Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1906)
- Date
- 1906-01-05
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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MS iti einer Heilanstalt untergebracht wurde, so ist er doch wenigstens unschädlich gemacht worden, aber Dr. Lueger bleibt noch der mit der goldenen Kette geschmückte Bürgermeister Wiens. Bei unS in Oesterreich, ja selbst in dem so liberalen Triest, hat sich noch kein jüdisches Komitee gegründet, trotzdem hier die Juden erst vor kurzem für Kalabrien 46 000 Kronen aufgebracht haben. Ja, selbst der liberale „Piccolo" hat nicht einmal einen Aufruf an die Bürger erlassen wollen; nebenbei bemerkt, ist der Besitzer des „Piccolo" ein konfessionsloser ungarischer Jude, namens Mayer, und nebenbei wird der „Piccolo" von Instituten, wo nur Juden das Wort führen, stark unterstützt. — So sieht es bei uns aus. Von den ungefähr 25 000 Kronen, die ich hier aufgebracht habe, sind sage und schreibe 400 Kronen von Nichtjuden! Also dieses eine Beispiel dürfte genügen, meinem Vorschläge, das Waisenhaus nach Florenz zu verlegen, Nachdruck zu verleihen. Vom Oberrabbiner Dr. Margulies habe ich Nachricht bekommen, daß die italienische Judenschaft nicht nur geneigt, meinen Vorschlag nicht abzulehnen, sondern mit Freuden bereit ist, kräftig für denselben einzutreten. Auch von Witte habe ich Zusage, so ihm seitens einer die Juden vertretenden Körperschaft konkrete Vorschläge gemacht werden, er dieselben in ernstliche Erwägung ziehen werde. Jnsolgedessen bin ich der Meinung, jetzt alle Hebel in Bewegung zu setzen, uni noch rechtzeitig einzugreisen. Wer nach Rußland fahren ' soll, welche Kinder, zu welchem Alter man fortschaffen soll — ist eine cura posterior. Vorläufig bitte ich die maßgebenden Kreise, ztl meinen zwei obigen Vorschlägen Stellung zu nehmen. Ist man im Prinzip dafür, so lassen sich alle anderen Schwierigkeiten schon beheben. Der Milche Frauenbund. 8. Berlin, 27. Tezember. nter stattlicher Beteiligung der Delegierten der angeschlossenen Frauenvereine und zahlreicher Gäste trat heuteim Repräsentantensaal der Jüdischen Gemeinde der vor 1V2 Jahren gegründete Jüdische Frauenbund zu seiner ersten Tagung zusammen. Von nah und fern waren die im Dienste der Wohlfahrtspflege stehenden, um die Sache der Armen und Bedrückten sich mühenden Damen zu dieser Sitzung eingetroffen. Es hatten Vertreterinnen entsandt Berlin (20Delegierte),Charlottenburg, Nixdorf, Spandau, Prenzlau.Stargardt, Kottbus, Leipzig, Dessau, Posen, Graetz, Mannheim, Hamburg, Lübeck, Bremen, Frankfurt a. M. u. a. m., ja selbst aus dem hart an der russischen Grenze gelegenen Städtchen Soldau war eine Vertreterin des dortigen Frauenvereins zur Stelle. Die Gesamtzahl der entsandten Delegierten kann, wohl auf 60 bis 70 geschätzt werden. Um 10*/4 Uhr vormittags eröffnete die verdienstvolle Begründerin des Frauenbundes, Fräulein Berta Pappen heim-Frankfurt a. M., die Sitzung und erhielt aus ihre Bitte die Zustimmung der Versammlung, dem bisherigen provisorischen Vorstande die Leitung der Versammlung bis zur definitiven Vorstandswahl zu überlassen. In wohldurchdachter, glänzender Rede begrüßte sie alsdann die Versammlung. Sie sprach ihre große Freude aus, daß dem Frauenbund der Repräsentantensaal eingeräumt worden sei, und glaubte bereits darin den Beweis erblicken zu können, daß der Bund eine Berechtigung habe. Unter Hinweis auf den im Aufträge des Vorstandes von ihr verfaßten und in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" veröffentlichten Artikel „Der jüdische Frauenbund" legte sie alsdann nochmals in klaren und präzisen Worten die Ziele und Zwecke des Bundes dar. Der Zweck des Jüdischen Frauenbundes ist — wir geben die Ausführungen der Rednerin wörtlich wieder — die Massen der jüdischen Frauen anzuregen und fähig zu machen, sowohl ihre allgemeinen Fraüenrechte und Frauenpflichten, im Staate und in der politischen Gemeinde wahrzunehmen, als auch ihre Pflichten und Rechte innerhalb ihrer speziellen Religionsgemeinschaft mit Würde und Kraft nach innen und außen zu vertreten. Was die äußeren Ziele des Bundes betrifft, so decken sie sich mit den Zielen und Zwecken dev Frauenbewegung überhaupt. In unserem großen Streben wollen wir nichts anderes, als was die Frauen im allgemeinen auch wollen. Wir haben jedoch auch noch Aufgaben als jüdische Frauen. Ein uralter Adel ist es, der uns verbindet. Der Adel besteht darin, daß die geistigen Errungenschaften auf ethischem und moralischem Gebiete, die wir vertreten und unsere Vorfahren seit tausenden von Jahren vertraten, uns zusammensühren und von uns aus die anderen Religionsgemeinschaften übergegangen sind. Mit Stolz können wir auf unser Adelsgeschlecht blicken. Dadurch haben wir aber auch die Pflicht, das Adelsschild zu verteidigen und nicht beflecken zu lassen. Ob wir diese Verteidigung aus religiösen Rücksichten vornehmen und die Formen, die unserer Religion zugehören, als springenden Punkt in der Verteidigung ansehen, ob wir die Formen neuer gestalten und uns nur für den ethischen Inhalt erwärmen können, ist für die Ziele des Bundes ohne Belang. Jeder jüdische Verein bringt dem Bunde etwas, was zu ihm gehört, was wir gemeinsam verteidigen müssen. Der Erfolg des Bundes wird ein dreifacher sein. Er wird das Vereinsleben an sich vervollkommnen und vertiefen, für jeden einzelnen Verein wird er eine gewisse Schulung bringen und er wird uns allen in der Welt eine andere Stellung bringen und die jüdischen Frauen als solche vor einen ungeahnten Pflichtenkreis stellen, durch deren Erfüllung wir Großes schaffen können. Durch den Bund sollen die Frauen auf die Schäden und Rückständigkeiten im gegenwärtigen jüdischen Vereinsleben aufmerksam gemacht werden und sie sollen die Einsicht und die Gewandtheit erwerben, diese Rückständigkeiten mit Erfolg zu bekämpfen. Viele Frauenvereine, die speziell Fraueninteressen und Interessen von Mädchen und Kindern vertreten, stehen entweder ganz unter Männerverwaltung oder nominell unter gemischter Verwaltung (Kindergärten, Waisenhäuser, Spitäler, Krankenpflege-, Bekleidungsvereine sogar Haushattungsschulen). In der Hilfsaktion für die Opfer der russischen Metzeleien haben die Frauen bisher nichts getan. Die größten Vereine, die alle fürs Volk, also für die Gemeinschaft von Männern, Frauen und Kindern arbeiten, entraten bisher noch vollständig der Mitarbeit der Frauen, so der Galizische Hilfsverein (Industrien), Baron Hirsch-Schulen, J. G. A. (Kolonisation), Hilfsverein der Deutschen Juden (Auswanderung usw.), Deutsches Zweigkomitee zur Bekämpfung des Mädchenhandels. Es ist dringend notwendig, daß sich die Frauen in alle diese Gebiete, in denen sie eigentlich tätig zu sein hätten, einarbeiten. Es muß allerdings zugegeben werden, daß die Mehrzahl der im jüdischen Vereinsleben stehenden Frauen heute noch nicht einsichtig, durchgebildet und gewandt genug ist, um in den genannten Arbeitsgebieten heute schon als Mitarbeiter eingereiht zu werden — die Bereitwilligkeit der Männer dazu vorausgesetzt. Aber ich sage absichtlich die Mehrzahl der im jüdischen 'Vereinsleben stehenden Frauen, denn jüdische Frauen, die an und für sich die Eignung für diese Arbeit haben, deren gibt es auch heute schon eine stattliche Anzahl. Rur ist es sehr bedauerlich, daß es Frauen gibt, die ihre ganze intellektuelle Veranlagung, die Schärfe ihres Verstandes sowohl wie einen seinen Sinn für soziale Betätigung, ihrer jüdischen Herkunft verdanken und dennoch einen Stolz darin setzen, sich restlos der Majorität anzuschließen und alles daran setzen, ihre Zugehörigkeit zur Minorität zu verwischen und zu verlöschen. Diese Frauen, die führend in der allgemeinen Wohlfahrtspflege sind, versagen, wo es gilt, vorbildlich und belehrend für unsere große Gemeinschaft zu wirken, sie werden sogar unlogisch und ungerecht. Selbst diejenigen, die in die Tiefen der Gesellschaftsschichten steigen, um in den gesunkenen Frauen noch den Menschen zu finden, finden in der jüdischen Frau nur die Jüdin, für die sich nicht zu interessieren als kosmopolitisch und tolerant gilt. Es ist heute eine viel größere Schwäche, sich von uns zu wenden und denen anzuschließen, die da sagen, es interessiert mich nicht, es ist nur