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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-01-05 · Heft 1 (5.1.1906) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 1 (5.1.1906)
Date
1906-01-05
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Haupt suchen die Behörden über ihre Verbrechen einen undurchdringlichen Schleier zu' ziehen. Hoffentlich ohne Erfolg! Die Tage/der Gerichtsverhandlungen von Homel sind unwiederbringlich dahin. Bekanntlich hatte Graf Witte schon am ersten Krawalltage in Kiew telegraphisch befohlen, die Unruhen um jeden Preis zu dämpfen. Die Depesche ruhte aber in der Kanzlei des Generalgouverneurs und der Krawall ging seinen ungestörten Gang weiter. Wer weiß wie lange es gedauert hätte, wenn nicht zufälligerweise am dritten Krawalltage Graf Heyden, der Stallmeister des Kaisers, mit der Bahn in Kiew angekommen wäre. Anfangs wußte der , ahnungslose Graf gar nicht, was der furchtbare Lärm, die schrillen Pfiffe und das Gejohle des Pöbels bedeuten sollten. Bald jedoch wurde er von einigen Offizieren über den ganzen Sachverhalt aufgeklärt. Aus seine Aufforderung, doch keine müßigen Zuschauer abzugeben und mit den ihnen zur Verfügung stehenden Soldaten die Unruhen zu dämpfen, erklärten ihnen die Offiziere, daß sie dazu keine Vollmacht hätten. Sofort eilte Graf Hahden zum Generälgouverneur, erbat sich von ihm fünf Kosaken, mit deren Hilfe er 300 Hooligans vor sich trieb. Gleichzeitig sandte er dringende Telegramme, nicht etwa an Witte, dessen Ohnmacht ihm gut bekannt war, sondern nach Zarskoje-Selo. Jetzt'kam eine zweite Depesche aus Petersburg, diesmal aber von keinen, geringeren als Trepow selbst, und der Krawall war zu Ende! Arber Milche Schulhäuler. ach der Durchführung des neuen Schulgesetzes fürKominunalschulen dürfte, bei der stetigen Abnahme der Schüler in vielen jüdischen Schulen, ein Eingehen dieser in höherem Maße als bisher zu befürchten sein. Es erscheint daher angebracht, auf Folgendes das Augenmerk zu lenken. In manchen jüdischen Schulen, an welchen noch vor einigen Jahrzehnten bei einer beträchtlichen Schülerzahl mehrere Lehrkräfte wirkten, ist infolge des Niedergangs der jüdischen Gemeinden auch die Zahl der Schüler erheblich zurückgegangen, so daß gegenwärtig ein Lehrer genügt — ja mitunter schon überflüssig erscheint. Bisher werden die jüdischen Schulen im allgemeinen neben der üblichen, mäßigen Staatsbeihilfe lediglich aus den Beiträgen der jüdischen Gemeinden erhalten. Wollen wir hoffen, daß diese nach besten Kräften bestrebt sein werden — nach dem gegenwärtigen Prinzip der konfessionellen Schulen — die ihrige nicht eiktgehen zu lassen. Nun sind aber Schulhäuser vorhanden, darunter ganz respektable, die seitens der jüdischen Kultnsgemeinde erbaut und erhalten worden sind, nicht von der Schulgemeinde. Gehört das Schulhaus der letzteren, so geht es, bei einer eventuellen Verschmelzung der jüdischen Schule mit einer anderen Konfessionsschule an diese über. Ist das Schulhaus aber Eigentum der Kultusgemeinde, so verbleibt es in deren Besitz. Laut Erfahrung befinden sich inanche Gemeinden darüber im Unklaren, welcher Genossenschaft, ob nämlich der Kultus¬ oder der Schulgemeinde, das Verfügungsrecht über das Schulhaus zusteht. Mit der Länge der Zeit und bei dem häufigen Wechsel der Schul- und Gemeindevorsteher mag das wohl da und dort in Vergessenheit geraten sein. Am sichersten wird man darüber im Grundbuchamte den nötigen Aufschluß gewinnen, um dann gegebenenfalls Maßnahmen treffen zu können. M. G. 4 - Rur tzilkssktion! Bon Dr. U. Brettholz-Triest. s ist eine selbstverständliche Pflicht aller Menschen, insbesondere aber unserer Glaubensgenoffen, nach Kräften — ja noch mehr — für die so schrecklich und grausam getroffenen Opfer zu sorgen. Wie die Zeitungsberichte melden, haben in der Tat unsere Brüder eine ansehnliche Summe zusammengebracht, worunter wohl manch blutig ersparter Pfennig ist. Und was wird nun mit dem Gelds geschehen? Nach Rußland wird es geschickt, um die Hinterbliebenen mit den notwendigsten Mitteln zu versorgen. Sicherlich ist das Geld gut angebracht; soll aber der Rest dazu dienen, um den so tief Herabgekommenen zu einer Existenz zu verhelfen, so ist es schade um das geschickte Geld! Soll ich Kischineff in Erinnerung bringen? Wieviel Geld ist da nach Rußland geschickt worden, um den von den „Pogrom" Heimgesuchten einigermaßen zu helfen, und was war das Resultat? Die armen Habseligkeiten haben die wilden Horden noch mehr angestachelt, ihre bestialischen Instinkte noch mehr gereizt. Und nun wollen wir in denselben Fehler verfallen? Welche Garantie haben wir jetzt, daß in zwei Jahren nicht dasselbe Schicksal unsere Brüder trifft, so sie sich vielleicht mit blutigem Schweiße wieder etwas erworben haben? Deshalb fort mit ihnen! Wer ein Handwerk besitzt, dem sollen die Mittel dazu verschafft werden, in ein gesitteteres und nach menschlicher Voraussetzung Sicherheit gewährendes Land zu ziehen. Mit ehrlicher Arbeit kann man sich schon durchbringen. Meine Vorschläge sind also doppelter Natur: 1. Einen wesentlichen Teil des Gel des dazu zu verwenden, Arbeitskräftigen und Arbeitslustigen zu einer Existenz zu verhelfen — aber nicht in Rußland! 2. Von dem bis jetzt aufgebrachten Gelde 20"» für ein Waisenhaus zu reservieren! Es laufen Hunderte und aber HunderteWaisen herum, für die soll in erster Reihe gesorgt werden. Dieses zu errichtende Waisenhaussoll inJtaliennach Florenz verlegt werden. Ich rechne mit einer Summe von 2 000 OVO K.; für dieses Geld kann man das schönste Waisenhaus in der Welt errichten und es mich dainit in Zukunft erhalten. Weshalb ich für Italien bin, wirdwohl jeder Einsichtige sehr begreiflich finden. Italien ist erstens in der Tat ein liberales Land, zweitens sind dort sehr wenig Juden. In ganz Italien dürften weniger Juden sein, wie in einer Gaffe „Nalewki" in Warschau. Die italienische Regierung wird nichts einzuwenden haben, denn sie hat eher einen Nutzen als einen Schaden. Es werden mit der Zeit nützliche Mitglieder der Gesellschaft entstehen. Den Juden in Italien würde aber auch ein gesunder Bluteinschlag sehr dienlich sein. Das Waisenhaus soll nicht etwa ein Dezennium, es müßte als ein internationales füralle Zeiten bestehen. Im übrigen, über die Art und Weise der Schaffung und Verwaltung wird sich ja noch reden lasten, so dieses Projekt greifbare Formen annimmt. Könnte man nicht einen Teil der Waisenkinder auch in Ahlem unterbringen? Hier bei uns in unserem gemütlichen Oesterreich hat man für die armen Opfer gar kein Mitgefühl; ja, wenn ein Bürgermeister von Wien, ein akademisch gebildeter Mensch, der schöne gemütliche Karl, sich nicht entblöden kann, in öffentlichen Ver sammlungen die Mordtaten und das Hinschlachten unschuldiger Kinder als ein Beispiel kaiserlicher Treue von den blutbefleckten Horden hinzustellen, was kann man von einem Bielohlawek und Konsorten beanspruchen? In Deutschland hat man doch mehr Gerechtigkeitssinn, wenn auch der Graf Pückler noch nicht

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