Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 52 (28.12.1917)
- Date
- 1917-12-28
- Page
- Seite 619 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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-üe|, um Jousl-in de Lasälle, den Direktor des TheLtre AransatS," herbeizuholen," der Rachel "ebenso bewunderte 'und St. Aulaire mit Borwürfen überhäufte, daß er ein so viel versprechendes Talent in so albernen Rollen auftreten lasse. Schon am folgenden Tage, am 27. Oktober 1836, verschaffte ihr Lasalle einen Platz am Konservatorium und ein Stipendium von 1200 Francs. Leider starb dieser neue Beschützer Rachels. V4del, sein Nachfolger als Direktor des THGLtre Fran^ais, hatte nicht Zeit, sein" Interesse an der jungen Kunstnovize fortdauernd zu betätigen. Mit ihrer jung erwachten zähen Energie bekämpfte diese mutig Not und Entbehrungen und strebte unentwegt ihrem Ziele zu. Inzwischen lernte Moritz Pierson sie kennen und war von ihrem Spiel so eingenommen, daß er sie für das Gymnase mit 3000 Francs verpflichtete. Hier gab es jedoch Enttäuschung in Fülle. In einem eigens für sie von Paul Dupront geschriebenen Vaudeville „Die Vendeerin" trat sie am Gymnase auf, hatte aber wider Erwarten keinen Erfolg, so daß ihr fortan nur unbedeutende Rollen zuerteilt wurden. An ihrem Können verzweifelnd, wandte sich das junge Mädchen an .den berühmten Schauspieler Samson, der sofort ihr großes dramatisches Talent erkannte und ihr Unterricht erteilte. Unter seiner Leitung studierte sie die großen tragischen Rollen, die ihren Ruhm begründeten. Schon nach wenigen Monaten erhielt sie von Vödal ein Engagement am TheLtre Frankens mit 4000 Francs Gehalt und führte sich dort am 12. Juni 1838 mit dar Rolle der Camilla in den „Horatiern" von Corneille ein. Ihr Erfolg war bei ihrem ersten Auftreten unerhört. Jules Janin, das Haupt der Kritik, der sie schon früher e-rmuntert hatte, war der erste, der seine Stimme zugunsten der jungen Israeliten erhob und ihr eine glänzende künstlerische Zukunft verhieß. „Es gibt", so schrieb er, „weder eine Ueberraschung noch einen Triumph, den man vergleichen könnte mit dem Triumph, dem Stolz und dem Erstaunen, welche Rachels Beredsamkeit, ihre Ironie und ihre Leidenschaft mir einflößten. Noch ist sie die kleine Vendeerin, aber wie erhaben trägt sie jetzt das Haupt, wie fest tritt sie auf! in dem Palast von Athen geht sie wie in einem Tempel umher. Sie verfolgt den wahren Zweck der Tragödie. So trägt sie den Purpur, der ihr gebührt, so trägt sie die Krone und das Zepter. Sie spricht ihre Muttersprache, die Sprache großor Leidenschaften und der großen Poeten." Nur wenige Monate dauerte es, und das Publikum war vor Staunen und Entzücken hingerisien. Ohne schön zu sein, befähigten sie eine Reihe von Vorzügen zur Verkörperung dar Frauengestalten Corneilles, Racines und insbesondere Voltaires. Ein strenges Marmorgesicht, dunkelstrahlende, geistbeseelte Augen, ein reines, gewaltiges, volltönendes, durchdringendes Altorgan, in ihrer Haltung trotz vollendeter Mimik stets die ruhige Schönheit der Antike bewahrend, vermochte sie besonders in bewundernswerter Weise die finstern und erhabenen Leidenschaften, die der Nachtseite des weiblichen Gemütes angehören, darzustellen. Sie verstand als ein Genie unwiderstehlich, mächtig zu wirken. Für hingebende Zärtlichkeit und Liebesglück fand sie bei weitem weniger Ton und Blicke als für die Skala dunklerer Stimmungen von erhabenem Stolz und finsterem Schmerz bis zum verzweifelten Haß und Zorn. 1840 schloß sie einen festen Vertrag mit dem Theätre Franyais, der ihr mit Einschluß der Benefizvorstellungen 60000 Francs jährlich sicherte. Hierzu kam ein dreimonatiger Urlaub, den sie zu Gastspielen in Deutschland, England und Rußland, zuletzt in Nordamerika benutzte. Unter ihren Gastspielen ragt besonders das in der preußischen Residenz 1852 hervor. Anläßlich der Anwesenheit des 61g ____ russischen Kaiserpaares gab König Friedrich Wilhelm IV. eine Soiree in Potsdam, bei welcher die Rachel vor einem Parterre von Fürsten chre Kunst entfaltete. Mit chrer Größe wuchs auch ihre Anerkennung. 1848 hatte sie als Genius Frankreichs von der Bühne herab die Marseillaise vorgetragen und damit ungeheure Begeisterung erregt. Ungeachtet sich Ruhm, Glanz und Reichtum in Fülle über sie ergoß, ungeachtet sie in die höchsten Gesellschaftskreise gezogen wurde, führte die Rachel kein beglücktes und freudiges Dasein. Ihre grübelnde Natur ließ keine rechte Lebensfreude in ihr aufkommen, und jene Kreise, die chr einerseits so viel Güte und Auszeichnung erwiesen, der Adel des Faubourg St. Germain, selbst der Erzbischof von Paris, bemühten sich andererseits, sie zu sich herüberzuziehen, sie zum Christentum zu bekehren, was ihnen jedoch nicht gelang. Graf Mornh wollte sie heiraten; aber Rachel verließ nicht den Glauben ihrer Väter und widerstand allen Schmeicheleien rrnd Ueberraschungen. Ihre unerschütterliche Festigkeit schuf ihr in der vornehmen Gesellschaft viele Feinde, die sie biß an ihr allzusrühes Ende mit Schmähungen, Verleumdungen und Haß verfolgten. Man zieh sie des Geizes, der Habsucht und Hartherzigkeit, und doch fehlte es nicht an Beweisen zartsinnigen Wohltuns. Eine aufopfernde Tochter und Schwester, kamen ihre reichen Einnahmen zumeist ihrer Familie zugute. Da, im Jahre 1855, ging der Stern ihrer großen Rivalin Adelaide Ristori in Paris auf und um nicht Zeugin deren reicher Erfolge zu fein, unternahm sie eine Kunstreise über den Ozean, erweckte jedoch in Amerika bei weitem weniger Enthusiasmus als in Europa. -Körperlich leidend und gebrochen kehrte sie nach Frankreich zurück und begab sich hierauf nach Aegypten, um dort Heilung von einem sie quälenden Luugenleiden zu suchen. Aber auch die Sonne des Südens brachte nicht die erhoffte Genesung. Im Herbst 1857 heimgokehrt, bezog sie ein Landhaus in Canet bei Toulon, wo sie den Winter zuzubringen gedachte. Dort starb sie nach langem schweren Todeskampfe am 3. Januar 1858, kaum 38 Jahre alt. Die gesamte französische Presse, die ihr so oft bitteres Herzeleid verursacht hatte, verkündete ihren Verlust als einen unersetzlichen. Ihrem Begräbnis wohnten die bedeutendsten Männer von Staat und Stadt, Mitglieder der Akademie, der französischen Theater, die Häupter der Literatur und Journalistik bei. Aber auch die Spitzen der jüdischen Gemeinde ehrten durch ihr Erscheinen die Glaubenstreue der Verstorbenen; dem Großrabbiner von Paris, welcher die Zeremonien am Grabe ausübte, hatten sich Rothschild, Pereire, Cremieux, Millaud u. v. a. angeschlossen. An ihrer Bahre sprachen auch Jules Janin u. a. Die Rachel hinterließ zwei Söhne, deren ältester von dem Grafen, späteren Herzoge von Morny, einem Halbbruder des Kaisers Napoleon III., anerkannt und in der Folge von diesem in den Adelsstand erhoben wurde. Obgleich die Künstlerin zu einer Heirat mit dem einflußreichen Staatsmann sich nicht entschließen konnte, lebte sie in einer geordneten Häuslichkeit und beaufsichtigte die Erziehung ihrer Kinder, die der katholischen Kirche zugeführt worden waren, nach Kräften. Von ihrem großen Vermögen hinterließ sie die Hälfte ihrer Familie. Ihre Geschwister wandelten nach ihrem Beispiel und Vorbild ebenfalls in den Bahnen der Kunst. Ihre Schwester Sarah war eine bedeutende Schauspielerin geworden, hatte dem Gymnase und dem Theätre Franqais angehört und sie nach Amerika begleitet; sie starb am 12. Januar 1877. Eine jüngere Schwester, Rebecca Felix, war nach kurzer Bühnenlaufbahn schon 1854 gestorben. Auch Dina Felix hatte sich der Bühne gewidmet und blieb lange Teilhaberin am TheLtre Francais; Lea Felix spielte am Odeon und der Bruder der