Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-01-05 · Heft 1 (5.1.1906) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 1 (5.1.1906)
Date
1906-01-05
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228690-3228692--62292-3289423
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

konfessionell. Aber wenn man in dem „nur konfessionell" alle die Ungerechtigkeiten geschehen lassen will, wie sie geschehen, dann ist es eine absolute Notwendigkeit, daß wir uns zusammenschließen. Ich zweifle nicht daran!, daß, wenn das Vereinsleben im Bunde belebt, um gestaltet und organisiert wird, sich Frauen entwickeln werden, die, ohne ihre Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft zu verwischen, tüchtige soziale Arbeiterinnen werden. Die nächste Ausgabe des Bundes, die mehr nach außen gehen wird, wird eine Umgestaltung der herkömmlichen Art der jüdischen Wohltätigkeit in eine rationelle Wohlfahrtspflege sein müssen. Tenn wenn auch Religion Privatsache ist, und Wohltun ein Gebot unserer Religion, so ist Wohltätigkeit heute längst nicht mehr Privatsache, sondern eine wichtige, öffentliche Angelegenheit, in deren Behandlung dem Einzelnen unter Umständen ein großes und schweres Stück Verantwortung zufällt. „Wenn Sie, meine Damen" — so schloß die Rednerin unter dem lebhaften Beifall der Versammlung — „den vom Vorstand vorsichtig abgesteckten Arbeitsweg erkennen werden, die einzelnen Punkte wird jede Frau für sich .herausfinden. Ich glaube, daß aus der Zusammenarbeit ein schönes Resultat sich ergeben wird, an dem Sie alle in gleicher Weise beteiligt sein werden." Nach der von Frau Direktor Henriette May-Berlin vorgenommenen Prüfung der Mandate und der Mitteilung einiger Aenderungen in der Tagesordnung, gab alsdann Frau May einen kurzen Geschäftsbericht. Auf die im Oktober bis Dezember versandten Aufrufe haben sich 70 Vereine bei dem Frauenbund bereits zum Anschluß^gemeldet; nur einige derselben machen ihren definitiven Anschluß noch von der^ Statutenberatung und dem pekuniären Moment abhängig. In der am 23. Januar d. I. stattgehabten Vorstandssitzung in Hamburg ist der Beschluß gefaßt worden, sich dem Hilfsverein der Deutschen Juden zur Verfügung zu stellen, der den Strom der russischen Auswanderer durch Deutschland leitet. Der Hilfsverein hat diese Mitarbeit freudig angenommen, und der vom Bund an die augeschlossenen Vereine erlassenen Bitte um Kleidersammlungen ist bereitwilligst in großem Maße entsprochen worden. Der schönste Erfolg dieses Zusammenarbeitens war der, daß der Frauenverein in Spandau dafür gewonnen werden konnte, sich dem Hilfsverein der Deutschen Juden für die Auswandererstation in Ruhleben zur Verfügung zu stellen. Es ist ferner versucht worden, einzelnen Familien, die ohne jeglichen Rat auswanderu, die Ansiedlung auf dem Lande zu ermöglichen, auch einzelne junge Mädchen sind bereits in einigen Fällen mit Erfolg untergebracht worden. Alle diese Tätigkeiten, die aus dem Rahmen des einzelnen Vereins herausfallen, haben nur durch das Eingreifen des Bundes, der diese Kompetenzen umfaßt, in bester Weise geregelt' werden können. Im Anschluß daran gab Frau Dr. Frankl-Berlin den Kassenbericht. An Einnahmen waren zirka 830. Mark zu verzeichnen, während die Ausgaben rund 486 Mark betrugen. Der Kassenbestand beläuft sich demnach auf zirka 340 Mark. Die Schatzmeisterin bat mit Rücksicht auf die überaus geringen Einnahmen und unter Hinweis aus die hohen moralischen, ethischen und pädagogischen Aufgaben des Bundes, auch aus rein wirtschaftlichem Interesse, stets bemüht zu sein, dem Bunde immer neue Mitglieder zu werben und ihn so auch auf finanziell gesunde Basis zu stellen. . Alsdann ergriff Fräulein Sidonie Werner-Hamburg zu ihrem Referate: „Die Anteilnahme der jüdischen Frau an der Gemeindearmenpflege"' das Wort. In einem nach Form und Inhalt trefflichen Mahnruf trat die Rednerin für die Forderung ein, die.Frauen als Helfexinnen an dem stolzen Bau des sozialen Fortschritts teilnehmen zu lassen. Um diese Forderung in die Praxis umzusetzen, sollten nach Ansicht der Rednerin die Frauen zunächst durch unentwegte praktische Tätigkeit' beweisen, daß sie fähig sind, auf dem Gebiete der Armenpflege Gleichwertiges mit den Männern zu leisten, daß sie die Arbeit der Männer ergänzen können, indem sie dort, wo männliche Kraft und Energie versagen, mit weiblicher Milde und zäher Ausdauer einsetzen. Die geistigen und geistlichen Führer der Gemeinden sollten ihren Einfluß dahin geltend machen, daß den jüdischen Frauen gleiche Rechte eingeränmt werden, wie sie die evangelischen und katholischen Gemeinden ihren Frauen freudig zugestanden haben. Endlich sollte der Frauenbund die führenden Vereinigungen innerhalb der deutschen Judenheit, wie den Deutsch-Israelitischen Gemeindebund, den Orden Bne Brith und den Verband der deutschen Juden, veranlassen, die Gemeindevorstände der Erfüllung der berechtigten Forderung geneigt zu machen. Zn Hamburg ist> wie die Rednerin zum Schluß ihrer mit sehr lebhaftem Beifall aufgenommenen Ausführungen mitteilte, ein Antrag, daß sowohl weibliche Familienmitglieder von Gemeindemitgliedern die Gemeindeangehörigkeit besitzen sollen, wie auch Israelitinnen vollständig die Gemeindezugehörigkeit erwerben können und alsdann weibliche Gemeindeangehörige in den Schulvorstand und in die Kommission für Wohlfahrts- und Armenpflege gewählt werden können, bereits in der zweiten Lesung der Kommission und wird nach dem Ergebnis der ersten Lesung voraussichtlich auch angenommen werden. Wir können uns auf diese kurze Inhaltsangabe des Referats beschränken, da wir erfreulicherweise in der Lage find, in einer der nächsten Nummern dasselbe ausführlich zum Abdruck bringen zu können. In der anschließenden Diskussion gab Frau Julie Neumann-Berlin einen Ueberblick über die Tätigkeit der Frauen in der hiesigen Wohlfahrtspflege; auch hier konnte sie nur von den freiwillig übernommenen Pflichten der jüdischen Frauen berichten, während ihnen jegliche Rechte leider auch noch versagt sind. Den Schluß des ersten Tages der Verhandlungen bildete die Beratung der Statuten, die mit einigen Aenderungen zur Annahme gelangten, zur endgültigen Festsetzung, des Wortlauts aber noch einem Redaktionskomitee überwiesen wurden. Der zweite Tag der Sitzung war zu einem größeren Teile der Erledigung von Formatiert gewidmet. Als Sitz des Bundes wurde Berlin bestimmt. In geheimer Wahl wurde alsdann der Vorstand zusammengesetzt. Es tpurden gewählt: Fräulein Bertha Pappenheim-Frankfurt a. M. (Vorsitzende), Fräulein Sidonie Werner- Hamburg (stellvertretende Vorsitzende), Frau Direktor Henviette May-Berlin (Schriftführerin), Frau Dr. Frankl-Berlin (Kassenführerin), Frau Dr. Höxter-Frankfurt a. M. (stellvertretende S christführerin), Frau Levy-Leipzig (stellvertretende Kaffenführerin, Frau Altmann - Kattowitz, Frau Rabb. Dr. Vögelst ein-Stettin, Frau Prof. Dr. Horowitz-Thorn, Frau Lea Calvary-Posen und Frau Blumberg-Dessau. Die Versammlung folgte alsdann einer Anregung von Frau Schmul-Soldau, welche die Unterstützung der kleinen, an der russischen Grenze befindlichen Frauenvereine als dringend notwendig bezeichnet, und beschließt, die spezialisierten Verzeichnisse der Auslagen dieser Vereine dem Hilfsverein der Deutschen Juden zu übergeben und die Berücksichtigung des Gesuchs um Unterstützung zu empfehlen. Frau Schlesinger- Frankfurt a. M. sprach hiernach über die Bedeutung des Flugblattes und gab eine klare und lehrreiche Uebersicht über die technische Ausgestaltung, die inhaltliche Form, die Art der Verteilung usw. .dieses so wirksamen Propagandamittels für alle Bestrebungen. Alsdann folgen eine Reihe von Anträgen, die auch von der Versammlung zum Beschluß erhoben werden. So wird nach einem Anträge von Frau Dr. Höxter die Errichtung einer Propagandazentrale beschlossen, die auch Wanderrednerinnen in die angeschlossenen Vereine entsendet oder in Orte, wo kein Verein besteht, zur Propaganda für einen solchen. In dieses Propagandakomitee wurden gewählt als Vorsitzende Frau Dr. Höxter und Frau Schlesinger aus Frankfurt a. M., als Beisitzerinn.'n Frau Rabb. Dr. Eschelbacher, Frau Klara Jordan und Frau Fernbach aus Berlin, Frau Levh- Leipzig. Einem Wunsche der Kaffenführerin entsprechend; wird die Entrichtung der jährlichen Mitgliederbeiträge aus die Zeit vom 1. bis 15. März festgesetzt. Ein Antrag Pappenheim empfiehlt, bei der jetzt bevorstehenden Unterbringung von russischen Waisenkindern sich nach Kräften zu beteiligen, jegliche Sonderbestrebungen zur Förderung dieser umfassenden Hilfsaktion zu unterlassen und alles einschlägige Material, wie die Angabe von Familien oder Waisenhäusern, welche zur Aufnahme dieser Kinder bereit sind, dem Frauenbünde mitzrrteilen, welcher es an das demnächst zu errichtende internationale osteuropäische Hilfskomitee weitergeben wird. Es wird als sicher angenommen, daß das letztgenannte Komitee auch ein internationales Frauenkomitee einsetzen wird. Die Versammlung erklärt ferner ihre Zustimmung zu einem ferneren Anträge Pappenheim, mit Rücksicht auf die infolge der Jndustriealisierung und Pauperisierung der Massen, wohl auch infolge der sinkenden Religiosität mehr und mehr zunehmende Unsitttichkeit, die Errichtun

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.