Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1906)
- Date
- 1906-01-05
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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hat nicht nur das Bedürfnis der Zeit zu befriedigen gestrebt, sondern neue Bedürfnisse erzeugt, welche, wenn sie auch nicht immer in der erwünschten oder beabsichtigten Art sich gestalten konnten, doch dem Leben einen regsamen Wechsel mitgeteilt haben." Es gereicht uns zur aufrichtigen Genugtuung, heute, fünfzehn Jahre nach dem Tode Ludwig Philippsons, diese historische Tatsache, die kein Historiker fernerhin zu übersehen oder wegzuleugnen den Mut haben wird, in einem Augenblick noch einmal vorführen zu dürfen, wo das von ihm begründete Blatt in seinen 70. Jahrgang eintritt. Große und schwere Umwälzungen haben seitdem die Welt erschüttert. Ein neues Geschlecht ist erstanden mit neuen Wünschen und Hoffnungen, mit neuen Idealen und Anschauungen. Das Gesamtbild unserer Lage hat sich vollständig verändert. Während damals der Kampf um die bürgerliche Gleichstellung absolut erfolgreich schien und der Geist der deutschen Nation, in Christen wie in Juden, seine schönsten Triumphe feierte, haben wir es heute nach so vielen Irrungen und Wirrungen erkannt, daß der tatsächliche Sieg über Unrecht und Vorurteil doch nur ein sehr langsamer, und der Weg bis zu unserer vollen Gleichstellung vielleicht noch ein weiter ist. Nichts destoweniger, oder vielleicht auch gerade darum, treten wir offen und mutig in die Schranken dieses Kampfes, der kein besonderer mehr ist für uns, sondern vielmehr ein Kampf für das Recht, für Humanität und die Freiheit im allgemeinen. Ungleich größeren Erfolg hat die innere Entwicklung des Judentums gehabt, und wenn wir die Wegstrecke überschauen, die wir znrückgelegt, so muß uns ein aufrichtiges Gefühl freudiger Genugtuung, zugleich aber auch die Zuversicht erfüllen, daß das Judentum auch nach der anderen Richtung endlich zu der Stellung und Anerkennung gelangen müsse, die ihm gebührt und deren es bedarf, um sein hohes Ziel zu erreichen. Wenn wir nur die Ausdauer im Kampfe und die Treue gegen, uns selbst bewahren, so werden wir mutig auf der Bahn fortschreiten, auf die uns die Zukunft des Judentums hinweist. Mit dieser Zuversicht setzen wir in demselben Geiste, den dieses Blatt seit einem Menschenalter festgehalten hat, die Fahrt mutig weiter, indem wir vertrauensvoll die Gunst des Geschickes, das dieses Werk so sichtbar geleitet, als Fahrwind für unser Segel erflehen. Weit hinter uns liegen vielerlei Klippen, vor uns aber als Ziel der goldene Hort der Wahrheit, des Rechts und die erhabene Mission des Judentums, das nicht untergehen, sondern fortschreiten muß bis zur Erreichung seines Hochziels in künftigen, besseren Tagen. (p , . Die Woche. Berlin, 1. Januar, us den stenographischen Protokollen des Abgeordnetenhauses soll, hier ein Wort nachgetragen werden, das der Abg. Gothein in einer der letzten Sitzungen vor den Ferien zugunsten des Hilfswerks für die Juden des Ostens gesprochen und das leider von der Oeffentlichkeit wenig beachtet worden ist. Er sagte n. a.: „Wenn der Herr Abgeordnete Stöcker sich darüber beklagt hat, daß. zu wenig Wohltätigkeitssinn gerade in den besitzenden Klassen vorhanden sei, so möchte ich ihn einmal fragen: wer gibt denn immer noch die vielen Gelder für allerlei Wohlfahrtseinrichtungen? Wir wissen doch alle, es vergeht kaum ein einziger Tag, wenigstens hier in Berlin oder in meiner Vaterstadt Breslau, wo nicht der Klingelbeutel all einen herankonnnt und man das Portemonnaie ziehen muß, um wieder etwas für irgend einen Wohltätigkeltszweck zu geben. Man kann sogar zweifelhaft sein, ob diese Zersplstterung der Wohltätigkeit ein Segen ist. Das Wohlwollen nach dieser Richtung ist also tatsächlich vorhanden. Ich möchte gerade Herrn Stöcker gegenüber auch noch eins bemerken. Wenn er einmal die Gabenliste vergleichen wollte, so würde er die Beobachtung machen können, daß es gerade unsere jüdischen Mitbürger find, die im weitesten Maße ihre Pflicht gegenüber der Armut tun. (Sehr richtig! links.) Ein christlicher Bekannter von uns sagte einmal: er rechne den Juden die Wohltätigkeit überhaupt nicht als Verdienst an, die seien es so gewöhnt, die können gar nicht anders Es gibt auch heute noch jüdische Geschäftes z. B. eine unserer größten Weltstrmen in der Provinz Sachsen, die buchmäßig den Zehnten von allem, was sie verdienen, an die Armen geben. Auch gegenüber den Angriffen, die neulich Herr Zimmermann von dieser Stelle aus gerichtet hat, wo er gesagt hat, hier möge man die reichen Juden für die ausgeplünderten Juden in Rußland etwas geben lassen, möchte ich hervorheben, daß es meines Erachtens Christenpflicht ist, mitzuwirken und ein Scherflein beizutragen, und daß wir Christen die doppelte Verpflichtung haben gegenüber den jüdischen Opsern, nachdem unsere jüdischen Mitbürger so oft für die ärmere christliche Bevölkerung mit Wohltätigkeit eingetreten find. Ich habe lebhaft bedauert, daß gerade in dieser Zeit und von dieser Stelle aus derartige Worte fallen konnten." Dieses Bedauern teilen sicher weite Kreise, aber ben Mut der Abwehr haben nur wenige gefunden. Und auch die Aufforderung zur Beteiligung an dem Hilfswerk hat leider bisher nicht den gewünschten Erfolg gehabt, wenigstens in den Kreisen nicht, auf die es ankommt und die vor allem nach dem Noblesse oblige die Verpflichtung hätten, von dem Reichtum, der ihnen zuteil geworden, bei solchem Unglück eine ansehnliche Spende auf den Altar der Humanität zu legen. * Daß aber die Mahnung Gotheins selbst in gebildeten Kreisen die Beachtung nicht gefunden hat, die ihr zukommt, beweist recht deutlich die folgende Mitteilung der „Frankfurter- Zeitung" aus Gießen: „Professor Dr. B ierm er, der Nationalökonom an unserer Landeshochschule, hält seit kurzem, in der Aula öffentliche, staatswissenschaftliche Vorträge. In seinem letzten Vortrage behandelte er das Koalitions- und Versammlnngsrecht und bemerkte dabei u. a., es müsse doch einmal offen gesagt werden, die Juden seien es in den vergangenen Jahrhunderten gewesen, die nicht nur der Revolution gehuldigt, sondern an deren Spitze gestanden hätten; so sei es jetzt wieder in Rußland» und auch bei uns in Deutschland seien es Juden, welche der sozialdemokratischen Bewegung das häßliche, das vergiftende, die Gegensätze verschärfende Gepräge geben." Bekanntlich galt Herr Professor Dr. Biermer bisher für liberal. Mit diesen seinen Aeußerungen hat er aber den Boden des Liberalismus verlassen. Die Behauptung, daß die Juden „in den vergangenen Jahrhunderten" an der Spitze der Revolution gestanden hätten, wird freilich jeden: Geschichtskundigen nur ein Lächeln ablocken. $ Die Tatsache, daß in einer einzigen Woche gegen 300 Judenkrawalle in. ganz Rußland stattfinden konnten, weist auf eine bestimmte Organisation hin. Die wunderbare Ordnung, mit welcher der Pöbel vorging, die Tatsache, daß beispielsweise in Kiew das bekannte Hails Saizew gründlichst demoliert wurde, während , sein. Nachbar Blmnenfeld, . weil er ein getaufter Jude war, verschont blieb, beweisen, daß der Pöbel von kundiger Hand geleitet wurde. Es war zu vermuten, daß die lokalen Behörden eine stehende Armee zur Verfügung hatten, die nur auf das erste Signal zum Losschtagen wartete. Wer aber waren die Anführer dieser