Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 52 (28.12.1917)
- Date
- 1917-12-28
- Page
- Seite 621 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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' *-- 621 wo tauf es gintz, Und bekamen zum Teil einen großen Schrecken. Denn ein ganz reines Gewissen hatten sie wohl alle nicht, eine gewisse Häßlichkeit hatten sie alle' in dem Worte Judenjunge oder Jude gesunden, und nun kamen sie sich auf einmal so dumm vor. Ja im Gegenteil, hatten sie nicht dadurch ihrem eigenen Glauben etwas von ihrer Treue genommen, wie doch Dr. Berg immer wieder betonte, daß der doch wohl nicht so überzeugt sein könne von der Güte dessen, das er besitzt, der immer erst glaubt, das oes anderen als schlechter ausposaunen zu müssen. Das war doch eigentlich eine dumme Geschichte, und bloß gut, daß Dr. Berg nichts von der verflixten Schimpferei von neulich wußte, sonst würde er sicher sehr traurig gewesen sein, daß seine Quartaner doch so dumm gewesen waren. Und um nun aber der Sache den nötigen Nachdruck zu geben und kraft seines Gebotes auch für einen vollen Erfolg garantieren zu können, schloß Dr. Berg etwa so: „Die Lehre, die wir also daraus nehmen, haben wir wohl alle verstanden. Jeder will doch, daß sein Ring als der echte erwiesen werde! — Und das kann er, Herbert Euler, nur wodurch?" „Daß sein Ring als der echte erwiesen wird, kann er nur dadurch machen, — „Erreichen..." „kann er nur dadurch erreichen, daß er, so fest er kann, daran glaubt, daß sein Ring der rechte ist, und daß er sich nicht um die anderen kümmert!" „Ganz recht! Nicht wahr, wie beim Wettrennen, da glaubt jeder Reiter auch, daß sein Pferd siegen wird, und reitet so gut und so schnell er kann, aber er schaut sich doch nicht fortdauernd nach den anderen um, sonst verliert er doch nur Zeit, noch viel weniger aber schilt er seinen Mitrenner, weil der auf einem braunen Pferde sitzt und er auf einem weißen. Aber, Jungens, noch seid, chr ja kleine, dumme Jungen, die noch nicht alles von selbst so können, wie sie es sollen, und darum habt ihr noch Lehrer, die euch auf eurem Wege festhalten, damit ihr auch vorwärtskommt, und wenn chr einmal keine Lust habt zu laufen, wie ihr es müßt, euch zwingen, etwas zu tun, was zwar unbequem, aber zu entern Besten ist — darum Jungens, will ich euch helfen und mit aufpassen, daß keiner aus seiner Bahn hevausrutscht. Jeder soll an seine Religion glauben, so fest er kann, alle um die Wette, denn wer's am besten kann, dessen Religion war die echte. Damit nun aber reiner schwach lvird und doch einmal Lust bekonnnt zu schimpfen auf einen andern, dem sage ich, daß er sicher schon verloren hat, und daß ich dem obendrein bitter böse werde." Nun wußte Dr. Berg, solche Vorgänge wie neulich, kamen bei den Jungen nicht mehr vor. Auf die durfte er sich verlassen. Die Klasse war aufmerksam gefolgt. Sie war begeistert. Wie alle Kinder, wenn es einen Wettbewerb gilt, freuten sie sich, nun beweisen zu können, was sie könnten. Fritz Burg schämte sich mächtig, und als nun gar Hans Markus in der Pause zu ihm kam und ihm sagte: „Verzeih, Burg, daß ich dich neulich so gehauen habe, aber ich hatte wirklich geglaubt, du wolltest mich schimpfen," da wollte er vor Scham in die Erde kriechen, so weh tat ihm das. Alle schworen sich insgeheim, sie würden bestimmt niemals die anderen schelten, es wäre ja auch zu dumm, denn diese deutsche Stunde war doch zu sein gewesen und hatte nachhaltigst gewirkt. Bei einein aber weitaus am meisten. Der war so glücklich und froh. Das hatte sicher der liebe Gott getan, der einem immer in der Not hilft, daß gerade, als er so schrecklich unglücklich war und keinen Rat mehr wüßte, Dr. Berg ihm so wundervoll hätte Helsen können, und daß er nun wußte, was ein Jude sei, und daß es weder eine Strafe noch eine Auszeichnung sei. Er war so glücklich, weil er sich nun wieder gleichberechtigt mit seinen Kameraden fühlte, am liebsten wäre er Dr. Berg um den Hals gefallen, um ihn zu küssen, aber das konnte man bei einem Lehrer doch nicht tun, und so blieb ihm nichts weiter, als zu strahlen, wenn er ihn sah, und ihm still bei sich Treue bis in alle Ewigkeit zu schwören — still bei sich, denn sagen konnte man doch so etwas nicht. Aber lieben würde er rhu, so fest er konnte und ihm zuliebe an seine Religion so treu und so stark wie möglich glauben, damit er einmal bewiese, daß er den rechten Ring habe, und damit Dr. Berg sich freue. Misteilrn. Notizen über Inden aus Barnhagens Tagebüchern. 28. Mai 1851. (Bd. 8, 190.) „In Bonn ist ein Jude, Herr Maximilian Samter, Doktor beider Rechte geworden, nach zahlreichen Schwierigkeiten und Hinderungen. Dort das erste Beispiel, das aber auch das letzte sein soll. Die Fakultät will es nicht mehr tun. Die Frömmler sind außer sich daß ein Jude Doktor auch des kanonischen Recht sein kann. Wenn ebs aber doch weiß, so weiß er's." 25. Juli 1851. (Bd. 8, 269.) „Der jüdische Alderman Salomons, für das Unterhaus gewählt, will seinen Sitz einnehmen, muß aber der Gewalt weichen. — Hier will man den Juden, der Verfassung entgegen, das Wahlrecht absprechen. — Ganz recht! Sprecht nur ab, Ihr habt freie Hand — Aber —!" 21. Okt. 1851. (Bd. 8, 387.) „Schief-Levinche mit seiner Kalle." Der von Heine gelobte Roman aus dem Leben der polnischen Juden, von Bernays. Toll genug, ernst und spaßhaft, ein gut gefaßter Stoff, aber nicht von Küustlerhaud gesaßt, nur von kundiger, und auch nicht ungeschickter." 31. Okt. 1851. (Bd. 8, 40t.) „Besuch von Hermann Frank. Der „Romanzero" von Heine war eben angekommen, er lag auf einem Tisch, Frank zog ihn aus der Tasche, wir lasen darin besprochene Dichter nnd die Gedichte. Dann gingen wir auf das Judentum über und erörterten seine staunenswerten Eigenheiten. Das auserwählte Volk Gottes in Wahrheit, ein Phänomen in der Weltgeschichte! Zwei Religionen, die eine für sich selber, die andere in der ganzen Welt! Ihre Geschichte nnd Literatur heilig für Christen und Mahometaner, übersetzt in alle Sprachen der Welt, die Christen Dränger und Peiniger der Juden, beten deren Psalmen, verehren deren Urväter, haben einen ihrer Verurteilten zum Gott erhoben. Reiche Begabung des Volks. Frank hatte vieles einzuweuden, ich aber setzte meine Lobrede mit Eifer fort." 25. Nov. 1851. (Bd. 8, 440.) „Der reiche. Lotteriekollekteur Schreiber, in Breslau, der gewöhnlich 660t) Lose absetzt, bekommt jetzt von der Direktion nur 600, weil man ihn beschuldigt, für Temmes Niederlassung in Breslau gesorgt zu haben. Der Minister hat seine Beschwerde znrückgewiesen." Moritz Schreiber, einer der angesehensten. Vertreter der jüdischen Gemeinde in Breslau, lvar der Schwiegervater L. Auerbachs. 10. Jan. 1852. Bd. 9, 14 ff.) „Ter Erzschust Joel Jacoby, einst als Verfasser der „Klagen eines Inden", von Hitzig gefeiert und empfohlen, dann lange als Polizeikundschafter angestellt, darauf lange verschollen, ist wieder in Tätigkeit bei der Hinckeldeyschen Polizei und hilft die Literatur überwachen." 31. März 1852. (Bd. 9, 142.) „Gestern hat die Erste Kammer den Antrag des Tr. Klee über die Zulassung der. Juden mit der einfachen Tagesordnung beseitigt, Ger lach und Raumer wollten eine motivierte, welche den Inhalt des Antrags billigen, nur den Mangel an Zeit vorschützen sollte. Woher kommt diese Mehrheit von Vernunft und Billigkeit unter der frechen, gewaltsamen, wahnsinnigen Mehrheit, die sonst hier herrscht? — Tr. Moritz Veit sprach würdig, Bethmann Hollwog, Gras v. Dorck stimmten gut." 10. April 1852. (Bd. 9, 160.) „Ans die fanatische Aeußerung des verrückten- Präsidenten v. Gerlach in der Kammer, daß einem ganzen Dorfe der Verstand still stehen würde, wenn es einen Juden als Schutzen sähe, sind nun schon fünf solcher Beispiele öffentlich angemeldet, daß Bauern einen Juden zum Schulzen gewählt haben und mit dieser Wahl sehr zufrieden sind. So viel klüger, reifer und milder ist unser Volk als solch ein dünkelhafter, engherziger, nicht von Gotteseifer, sondern von Tellfelseifer besessener Schwarzjunker."