Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 52 (28.12.1917)
- Date
- 1917-12-28
- Page
- Seite 622 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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, 16. August 1852. (Bd. 9, 336.) „Ter Bundestag gestattet den Juden in Frankfurt am Main nur in bürgerlichen Rechten Gleichstellung mit den Christen, nicht in politischen. Es wird m den Zeitungen gesagt, Preußen werde sich ebenfallsdiesem Ausspruch fügen müssen, .nur wolle man abwarten, daß es von selbst den betreffenden Artikel der Verfassung durch die Kammern abändere." Rahel Levin über Henriette Herz. Es lassen sich kaum größere Gegensätze denken als die majestätische schöne Henriette Herz und die kleine unschöne Rahel Levin, jene früh verheiratet, früh verwitwet, diese sehr spät einen Ehebund mit einem weit jüngeren Manne schließend, der sie Jahrzehnte überlebte; die erstere nach -einer kurzen, wenn auch glänzenden Blütezeit ein langes Leben in recht beschränkten, fast dürftigen Verhältnissen lebend, die letztere, ziemlich spat aus Dunkelheit auftauchend, immer im Ausstieg, gesellschaftlich und in ihren Vermögensverhältnissen; Henriette robust, den Jahren und den Verhältnissen trotzend, Rahel stets kränklich und von allen Unbilden der Temperatur und der Zeiten arg mitgenommen. War die „junonische Riesin", wie sie ein geistreicher Spötter genannt hat, in ewiger anderen gewidmeter Tätigkeit, so kannte die zarte Nebenbuhlerin nichts Köstlicheres als Ruhe im ein-» samen Denkerstübchen; war jene gelehrt und bis in ihr hohes Alter bemüht, ihre Kenntnisse zu vermehren, so ging diese nur daraus aus. ihr Denken zu vertiefen; bevorzugte die erstere das Lesen, Reden und Hören, weil sie in richtiger Selbsterkenntnis ihr Unvermögen begriff, mit der Feder umzugehen, so. war die letztere unermüdlich im -Schreiben von Briefen und Tagebuchblättern, Gedanken und Gefühle wild durcheinander werfend. Auch im Gefühlsleben herrschte zwischen beiden ein starker Kontrast. „Ruhig und kalt", hat derselbe Spötter, den wir schon einmal anführten, Henriette genannt; so unnahbar war sie schon den Jünglingen, die sie umdrängten, daß sie sie zu einem Tugendbunde zwang; abweisend trat sie der glühenden Schwärmerei Ludwig Börnes entgegen und selbst ihre lange, oft anders ausgelegte Verbindung mit Schleiermacher besaß so wenig Sinnliches, daß sie sich nach seiner Verheiratung mit einer anderen eher festigte als löste. Rahel dagegen war eine leidenschaftliche Natur, die auch mit den Sinnen liebte und sich lieben ließ, die, ohne eine Aspasia zu sein, in den Männern, mit denen sie verkehrte, nicht nur den Geist achtete, und die als junges, aber auch als alterndes Mädchen in ihren Freundschaftsbündnissen die Leidenschaft nicht unterdrückte. Daß zwischen zwei solch entgegengesetzten Naturen keine innere Gemeinschaft herrschen konnte, ist natürlich. Trotzdem geboten die Verhältnisse, die Umgebung, der Kreis, in dem beide eingeschlossen waren, einen gewissen Verkehr, so wenig beide ein wirkliches Behagen an einem solchen fanden. Daß Henriette sich ungünstig über ihre Gefährtin geäußert, ist nicht bekannt; wohl aber kennt man manche spitze Redensarten der Rahel über Mad. H., „die stets geputzt lebte", und anderes. Eine sehr starke Aeußerung kann ich hier mitteilen. Als Varnhagey das Buch über seine Gattin „Rahel. Ein Buch des Andenkens" 1833 herausgab, unterdrückte er diese Stelle, da Frau Herz noch lebte; doch fügte er sie aus dem Original in das Handexemplar jenes Werkes ein (Königliche Bibliothek, Berlin, Handschriftensammlung), das er zum Zwecke einer zweiten Auslage mit zahllosen Berichtigungen, Zusätzen und einer fast unübersehbaren Fülle von neuen Briefen versah. Und so lesen wir nun in einem Schreiben: „An Wilh. v. Humboldt, 28. Juni 1809. Mad. Herz habe ich zu sprechen gesucht. Götter der Welt! wie kann man bei so wenig Leben leben bleiben. Wunder der Nichtigkeit hätte ich Ihnen zu erzählen: denn endlich frug ich sie einmal aus! Ein Brief faßt es nur nicht; seksi ich Sie aber dereinst, so will ich Ihnen in einem kleinen Buche, wo ich jetzt manchmal Wunder und Zeichen aufmabe, den Eindruck zeigen, den mir das Verhör der kolossalen Gestalt, der kolossalen Jahre und der kolossalen Erfahrung machte. Hassen kann man sie nicht; fast muß man sie achten: vernichten aber möchte man sie. Zum Spott der sich tugendhaft glaubenden Menschen lassen die ewigen Götter dies Gebilde umhergehen — und ungerecht findet man's, eine doch lebende Seele dazu zu gebrauchen! Wie mit einen Kirchturm ist ihr der Wind um. das hohe Haupt gegangen! Ich erhebe mich nicht vor ihr, denn endlich m ' ■ - untersuchte '-ich-ganz. . . Äu2 Rührung möchte man bre Herz getötet wissen. Mündlich die tiefste Rechenschaft hiervon: so viel nur! Sie spricht nicht von Unglück, ist auch bis zu. solcher Tiefe nie gedrungen." Die mündlich abzuhandelnden Materien waren von Rahel in Tagebuchnotizen behandelt, diese stehen unmittelbar vorher, Seite 423—426; daß sie sich auf Henriette Herz bezogen, konnte man aus dem Druck nicht entnehmen, da die Geschilderte äks Frau v. Bl. bezeichnet wird: Darnhagen hat dies gestrichen und dazu geschrieben „Hofrätin Herz". Zu der Stelle „sie glaubt zu-lieben" hat er ergänzt: „den Grafen v. Dohna-Schlobilten". Bet der Bemerkung: „Mehr hat sie ihnen (nämlich den klugen Männern, die mit ihr umgehen) nicht Nachdenken gelernt, meine ich", ist das Sternchen aufzulösen: Schleiermacher; die W. und G., über den sie sich zum Schluß äußert, sind Darnhagen und v. d. Marwitz. L. G. * <litte SelvstschiLderrrrrg der Rahel. In „Rahel Ein Buch des Andenkens", 1833, S. 510 ff. findet sich eine merkwürdige Beschreibung, objektiv scharf, mitleidlos, die Rahel von sich macht. Der vielleicht interessanteste Anfang dieser Beurteilung ist im Truck ausgelassen; ich ergänze ihn aus Barnhagens Handexemplar: „Ich habe keine Grazie; und nicht einmal die, einznsehen, woran das liegt: außerdem daß ich nicht hübsch bin, habe ich auch keine innere Grazie. Das denke ich schon sehr lange; aber so ganz bestimmt noch nicht so sehr lange, ich nahm es zu lange einzeln und sah es nur einzeln ein, wie ich es oft mit vielen Dingen mache. Ich kann es gar nicht einsehen, woran es liegt, da ich mich doch oft überaus unschuldig finde, lebendig und beweglich bin und dies so überaus an anderen liebe. Doch ist es ausgemacht, daß ich eklig bin. Ich sagte auch vor langen Jahren einmal zu Jettchen Mendelssohn, die überaus frappiert davon war: Ich bin unansehnlicher als häßlich. So bin ich in allem." L. G. * Rahel als Jüdin. Man weiß, mit welcher Innigkeit, trotz ihres schließlichen Ueberganges zum Christentum, Rahel an jüdischen Gewohnheiten, Ausdrücken hing und den Zusammenhang mit der Gemeinschaft wahrte, der sie entstammte. Einzelne unbekannte Zeugnisse, zum Beweise dieses Satzes mögen aus der mehrfach benutzten Quelle (Barnhagens Zusätze zum Buche „Rahel" (Königliche Bibliothek in Berlin)) hier zusammengestellt werden. 1821 notiert sie, im Tiergarten habe sie gehört, wie einer im Gespräche sagte: „Ich liebe alle, die die Inden nicht leiden Vönnen", und fügt hinzu: „und dabei sah er aus wie ein Jude." Zu der Niederschrift vom 2. Mai 1823 (Rahel III, S.. 96) füg: Varnhagen als Ansspruch seiner Gattin hinzu: „Die Juden sind komisch, sagt man, und man lacht wenigstens häufig über sie. Das kommt von ihrer schrecklichen Lage in der europäischen Welt, die so sehr mit ihrer urgeschichtlichen kontrastiert — woher der Mensch aber über so etwas überhaupt lachen kann, das frag ich immer — und folglich auch ihr ganzes Gebärden, sie mögen es anstellen, wie sie wollen; Europas müssen die Falten ausgebügelt werden." L. G. * Ein jüdisches Original. In den gedruckten Briefen der Rahel (Buch des Andenkens 1833) findet sich S. 537 ff. ein Brief an Fouquö 29. November 1811. Dort steht eine lange Ausführung über den Prinzen Louis Ferdinand. Darin kommt die Stelle vor (S. 537): „Er errötete, wenn Menschen von anderen zum Narren gehalten wurden; das sah ich, als man das einmal ziemlich gelinde mit einem verrückten Juden Schapse in seiner Gegenwart vornahm: er schenkte ihm Wein ein und behandelte ihn geschwind als Gast." Dazu hat Varnhagen in dem durchschossenen Exemplar der Berliner Königl. Bibliothek (Handschristensammlung) folgende längere Anmerkung hinzugefügt: „Der hier erwähnte Schapse war eine Berliner Merkwürdigkeit von eigner Art. Ein ungebildeter, doch kluger Jude, der gerade so Wiel zu leben hatte, um als geringer Mann kärglich auszukommen, wollte für Geld nicht arbeiten und war daher umsonst der Dienstfertigste,