Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 52 (28.12.1917)
- Date
- 1917-12-28
- Page
- Seite 624 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Auch bei den Geschwistern der Frau Joseph ine b. Wertheimstein waren die Musen zu Haus: bei der Baronin Sophie Todesco, der Seelensguten, die fast alle Freunde der Villa Wertheimstein auch in ihren kunstgeschmückten Räumen sah, beim Professor Theodor Gom° perz, dem geistvollen Geschichtschreiber der griechischen Philosophie, bei Julius Gomperz, dem Brunner Fabrikanten, dessen Wiener Absteigeheim durch seine Frau, die Sängerin Karoline Bettelheim, für Monate ein echter Wiener Musiksalon war. lieber diese schreibt Wilbrandt: „Mir aber ward in den Siebziger Jahren die schönste Fülle der Genüsse durch eine Sängerin, die das Theater schon verlassen hatte; Frau Karolme Gomperz-Bettelheim^ die Gattin des bekannten Brünner Großindustriellen und Parlamentariers. Bald mit ihr befreundet, oft ihr Gast, viel öfter noch in der Villa Wertheimstein, der sie angeschwägert war, sie wiederfindend, fand ich auch fast immer ihre herrliche Gesangskunst wieder: sie war die liebenswürdigste Bejaherin, wenn man um ein musikalisches Almosen bat. Sich immer selber begleitend — auch dieses Opfer brachte sie uns gern — elektrisierte sie durch die unfehlbare, urgesunde, herzerfrischende Kraft ihrer tiefen Stimme, die sich am scl)önsten in den großen Balladen entlud, vielleicht am stärksten überwältigte, wenn sie jubeln oder jauchzen konnte. Auch Wildbrandt erwähnt merkwürdigerweise mit keinem Wort, daß er alle diese unvergeßlichen Eindrücke von Juden empfing. Aehnlich äußert sich über beide Klara Maria v. Büchner in ihrem trefflichen Buche: „Die Frau und die Geselligkeit. Leipzig, Seemann & Co. Bücherei der deutschen Frau." Band 2. Breslau. Regina Neisser. Literarische Mitteilungen. Sondernu m m e r der M i t t e i l u n g e n des V e rb a n de s d e r j ü d i s ch e n Jugendvereine T e u t s ch l a n d s. Jahrgang ü, Heft 6. Den jüdischen Soldaten des deutschen Feldheeres zu Chanukka 1917 gewidmet. Redaktion und Geschäftsstelle Berlin C, Burgstraße 26. Etwas verspätet, am 20. Dezember, kommt mir dies für Chanukka bestimmte Heftchen zu. Es soll alsbald besprochen werden, in der Hoffnung, daß es auch nachträglich seinen Zweck erfüllen wird. Es , verdankt seine Entstehung der Hochherzigkeit des Fabrikanten! Siegfried Schwarzenberg in Stuttgart, der durch die Gewährung der Kosten das Andenken seines gefallenen Neffen Max Bloch ehren wollte. Das Heft enthält eine Fülle guter Beiträge. Daß der vortreffliche Aufsatz von Eugen Fuchs „Glaube und Heimat", nachdem er in den „Neuen jüdischen Monatsheften" ursprünglich erschienen war, auch in dieser Zeitung und vielleicht auch in anderen jüdischen Blättern wiederholt worden ist, nun noch einmal veröffentlicht wird, erscheint vielleicht überflüssig; aber alle anderen Aufsätze: „Die Ausgaben der jüdischen Jugend"; Martin Buber „Mein Weg zum Chassidismus"; Werner „An unsere jüdischen Soldaten zum Chanukkafefte"; Franz Oppenheimer „Die Rasse"; Mayer „Lebenserinnerungen" sind vortrefflich oder jedenfalls eigenartig und froh zu begrüßen. Ohne die anderen Beiträge irgendwie herabsetzen zu wollen, sei an dieser Stelle besonders des höchst anmutigen und erquicklichen Aussatzes von Mayer gedacht, der die Umwandlung der Zeiten klar darlegt und mit den bemerkenswerten Sätzen schließt: Seite 240. „Der Weltkrieg wird zweifellos große Veränderungen für Judenheit und Judentum zur Folge haben. Wir dürfen ihnen nach meiner aus eingehender Kenntnis des Geistes und der Geschichte geschöpften Ueberzeugung mit fester Zuversicht entgegensehen. Vor allem deswegen, weil das Judentum von dem Fortschritt in der Welt nicht nur nichts zu fürchten, sondern alles zu hoffen hat. Die Religion des reinen Monotheismus und der unbegrenzten auf keine Rasse und kein Bekenntnis beschränkten Humanität kann nicht entwertet und nicht ausgeschaltet werden. Sie ist Freundin aller Wissenschaften, einer arbeitsfrohen Wirtschaftlichkeit und weitestgehender sozialer Fürsorge. So ist sie im besten Sinne demokratisch und zugleich mit ihrem seit Jahrtausenden bewährten Konservatismus eine feste Stütze aller wirklich wertvollen Grundlagen des Staats- und Völkerlebens. Wo bedenkliche Schäden in der Judenheit zutage treten, wie vor allem die Verfallserscheinung des Geburtenrückgangs, handelt ss sich üm Wunden an dem gesamten Volkskörper, für welche die geeigneten Heilmittel von allen Seiten mit Ernst gesucht und sicher auch gesunden werden. Bei unserer Einsicht und Energie werden wir gewiß nicht die letzten sein, die davon Gebrauch machen. Von unserer Jugend aber erwarten wir, daß sie die nach innen und außen im höchsten Maße schädlichen Fehden zwischen den verschiedenen Richtungen im Judentum nicht weiter mitmacht, sondern ein Zusammenarbeiten für die gemeinsamen Ziele an die Stelle treten läßt. Dann brauchen wir uns auch vor den neuen Anstrengungen des Antisemitismus nicht zu fürchten, sondern dürfen daraus vertrauen, daß, wie der Oberrat in einem Rundschreiben an die badischen Israeliten vom 16. März 1916 ausgesprochen hat, „jene kleinlichen, rückschrittlichen Strömungen sich immer mehr als unverträglich erweisen werden mit der großzügigen Weltpolitik, auf die unser Deutsches Reich notwendig angewiesen ist." Ferner sei nachdrücklich auf die Darlegungen Hermann Cohens hingewiesen. Der Verfasser spricht von dem traurigen Uebergang so vieler Begabter zum Christentum und erblickt darin eine Folge der Zeitlage unserer dermaligen religiösen Verfassung und Lebensführung; er setzt auseinander, nicht in dem Glauben an Gott, sondern im Glauben an den einzigen Gott bestehe das Wesen des jüdischen Gottesbewußtseins, und -er betont, „diese Energie des jüdischen Gottesbewußtseins, des Bewußtseins der Verbundenheit mit dem 'einzigen Gotte muß wieder lebendig gemacht werden." Er warnt vor Halbbildung, die zum Pantheismus führe, und empfiehlt mit starken! Nachdruck Demut, Züchtigkeit und Bescheidenheit. Er beendet seine gedankenreichen Ausführungen mit den schönen Sätzen: Seite 175. „Was die Demut vor Gott für unsere Religiosität bedeutet, dasi selbe bedeutet endlich die Bescheidenheit für unseren sittlichen Lebenswandel. Liebe junge Freunde, lasset nach der Bescheidenheit uns streben, lasset von der religiösen Grundkrast der Demut zur Bescheidenheit uns hinsühren, und wir sichern uns unser bürgerliches Dasein in unserem Staate, in unserem Vaterlande. Lasset uns nicht daraus achten, ob diejenigen, welche uns richten wollen, in sich selbst Bescheidenheit haben oder nur in Selbstgerechtigkeit besangen sind. Lasset uns nur aus uns selbst achten und von unserer religiösen Demut aus für unsere bürgerliche Sittlichkeit sorgen. Unter den Momenten, mit denen der Talmud das jüdische Wesen charakterisiert, steht neben der Barmherzigkeit und der Liebespflicht: die Schamhaftigkeit. Noch niemals sind das Mitleid und^ das soziale Mitgefühl als die Eigenschaften der jüdischen Seele bestritten worden. Aber auch die Schamhaftigkeit ist eine Grundkrast unseres Wesens. Ohne sie hätte die jüdische Familie nicht entstehen noch bestehen bleiben können. Auch die Schamhaftigkeit ist eine Wurzel der Bescheidenheit. Je sorgsamer wir fortan die Schamhaftigkeit Pflegen werden im Geschlechtsleben, desto leichter wird es uns auch werden, sie überzupslanzen in die Bescheidenheit, die im Grunde nichts anderes ist vor mir selbst wie vor jedem Mitmenschen als die Schamhaftigkeit, durch welche die natürliche geschlechtliche Liebe nach der tiefsinnigen. Dichtung unseres Goethe in der „Trilogie der Leidenschaft" zum „Frommsein" wird. So laufen auch bei Goethe alle Fäden des Menschlichen in „der Nähe Gottes" zusammen. Wohl uns deutschen Juden, daß wir in unserer höchsten Poesie selbst einen solchen Halt haben für unsere Religiosität." Möchten solche Darlegungen wirkliche Führer der deutschen jüdischen Jugend sein. L. G. Mchrremlauk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurückfendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Hermann Burte- Simson, ein Schauspiel, 1917, Verlag von Gideon Karl Sarasin in Leipzig. Dr. Nathan Birnbaum, Gottes Volk. 1916, R. Löwit Verlag, Wien und Berlin. Polnische Nachtstücke von Benno Elkan, mit Federzeichnungen des Künstlers. 1916. Delphin Verlag, München.