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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-12-28 · Heft 52 (28.12.1917) · p. Seite 623

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 52 (28.12.1917)
Date
1917-12-28
Page
Seite 623 (sequence 11)
Language
German
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rietttgfk Mann. Er diente der günzen Stadt, Vörnehmen und Geringen, ohne Unterschied, zum Laufen, Besorgen, Bestellen, Aushelfen, in aller möglichen Art. Seine Erscheinung hatte darin etwas Wunderbares, daß er, wo man ihn wünschte und oft ehe man an ihn dachte,-plötzlich da war und gewöhnlich schon getan hatte, was man wünschte. Mir selbst begegnete einst/Marianne Saaling aus einer Gesellschaft spät abends nach Hause zu begleiten: ich glaube, Neumann war auch dabei. Vor ihrer Haustür fehlt ihr der Schlüssel nebst dem Pompadour, den sie in dem Hause, wo wir herkamen, hatte liegen lassen. Während wir, noch dastanden, tritt aus dem Dunkel jemand heran, der uns gefolgt ist: es ist Schapse. „Sie haben den Pompadur liegen lassen" sagte er, überreichte ihn und verschwindet. Wo ein Kutschenschlag zu öffnen, ein Wagen zum Vorfahren nnzurufen, etwas Fehlendes herbeizuschassen, Versäumtes nachzuholen war, da konnte man auf Schapse rechnen, der auch überall Zutritt hatte, wie ein Hilfsdiener, im Theater, in Konzerten, in Gasthöfen, Kaffeehäusern wie in einer großen Menge von Familien, wo er sich aber durchaus wie ein Diener benahm und, wenn man ihn nicht gebrauchte, bald wieder ging. In einer Biographie des Kapellmeisters Himmel finde ich von Schapse folgenden Zug ausgezeichnet: Himmel gab schon nach der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms des Dritten ein Konzert. Nach Beendigung desselben sagte die Königin Louise, bereits im Begriffe, am Arme ihres Gemahls den Saal (zur Stadt Paris) zu verlassen, dem Kapellmeister einige gnädige und verbindliche Worte. Die übrigen Anwesenden, unter denen sich auch Schapse befand, hielten sich in ehrerbietiger Entfernung; da flüsterte ein Spaßvogel, Herr M., dem Juden ins Ohr: „Aber, Schapse, wie du doch auch einmal nachlässig bist! Siehst du nicht, wie sauer dem Herrn Kapellmeister das Stehen wird!" Ta ergriff Schapse im Diensteifer sogleich einen Stuhl, lief damit auf Himmel zu, der noch vor dem Königlichen Paare stand und schrie dabei aus vollem Halse: „Wollen der Herr Kapellmeister nicht gefälligst belieben, sich niederzusetzen?" Mir ist der Name dieses jüdischen Originals noch nirgends begegnet. Vielleicht können andere Kenner von Alt-Berlin noch anderes hinzufügen. Unter dem in der Aufzeichnung erwähnten Persönlichkeiten ist Prinz Louis Ferdinand, der 1806 bei Saalfeld gestorbene Prinz, der einer der Intimen Rahels war; Neumann, Wilhelm, ein (übrigens christlicher) Schriftsteller aus dem Varnhagen-Chamissoschen Kreise; Himmel der bekannte Musiker, dessen „Fanchon" das Entzücken unserer Großväter ausmachte. Die einzige Jüdin ist die' durch ihre Schönheit berühmte Marianne Saatling (eig. Salomon), die Tante Paul Hehses. I.. 0. * In seinen „Erinnerungen" (Stuttgart und Berlin 1905. I. G. Eottasche Buchhandlung Nachfolger) schreibt Adolf Wildbrand: . . . „Und ich wandere nordwärts den Weg nach Döbling hinaus, den ich in jenen Jahren sooft gemacht, zu der Villa Wertheimstein. Im-Sommer 1871 fuhr ich zum erstenmal mit Bauernseld hin; mit wie vielen anderen fuhr ich dann desselben Weges, Hunderte von Malen; zweimal Hab' ich dort mit den Meinen als Gast gewohnt, zuerst in der sogenannten „Mühle", einem einsamen Haus im Parke, dann in einem Flügel der Villa, am Eingang. - Josephine v. Wertheimstein, die Hausfrau, war die eigentliche Seele, der Magnet, der Genius; eine der holdesten, adeligsten, wärmestrahlendsten Frauen, die in mein Leben getreten sind. Ein großes, dunkles Schicksal lag. hinter ihr, als ich sie kennenlernte: von ihren beiden Kindern hatte sie den Sohn, der als noch junger Bildhauer viel versprach, mit neunzehn Jahren verloren; der Schmerz nahm ihr Schlaf, Nahrung, alles, bis ihr Geist sich umnachtete. In einer Anstalt mit heutiger Methode hätte man sie wohl bald geheilt, ihre Mutter aber, ganz Liebe und noch in der alten Denkart befangen, die solche Erkrankungen zu verstecken suchte, setzte durch, daß sie.in der Familienpflege verblieb, so genas sie langsam. In der Halbdämmerzeit dieser werdenden Genesung entfalteten sich Flügel in ihr, die sie nicht gekannt hatte, die auch später wieder still vergingen. Sie ward Dichterin. Sie hat mir einmal ein Buch zu lesen gegeben, in das sie alle die Träume und Gedanken dieses Zustandes, in Berssorm gebracht, eingetragen hatte; zuerst wirrten sie noch dann und wann, wunderbar ergreifend, dann war es, wie wenn die Nebel wichen,, der Dag hineinleuchtete und die Sonne durchbrach. Die ganze Tiefe und Hoheit ihrer Seele sah mich aus diesen monolo- -gischen Gesängen an; leider nur dies eine Mal. Frau Josephine zeigte das Buch nicht wieder; sie kam später, wie mir schien, nicht gern aus diese Zeiten zurück. Doch vielleicht war es nur die un- weibliche, säst jungfräuliche Bescheidenheit, Keuschheit, die auch vor dem Schein bangte, daß sie ihr Innerstes zu enthüllen liebe. Sie war aber gesellig, menschenhungrig, für reichen, bunten, geistvollen Verbehr wunderbar begabt und geschaffen; wie viele, die den Ehrennamen Mensch verdienen, Hab' ich dann auch in der Villa Wertheimstein verlebt! Die alten und treuen Freunde des Hauses Bauernseld, Ungar, Dessauer, Waffel (der die Kinder erzogen hatte, ein geliebtes Jnventarstück der Familie, ein Ostpreuße, voll Geist und Gemüt, der zuzeiten zweimal täglich vom Bezirk Landstraße zu Fuß hinauspilgerte und zweimal zurück); dann die Späteren, Lenbach, Maler Penther, Ferdinand v. Saar, Karoline Gomgerz-Bettelheim, Gräfin Dönhoff, Gräfin Wickenburg-Almasch, Malvine v. Dutschka, Professor Fteische-Exners — damit ich nur die wenigen nenne, die mir eben vor die Augen treten. Das Haus selber war nicht menschenarm; die Tochter Franzi, der Gatte, die Mutter (eine seine, liebenswürdige Patriarchin), die Schwester, Fräulein Minna Gomperz (heiter, warm und klug); das „Fischerl" nicht zu vergessen, die Hausdame, die einzige, die noch lange Jahre mit der Tochter in der Billa waltete. Franzi v. Wertheimstein,-auch längst heimgegan-gen, die letzte des einst so lebendigen Hauses, war wie ihr Bruder schön begabt, so für Malerei und Musik; vom Vater, einem echten Gentleman von gebildetem- und feinem Verstand, hatte sie ähnliche Gaben, von der Mutter die Poesie der Seele geerbt; bedeutende Menschen aller Art umgaben ihre Jugend. Sie sang uns die Volkslieder der österreichischen Alpenländer so kernecht und so grundmusikalisch, wie's wohl nur wenige können, und die schönsten, feierlichsten, süßesten, gleichsam durch die Mondnacht emporschwebenden Jodler — wunderbare gibt es —, die sang sie so überirdisch schön, daß mich manchmal eine schmerzende Sehnsucht packt- Dabei nun das sinnigste Weltverstehn, der mitlebendste Humor bei Mutter und Tochter. Sie waren immer urgesteinsmäßiger zusammengewachsen, je mehr die Reihe der alten 1 Freunde sich lichtete. Ihre Verschiedenheiten umzogen sich mehr, und mehr mit dem holden Duft des selbstverständlichen Zusawmengehörens. Wären nur nicht die Störer gewesen, die nervösen Hemmungen, die von Zeit zu Zeit die schöne Entwicklung der so reich begabten Tochter gleichsam unterbrachen. Das erlitten wir dann alle mit. Wie es Tage gibt, wo über einer schönen, sonnigen, blühenden und duftenden Landschaft eine immer drohende Wolke hängt, so lag! zuweilen aus der Villa Wertheimstein ein jäh dunkler Schatten, gegen! den die tapfere Heiterkeit der Bewohner, die Ungemütlichkeit des so-! genannten „Speckkammorls", in dem man nach Tisch saß, der über- ' mutige Humor der Gäste, die fröhliche Ansteckung von Witz und Geist, die edlen Spieler und Sängerminnen doch oft schwere Käurpse kämpften. Doch die so Gehemmte oder Gequälte bewährte sich mehr und mehr als erhabene, lächelnde Heldin, und nur um der Heldin willen Hab' ich die Leiden erwähnt. Ihrer unerschöpflichen Lernfreude kam tu einem so reichen Kreis von begabten Lehrern und Forschern immer neue Anregung; der größte Anreger war der Naturforscher Ernst v. Fleischl, der m erstaunlicher Begabung Unterhaltung und Belehrung verband. Wie viel Hab' ich da mitgelernt! — Wie schön und so recht Lies genießend verlebten wir miteinander die Frühlings-, Sommer¬ und Hecbstpracht des Parkes, am eindringendsten und traulichsten wohl in dem Frühsommer 1880, den ich als Gast ganz daselbst verlebte. Da fanden wir uns am liebsten unter den rotblühenden Kastanien, herrlichen Bäumen mitten im Parke (schöne Goldamseln sangen gern hoch oben); dort rüstete ich auch endlich zum Abschied, in Versen, in denen ich die seelenvolle Poesie dieses Parks zu schildern suchte> den Freundschaft auf allen Wegen durchwandelte. So viele Wochen haben wir nicht wieder nriteinander gelebt; es war wohl die idealste Zeit. Doch ward es jedesmal eine Lebenshohe, wenn ich mich mit Mutter und Tochter in Sommern oder Herbsten irgendwo im Gebirge zusammensand: so in Wildbad Gastein, in Hallein, in Salzburg, in Markt Außee; zu allerletzt in Meran in der Winterfrische. Wundervolle Tage: wo Mutter und Tochter jeden Zoll Bodens kannten, wo sie alles tiefverstehend genossen, die Mutter mit ihrer strahlenden Einsaugsähigkeit, die Tochter doch etwas wählerischer, mit dem feinen Auge der Künstlerin. Hier hörte ich denn auch noch einmal die in den Himmel einziehenden Jodler, die ich me vergesse.

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