen angerechnet, und die Folge ist eine Schmähung des Verstorbenen, der gewiß niemals der nichtjüdischen Armen vergaß. Wahrlich, wenn die Juden aus diesen Debatten keine Lehren ziehen, sind sie unverbesserlich. Was nützte es Brodski in-Odessa» daß er in der menschlichsten Weise für Kranke nichtjüdischer Konfession gesorgt? Bewahrte ihn sein menschlicher Sinn vor blutiger Verfolgung? Hat man seiner humanen Stiftungen gedacht, als man jüdischen Kindern die Köpfe zerschellte? Nicht wir sind es, die wir uns auf den beschränkten konfessionellen Stand-

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