Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1906)
- Date
- 1906-01-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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schwarzen Armee? -Wo saßen die Generäle? Wo befand sich ihr Generalstab? Auf'diese Fragen, die alle Welt gestellt hat, gibt die Petersburger„,Nasha Shisn" eine klare, unzweideutige Antwort., Das Blatt veröffentlicht eine Denkschrift des Bergbauindustriellen F. A. Lewow an Witte, welche nicht bloß ein wichtiges historisches Dokument für die Zukunft ist, sondern auch in der Gegenwart und zwar schon bei der bevorstehenden gerichtlichen Untersuchung als wertvoller Leitfaden dienen könnte. Der Verfasser macht in derselben genaue Angaben, nennt Namen und Zahlen und führt bestimmte Tatsachen an, wodurch seine Mitteilungen in hohem Grade an Glaubwürdigkeit gewinnen. Danach hat der seiner Zeit vermutlich wegen Unterschlagung seines Amtes entsetzte General Bogdanowitsch, der später ein treuer Kampfgenosse Pobjodonoszews Und ein Spitzel Plehwes wurde, unter Schutz der Polizei und Gendarmerie und begleitet vom Segen des Metropoliten Wladimir von Moskau, sich jahrelang mit der systematischen Organisation der Kontrerevolution beschäftigt. Zu diesem Zweck reiste er 1 bis 11/2 Jahre durch alle Städte Rußlands und konnte im September 1905 seine Arbeit als beendet erklären. Zahlreiche Komitees und Unterkomitees wurden organisiert und eine ganze Armee der Mitglieder des schwarzen Hundert war aus dem Boden gestampft. Anfangs Oktober konnte General Bogdanowitsch dem Kaiser persönlich mitteilen, daß er 100 000 Mann zur Verfügung hat, welche bereit seien, ihre Treue für Thron und Altar mit ihrem Blute zu besiegeln. Fest organisiert waren nur 6000 (genauer 6090) Mann, während die noch an die Hunderttausend Fehlenden von den einzelnen Polizeirevieren aus der Hefe der Gesellschaft erst herbeigeschafft werden sollten. Dafür hatte aber Bogdanowitsch die feste Zusicherung der Herren Kleigels, Neidhard, Medem, Kaulbars, Skalon, Klingenberg, Wal, Charusiu, Kruschewan, Gringmut, Berg und Plär von Pilchau. Außer diesen „echt russischen Männern" mit den reindeutschen, armenischen und moldauischen Namen standen Bogdanowitsch zur Verfügung die Herren Dedschulin, Bogdanowitsch der Jüngere, Stolipin, Asantschewski, Kurlow, Lopuchin, Rogowitsch, Schirinkin und sonstige Minister, Generalgouverneure, Gouverneure und Stadtoberhäupter, im ganzen 103 Oberpatrioten. Die Ochranoje Odelenje, welche bekanntlich vor wenigen Jahren zum persönlichen Schutz des Zaren organisiert wurde und sich aus den Mitgliedern des höchsten Adels und der Beamtenschaft rekrutierte, hatte die Leitung der ganzen Angelegenheit in die Hand genommen. Anfangs Oktober fand in Petersburg ein Kongreß der Delegierten des schwarzen Hundert statt. Der Beginn der Revolution wurde am 15. Oktober festgesetzt. Die Parole lautete: „Für den Zaren!" Wenn es aber anging, konnte man auch andere Parolen, wie „haut die Juden", „hant die Studenten" usw. benutzen. Infolge des Eisenbahnstreiks jedoch, durch welchen die Delegierten in Petersburg für mehrere Tage festsaßen, konnte der Plan nicht rechtzeitig zur Ausführung gelangen. Am 27. Oktober wurde von den streikenden Eisenbahnarbeitern ein Sanitätszug mit verwundeten Soldaten aus der Mandschurei von Moskau nach Petersburg abgelassen. Die Delegierten des schwarzen Hundert benutzten die Gelegenheit, um zunächst nach Moskau zu gelangen, von wo aus sie teils per Wagen, teils zu Wasser sich über das Land verbreiteten, um überall den in Petersburg gefaßten unheilvollen Plan zu verwirklichen. Der Telegraph, durch welchen Bogdanowitsch allen Ortsgruppen sein Stichwort sandte, half nach, und die Krawalle nahmen überall ihren Anfang. Freilich etwas verspätet. Der Zar, der Bogdanowitsch' Mitteilungen von der Organisation , einer 100 000 Köpfe zählenden patriotischen Armee nicht recht trauen mochte, warf sich inzwischen Witte in die Arme und erließ das bekannte Manifest, durch welches der gewaltigen patriotischen Manifestation der Stempel einer fehlgeschlagenen verbrecherischen Kontrerevolution aufgedrückt wurde. — Soweit der interessante Bericht Lewows. -Danach war das unter den Juden angerichtete Blutbad schon langb vor dem 29. Oktober vorbereitet und nur durch den Ausbruch des Eisenbahnstreiks um wenige Tage verzögert. Wären die Judenkrawalle rechtzeitig ausgebrochen, das Zarenmanifest, durch welches die Regierung zu einer freilich noch immer allmächtigen Nebenregierung degradiert wurde, hätte nie das Licht der Oeffentlichkeit erblickt. Nunmehr bleibt dieser Nebenregierung anr Hose Nikolaus II. nichts weiter übrig, lials die Wirkung des Manifestes nach Möglichkeit abzuschwächen und die in demselben gemachten Zusagen hinterrücks und auf Schleichwegen dem Volke wieder zu nehmen. Für jetzt aber geht aus der ganzen Darlegung hervor, daß es eine vergebliche Mühe sein wird, die hochgestellten Krawallmacher zu fassen oder gar zur Verantwortung zu ziehen. Noch ist die Regierung Wittes viel zu schwach und das von Zarskoje Selo aus geschützte und beschützte Tschmowniktum stärker als Recht, Gesetz und alle Zarenmanifeste. Man ersieht dies schon aus den ersten Untersuchungen über die Krawalle. Bekanntlich wurden die beiden Senatoren Turay und Kosminsky von der Regierung mit der Einleitung der Untersuchung über die Vorgänge in Südrußland beauftragt. Der Verband der russischen Anwälte jedoch mochte auf die Zuverlässigkeit der beiden Herren Senatoren nicht fest bauen und beschloß, über die Ursachen und Urheber der Judenkrawalle eine eigene Untersuchung und Enquete zu veranstalten und hat mit der Leitung der Angelegenheit die Rechtsanwälte Basunow,Winawer, Eoldstein, Sarudni und Fürst Sidamonow-Eristoff betraut. Die gewählten Herren haben ihrerseits eine Kommission eingesetzt, welche Rechtsanwälte an Ort und Stelle zur näheren Untersuchung entsandt hat. Gleichzeitig wurden alle Augenzeugen der Krawalle gebeten, ihre Wahrnehmungen Rechtsanwalt Winaver in Petersburg mitzuteilen. Die Behörden bereiten den mit der Untersuchung betrauten Anwälten überall die größten Schwierigkeiten. Aufgegebene Depeschen werden nicht befördert, so daß diese erst per Boten nach entfernten Telegraphenstationen gesandt werden müssen, um von da aus weiter befördert zu werden. — Wie die lokalen Behörden die Spuren ihres Verbrechens zu verwischen bemüht sind, darüber weiß die Odessaer „Jusnoje Obosrenje" eine erbauliche Geschichte z» erzählen. Die Studenten haben während des ersten Krawaütages 150 Räuber verhaftet und im Universitätsgebäude vom Staatsanwalt Abraschkewitz und Professor Kornitzky verhören lassen. 125 Verhaftete waren geständig, auf Veranlassung der Polizei jüdische Wohnungen geplündert zu haben. Sie wurden nebst den Vernehmungsprotokollen in Polizeigewahrsam gebracht. Hier wurden sie aber einzeln ins Kabinettdes Pristaws Olschewski geführt, um angeblich noch einmal vernommen zu werden. Das Ergebnis dieses „Verhörs" war, daß sie alle samt und sonders ihre im Universitätsgebäude vor dein Staatsanwalt abgelegten Geständnisse zürückzogen. Auf eine telephonische Benachrichtigung eilte der Staatsanwalt Abraschkewitz nach dem Polizeigefängnis, wo die verhafteten Hooligans ihm erklärten, ihre früheren Geständnisse ans Furcht vor Mißhandlungen von Seiten der Studenten abgelegt zu haben. In Simferopol ist die Polizei wegen Verhaftung des Schutzmanns Shemolenko, der aktiv am Krawall teilgenommen hatte, in den Streik getreten. In Orscha müßte der Staatsanwalt, der von der wildgewordenen Polizei am Leben bedroht wurde, förmlich die Flucht ergreifen. Ueber-