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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-01-05 · Heft 1 (5.1.1906) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 1 (5.1.1906)
Date
1906-01-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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70 Jahrgang. No. 1. Berlin, 5, Januar 1906. eitung desAudentums. Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redakteur: Gustav Rarpeles. * Begründet von Rabbiner D* Ludwig Philippson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemerstr. 46 49. Alle Zu'cndungen für Redaktion und Expedition sind cm die 2ldrefse Verlag der „Allgcm Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Siraße H6/49, Z" richten. Verlag von Rudolf rNoffe, Berlin. Tum 7ll. Jahrgang. Berlin, 1. Januar 1906. er Gang, den die Entwicklung des Judentums im abgelaufenen Jahrhundert genommen hat und den ein namhafter Historiker einen in sichtbarer Folgerichtigkeit fortschreitenden nannte, kann von uns, an der Schwelle des 70. Jahrganges dieses Blattes, am besten übersehen werden. Als Ludwig Philippson, dessen wir heute mit innigem Dank und besonderer Verehrung gedenken, daran ging, ein Organ zu begründen, das die Interessen des Gesamtjudentums vertreten und einen Maßstab bilden sollte für den Standpunkt des öffentlichen Lebens auf seinen verschiedenen Gebieten, da war die Lage der deutschen Judenheit noch eine recht traurige. In einzelnen Staaten war noch nicht einmal der Leibzoll für die Juden aufgehoben, und doch begann man bereits in anderen schon ihre volle Emanzipation in Erwägung zu ziehen. Aber die Hauptsache war, daß die Juden der zivilisierten Länder das Vewußtsein der Umgestaltung und die damit verbundene Selbstachtung nach schweren Jahrhunderten der Knechtung und Bedrückung erlangt hatten. Die Bitterkeit der früheren Absonderung, im Laufe der neuen Zeit immer schwerer empfunden, war gewichen und dafür das freudige Kraftgesühl getreten, das die Seele erhob und in ihr den Wunsch mächtig erregte, dieses auch ferner zu bewähren und sich auf allen Gebieten ebenbürtig zu zeigen. Wohl führte dieser freudige Aufschwung zu manchen übereilten und verfehlten Versuchen, die dann wieder schlimme Rückwirkungen im Gefolge hatten. Aber beides war heilsam, um die Selbsterkenntnis zu fördern und Bedächtigkeit anzuempfehlen, zugleich auch um die Kräfte richtig anzuwenden, den einmal erwachten Eifer anzuspornen und keine Mühe zu scheuen, um das Ziel zu erreichen. Dabei war aber der Blick nicht immer nach außen gerichtet und die Bestrebungen zielten nicht blos dahin, Mißverständnissen und Rückschritten vorzubeugen, alle Hindernisse der bürgerlichen Gleichstellung hinwegzuräumen und böswillige Angriffe zurückzuweisen; auch im Inneren waren viele junge Kräfte rege geworden, um den Kampf gegen das zähe Herkommen mit männlicher Reife aufzunehmen, den Schutt vergangener Jahrhunderte hinwegzuräumen und den wahren Kern des Judentums zu. ermitteln. Vielseitige Anstrengungen wurden gemacht, um die Geistestätigkeit zu beleben und die Wissenschaft des Judentums auf festen Grundlagen neu aufzubauen. So gingen zwei verschiedene große Richtungen parallel nebeneinander her, die beide alle verfügbaren Kräfte in Anspruch nahmen. Aber auf allen Gebieten zeigte sich frischer Eifer und erhöhte Tatkraft. Es wurden Vereine gebildet für Verbesserung der Schule, des Gottesdienstes, des Gemeindelebens, zur Hebung des Gewerbefleißes, zur Förderung von Handwerk und Ackerbau. Das allgemeine Streben ging auf moralische Selbstständigkeit. Dadurch verminderte sich der Abfall der Gebildeten; der Eifer für Gewissensfreiheit und gegen jeden Zwang, für feste Formen und gegen jede Verflachung fand allgemeine Anerkennung und Teilnahme. Der Kampf gegen die Gleichgültigkeit wurde von allen Richtungen geführt, und so schwand die Lethargie gegenüber dem neu erwachten bürgerlichen und religiösen Leben. Aber alle diese Kämpfe, Bestrebungen und Richtungen bedurften eines Mittelpunkts, um den sie sich sammeln und von dem sie ihre wichtigsten Impulse erhalten mußten. Diesen Mittelpunkt bildete die „Allgemeine Zeitung des Judentums". Mit kühnem Geist, mit einem richtigen Empfinden für das allgemein erwachte Verlangen nach Oeffentlichkeit, hatte Ludwig Philippson die Notwendigkeit erkannt, ein Organ zu schaffen, das alle Bestrebungen, Angriffe, Kämpfe und Strömungen vereinigen sollte. Und nun geben wir am besten einein unbefangenen Historiker das Wort, einem Manne, der zu keiner Partei geschworen, der jene Zeiten miterlebt, und der von hoher Warte aus alle Erscheinungen des Judentums mit ruhiger Klarheit übersah. Es ist der erste Geschichtsschreiber der Juden der neuen Zeit, I. M. Jost, der die Bedeutung jener Tatsache in folgender Weise würdigt: „Die Erscheinnng dieser Zeitung hat bei allen anfänglichen Mißgriffen auf die innere Umbildung der Juden aller zivilisierten Länder, wohin sie gelangen konnte, einen unberechenbaren Einfluß ausgeübt und auch nach außen hin auf die Ansichten der Juden eingewirkt. Sie bildet eine Epoche in der jüdischen Geschichte dadurch, daß sie zum erstenmal es versuchte, eine Gesamtanschauung von den: Leben und den Verhältniffen der Juden ans Licht zu bringen. Sie entwickelte schon in den ersten Jahren einen Einfluß, nicht blos auf innere, sondern in noch höherem Grade auf staatliche Angelegenheiten. Wir erkennen in ihrem langen Dasein einen durch die Zeit hervorgerufenen Fortgang, von dein ersten Anlauf der Reform bis zu einer gemäßigten Begünstigung des biblischen Judentums nebst deffen geschichtlicher Fortbildung. Wir halten sie für den getreuen Ausdruck der vielgestalteten Bewegung im Judentume, dessen wissenschaftliche Erscheinungen sie ebenfalls zu würdigen suchte. Es würde wenige Jahre vorher unglaublich erschienen sein, eine so allgemeine Teilnahme Hervorrufen zu können und die Lauheit so gewaltsam zu bekämpfen, wie es durch diese Zeitung und nachmals durch die anderen aus ihrem Vorgänge entstandenen Zeitblätter geschehen ist. Sie

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