Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-12-28 · Heft 52 (28.12.1917) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 52 (28.12.1917)
Date
1917-12-28
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229286-3229338--73666-3289407
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Eharatterisiische an der Abreckinuug ist das Fehlen aller Einnahmen. Noch im. Jahre 1914 waren der Gemein-dekasse aus dieser Haushaltsposition fast 22 000 Mark zugeflossen, 1915 betrug die Einnahme etwa 14680 Mark — 1916 sind 67 Mark eingenommen worden. Die vorgesehenen Einnahmen von 22 000 Mark aus Beiträgen der Kvscherfleischhandlungen fielen aus, da nach dem Beschlüsse der Gemeindebehörden die Erhebung dieser Abgabe während des Krieges unterbleiben soll, .‘um jede Verteuerung der Lebenshaltung für die Gemeindemitglieder zu verhüten. Die Schwierigkeiten, die sich bei der Einführung der Fleischkarten in einigen Vororten gezeigt haben, in denen keine Kvfcherfleischhandlung vorhanden ist, sind inzwischen behoben worden. Die Versorgung der rituell lebenden jüdischen Bevölkerung Groß- Berlins mit koscherem Fleisch hat sich im abgelaufenen Rechnungsjahr dem allgemein herrschenden Notstände entsprechend gestaltet. Der Aufsicht der Kommission bzw. der beiden damit betrauten Gemeinderabbiner unterstehen gegenwärtig 29 Betriebe, darunter 12 Fleischwarenhandlungen, 9 Geflügelhandlungen, 3 Fleischaufschnitthandlungen, die jedoch für ihren Bezirk auch den Koscherfleischvertrieb besorgen, und fünf Stadtküchen. Für die Kaschruth-Kommission wirken außer den beiden beaufsichtigenden Rabbinern fünf Schächter bzw. Hilfsschächter, sechs Inspizienten und ein Geflügelschächter. Außer dem Schächteramt auf dem Zentralviehhof unterhält die Gemeinde einen besonderen Geflügelschlachthof im Zentrum der Stadt. Der Betrag von annähernd 50 000 Mark enthält noch nicht sämtliche Aufwendungen der Gemeinde für das Kaschruthwesen. Die Subventionierung der Händler in den Vororten, die Ausgaben für die Einrichtung des Koscherfleischverkaufes bei christlichen Händlern in denjenigen Stadtbezirken, in denen keine jüdische Verkaufsstelle besteht, und andere Ziemlich erhebliche Ausgaben sind in dieser Summe nicht enthalten, da diese Aufwendungen nicht aus dieser Haushaltsposition, sondern aus einem Teil der Hauptverwaltung bestritten werden. — Berlin, 24. Dezember. Das Volk Israel hat als Staatsbildner und als Großmacht hu Altertum bedeutende Taten in die Bücher seiner Geschichte eingezeichnet, aber sich niemals durch bedeutende Leistungen in der Schiffahrt hervorgetan. Nur eine Epoche tritt in der Geschichte des Volkes Israel hervor, in der eine Seeschiffahrt von der Küste des jüdischen Reiches sich entwickelte. Das war die Zeit der Königsherrschaft Salomos, den Dr. Hennig in der „Geographischen Zeitschrift" als genialen Kaufmann auf dem Königsthron in manchen Linien seiner Pläne und Unternehmungen mit Leopold II. von Belgien vergleicht. Tie Bibel berichtet von der berühmten Fahrt nach dem Lande Ophir. Salomo erkannte die Gunst der Natur, die seinem Reich sowohl einen Zugang zum Mittelmeer wie zum Roten Meer gestattete, und Plante wohl eine Erschließung Afrikas vom Roten Meer aus. Hier wurde die erste und einzige israelitische Handelsflotte gebaut, die dann die Fahrt nach Ophir antrat und laut dem biblischen Bericht nach drei Jahren mit märchenhaften Schätzen heimkehrte. Nach der Ladung, die sie mitbrachte, ist ein Zweifel daran nicht möglich, daß sie tropische Länder erreicht hat, denn unter der Fracht befanden sich nicht nur angeblich 400 Zentner Gold, sondern auch Ebenholz, Elfenbein und Affen, lieber die Lage von Ophir ist unter den Forschern, die sich mit dieser Frage beschäftigt haben, bis aus den heutigen Tag keine Einigung erzielt worden. Karl Peters hat sich mit großem Eifer für die Verlegung des sagenhaften Landes nach dein Maschonaland im mittleren Südafrika eingesetzt, wo unwiderlegliche Beweise für einen früheren Goldbergbau erbracht worden sind. Hennig möchte annehmen, daß die Flotte sich geteilt hat. Ihre Schiffe wären dann sowohl an der Westküste Indiens wie an der Sofalaküste der heutigen Landschaft Mozambique in Südafrika gewesen. Ter Name Ophir bleibt aber immer noch unaufgeklärt, denn seine Ableitung vom Lande Joufi in dem großen Reisewerk des Arabers Jbn Batuta klingt nicht gerade überzeugend. er. Königsberg, 21. Dezember. T i e B e d e n t u n g b c 8 Krieges fü r die E n t w i ck l u n g d e s I u d e n t n m s behandelte um 9. d. M. im Artushose der Generalsekretär der Vereinigung für das liberale Judentum, Rechtsanwalt Stern (Berlin), in der hiesigen Ortsgruppe dieser Vereinigung. Der Redner bezeichnte die Ergebnisse dieses Krieges auch für das Judentum als traurig, nannte aber als lichtere Stelle darin das wachsende Gefühl der Zusammengehörigkeit der Juden. Sowohl eine Annäherung an das Judentuln als auch eine Erweckung und Stärkung des jüdischen Selbstgefühls haben stattgefunden, die mit auf dit vorbildliche Tätigkeit der Feldrabbiner- Zurückzuführen seien. Wenn auch hier und da durch den Krieg der Antisemitismus wieder erwacht sei, so habe er doch nur das Gegenteil von dem, was er beabsichtigte, erreicht; er habe die schlummernde Verteidigungskraft des jüdischen Volkes erweckt, welches gebieterisch die staatsbürgerliche Gleichberechti g u n g fordere. Nachdem der Redner in kurzen Umrissen die drei Richtungen im heutigen Judentum: die nationale, verkörpert im sogenannten Z i o n i s m u s , die religiöse, in der die orthodoxe mit inbegriffen ist, und die fortschrittliche, die er selbst vertritt, gekennzeichnet hatte, zeigte er, wie alle drei Parteien, jede auf ihrem Felde, daran arbeiten müßten, gemeinsam ein ideales, die höchsten Forderungen erfüllendes Judentum aüfzubauen. Versuche dazu seien schon gemacht in der neugegründeten Arbeitsgemeinschaft der jüdisch-liberalen Jngendvereine. Eine Einigung dieser drei Richtungen sei zu erstreben und aus ihren drei Ringen jener eine Ring zu schmieden, der die Kraft besäße, vor Gott und Menschen angenehm zu machen. Mit der Bitte an alle Anwesenden, an diesem Werke nach Kräften zu helfen, schloß der. Vortragende seine gehaltvollen Ausführungen. Memel, 21. Dezember. Der Verein für jüdische Geschichte und Literatur veranstaltete am 16. d. M. einen Vortragsabend des Rabbiners Dr. Zlocisti (Insterburg). Der Vortrag legte dar, wie die Idee der Menschheit im älteren jüdischen Schrifttum zum Ausdruck kommt. Indem die Bibel nicht mit der nationalen Geschichte Israels beginnt, sondern mit der Schöpfung des Menschen an sich, ist schon die Absicht unverkennbar, die universelle Idee als höchsten Ausdruck der religiösen Auffassung des Judentums hinzustellen. Hierfür brachte der Redner aus allen Teilen der Schrift Belege und verweilte in längeren Ausführungen besonders bei der Messianischen Idee. Interessant war auch die Darlegung, daß die völkerverbrüdernden Gedanken nicht Theorie blieben, sondern in Kultur ltnb Gesetzgebung, zumal in der Berücksichtigung des Fremden, Praxis wurden. Der zweite Teil des Vortrages beschäftigte sich mit der nachbiblischen Literatur und bewies, wie auch die Schriftgelehrten trotz der Betonung und dem Ausbau des „Gesetzes" die dem Judentum innewohnende Idee der Menschheit nicht nur aus dem Auge verloren, sondern ganz im Sinne der Propheten ausdrückten, ja s.oaar noch weiter hinausaearbeitet und vertieft haben. Tie hierbei gebrachten Nachweise aus dem Talmud und dem Festgebetbuch boten viel des Interessanten und Neuen. Der gehaltreiche Vortrag, der zum Teil apologetischer Natur war, bot dem Redne mannigfach Gelegenheit, ans das Christentum Bezug zu nehmen. Es war für alle Zuhörer wohltuend, in welcher gerechten und vornehmen Weise dies geschah, besonders als der Redner die religiöse und kulturelle Bedeutung der christlichen Mission anfübrte. Der Superintendent Gregor, der dem Vortrag beiwohnte, hat sich in durchaus konzilianter Weise und in verbindlicher Art dem Beifall des Auditoriums angeschlossen, indem er aus seinem als christlicher Theologe erklärlichen und berechtigten Standpunkt in bezug auf die Ausführungen des Redners seine bald zu stimmenden und in manchen Punkten abweichenden Aeußerungen darlegte. Es geschah in dankenswerter vornehmer Form, und der Meud gestaltete sich zu einer höchst interessanten und inhaltsreichen Unterhaltung. M. Hamburg, 21. Dezember. Herr Rudolf Levy, das langjährige Vorstandsmitglied und Mitbegründer der Neuen Dammtor- Synagoge, beging am 10. d. M. in voller Frischer seinen 70 Geburtstag. Herr Levy, der sich in weitesten Kreisen hoher Wertschätzung erfreut, entstammt einer angesehenen Familie in Schwerin i. M. In jungen Jahren kam er nach Hamburg und bezeugte hier gleich ein reges Interesse für die Einrichtungen unserer Gemeinde. Den Gottesdienst immer schöner und würdiger zu gestalten, lag ihm stets am Herzen. Im Jahre 1878 gehörte er mit zu den Männern, die die Neweh- Scholaum-Gemeinde gründeten, in der der unvergeßliche Oberrabbiner Dr. Jsaaksohn wirkte. Vor nun 22 Jahren wurde die Neue Dannutor-Synagoge ins Leben gerufen und Rudolf Levy war einer der Mitbegründer. Trotz seiner geschäftlichen Tätigkeit, trat er mit unermüdlicher Energie für dieses Gotteshaus und seine Vereinigung ein und seiner Mitarbeit ist es in erster Linie mit zu danken, wenn die Synagoge sich im Laufe der Jahre zu immer höherer Blüte entwickelte. An seinem Geburtstage wurde er durch vielfache Ehrungen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.