Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 52 (28.12.1917)
- Date
- 1917-12-28
- Page
- Seite 620 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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620 Rachel, Raphael, wurde Direktor des Theaters Porte St. Martin. Dem Andenken der unvergleichlichen Künstlerin, deren Namen für alle Zeiten mit goldenen Lettern in der Geschichte der Schauspielkunst eingezeichnet prangt, hat 1859°) die treffliche Schriftstellerin Rahel Meyer") ein ungemein wertvolles literarisches Denkmal errichtet. Iudmjungk. (Schluß.) Eine Knabengeschichte. Von Edgar B e y s u ß. oktor Berg war einer jener seltenen Pädagogen, die nur aus Liebe zu Kindern diesen Berns ergriffen hatten. Seiner eigenen Jugend noch nicht allzu weit entrückt, mit großer Liebe zu den kleinen Menschlein, die seiner Obhut anvertraut, seiner Hand mit ihrem ganzen Schicksal, mit ihrem ganzen augenblicklichen Sein überantwortet waren, suchte er nach Möglichkeit jedem Buben von seinem Standpunkt aus gerecht zu werden und bei allen Ueberlegungen mit in Erwägung zu ziehen, wie sich wohl alles in dem Köpfchen eines etwa zehnjährigeil Bürschleins ansmalen mochte. Und so stand es von vornherein fest bei ihm, mit einem rigorosen, unerläuterten Verbot war hier nichts zu machen. Nicht etwa, daß das womöglich keinen Erfolg gehabt hätte und bei irgendeiner Gelegenheit doch wieder ein gleicher Fall vorgekommen iväre. O ilein! das nicht. Sicher nicht! Im Gegenteil- Bei aller Liebe und Freundlichkeit war Dr. Berg von einer festen, unbeugsamen Strenge, und seine Gebote waren unverbrüchliches Heiligtum, daran man nicht rütteln konnte. Denn auch nur bei dem geringsten Verstoß konnte man sich die Freundschaft Dr. Bergs verscherzen. Und das war eine harte, wehtuende Strafe. Aber geholfen wäre damit nicht; denn was Dr. Berg als das Allerwichtigste in diesem Falle schien, das wäre durch ein Verbot gerade noch schlimmer geworden. Denn, so meinte Dr. Berg, wenn er den Jungen verböte, den kleinen Markus einen Judenjungen zu schimpfen, — unvermeidlich blieb in den anderen Jungen doch das Gefühl vorhanden, es sei überhaupt ein Schimpfwort, das sie nur nicht benutzen dürften, wie ihnen Dr. Berg schon von Anfang an jede Benutzung von häßlichen, geineinen Schimpfwvrten als etwas Dummes, Feiges und Verwerfliches verboten hatte. Und was noch schlimmer schien, der kleine Markus selbst mußte so unbedingt das Gefühl bekommen, es sei irgend etwas zumindest Schwächeres an ihm, was in seinem Judentum läge, daß er des Schutzes, des Verbotes eines Lehrers bedurfte, weil er sich selbst nicht hätte helfen können. Das mußte auf alle Fälle vermieden werden. So grübelte Dr. Berg, wie er seinen Jungen am besten beikommen könnte. Schließlich hatte er es gefunden und versprach sich einen unbedingten Erfolg. Die nächste Dcutschstunde wollte er opfern. Er brachte ein großes, den Schülern bislang unbekanntes Buch mit. Das bedeutete immer etwas Grites, denn aus diesen Büchern las Dr. Berg bisweilen ein Gedicht oder eine Geschichte vor, -) Institut zur Förderung der israelitischen Literatur. ' h Gestorben 1874. , . , die nicht im Lesebuch stand, und das war dann meist sehr schön. - . , „Heut will ich euch", so begann er, „ein Gedicht vorlesen, eine Fabel, wie wir schon manche gelesen haben. Ihr erinnert euch gewiß noch des Gedichtes vom Hirschen, der sich im Wasser sieht, oder vom Fuchs und den sauren Trauben, oder vom Wolf und dem Kranich und anderem." Ein allseitiges leises Kopfnicken zeigte ihm, daß sich alle noch entsannen. „Ihr werdet", so fuhr Dr. Berg fort, „euch auch noch entsinnen, daß wir ans all diesen Geschichten stets eine Lehre herausfanden, die immer so wundervoll auf uns Menschen, ja sogar, wie wir es oft herausbekamen, auf jeden einzelnen von uns paßte." Hier gab es vorsichtig schmunzelnde Gesichter, denn man entsann sich noch sehr wohl, wie peinlich genau bisweilen eine solche Fabel aus einen gepaßt hatte. „Solch eine Fabel will ich euch jetzt vorlesen, und dann wollen ivir einmal versuchen, ob auch sie für lins Bedeutung hat." Und Dr. Berg las seiner stumm und gespannt lauschenden Quarta jene wundervolle Lessingsche Fabel vor, die dieser seinem klugen Inden, Nathan dem Weisen, dem Sultan, dem Türken und Christenseind, gegenüber in den Mund gelegt hat. Jene herrliche Geschichte von dem Vater, der solch wundersamen Ring besaß, der jeden bei Gott und den Menschen beliebt zu machen vermochte, wenn er ihn im Glauben an diese Kraft trug. Und er las ihnen, wie der Vater nicht wußte, welchem seiner drei gleich geliebten Söhne er den Ring geben sollte, wie er schließlich einem jeden den Ring versprach nnd, um sich zu helfen, zwei falsche Ringe machen ließ, die so gut waren, daß nun keiner mehr den rechten Ring herausfinden konnte. Und er betonte, daß ja doch der Ring nur dann die Kraft besäße, wenn man fest an diese glaubte; und alle fanden es mit ihm, Dr. Berg, und dem klugen Richter aus der Geschichte, daß es sich erweisen lasse, welches der rechte Ring sei, durch die geheimnisvolle Kraft, daß aber dazu erst einmal jeder fest an die Kraft seines Ringes, von dessen Echtheit er selbst überzeugt sei, glauben müsse. Und je fester und stärker jeder an seinen ererbten Ring glaube, um so eher könne schließlich der echte Ring erwiesen werden. Und so sahen sie denn auch leicht ein, daß es ja eigentlich gar nicht der Ring selber sei, der den Besitzer beliebt bei Gott und Menschen mache, sondern, wie es in der Geschichte auch hieß, der Glaube daran — so daß es letzten Endes ganz gleichgültig sei, wer den ursprünglichen Ring hätte, wenn nur jeder fest an die Kraft seines Ringes glaubte. Und nun kam das, was Dr. Berg am wichtigsten war, daß sie einjähen, das; jeder, der glaubte, den anderen, den Besitzer eines anderen Ringes, deshalb schelten zu müssen, nur sich selber schade, denn er beweise damit, daß er selbst nicht mehr unwandelbar an die Kraft seines Ringes glaubte und dadurch dessen Kraft verlöre. Denn -wer ganz fest an diesem Glauben hielte, der käme ja gar nicht auf den Gedanken, daß ein anderer daran zweifeln könne, im Gegenteil, er sei dann fest davon überzeugt, daß jeder auch seinem Ringe glauben müßte. Und wenn schließlich ein anderer einem anderen Ringe glaubte, nun, so war das sein gutes Recht, gerade so gut wie jeder Junge an seine Mutter glaubte und sie für die beste aller Mütter hielte, ohne doch darum einen anderen Jungen zu schelten, bloß — weil er eben eine andere Mutter hatte. Das hatten nun also alle verstanden und waren nun gespannt auf die Lehre, die sie daraus ziehen -könnten. Teils glaubten sie, sie schon zu ahnen, aber als ihnen Dr.Berg da Plötzlich sagte, die drei Ringe seien drei Religionen, die der Christen, der Juden und der Türken —, da wußten sie plötzlich alle.