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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-12-28 · Heft 52 (28.12.1917) · p. Seite 618

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 52 (28.12.1917)
Date
1917-12-28
Page
Seite 618 (sequence 6)
Language
German
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/die Wiener Juüenschast - zu, schaffen berufen: waren. Kein Geringerer als Herz H oinberg stellt ihm in der Widmung seines Werkes „Jmre Scheser" das Zeugnis aus, daß, er ein in .den religiösen und weltlichen Wissenszweigen wohlerfahrener Mann war. Er hielt ihm auch die Leichenrede. Ein echtes Kind des Aufklärungszeitalters war auch Wolf Nassau. Er hatte auch direkte Berührung mit den Trägern der Berliner Aufklärung. Manche seiner Aeußerungen gemahnen an David Friedländer oder Peter Beer. Er testierte ■ eine lebenslängliche Zulage „für den ersten Lehrer der hiesigen israelitischen Religionsanstalt und Verkünder der Worte Gottes". Das Motiv hierzu war der Wunsch, beizutragen „zur Weihe des durch die Zusammenwirkung der hiesigen Bewohner meiner Glaubensgenossen neu erbauten Bethauses, wobei die Herren Vertreter, vorzüglich M. L. Biedermann darum so vorzüglich, ausgezeichnet und . . . bedacht waren, daselbst auch den Religionsunterricht zu vereinigen als das! wesentliche Bedürfnis zur Bildung eines moralischen Menschen und treuen Untertanen". Er war auch ,von dem Wunsche und der Hoffnung beseelt, die Beschäftigung seiner Glaubensgenossen in eine dem Zeitgeiste gemäßere Richtung zu lenken. So machte er unter anderem Stiftungen für einen Studierenden der Medizin und einen Schüler der k. k. Akademie der bildenden Künste. Seine Stiftungen sollten! „das Gepräge der Menschenliebe für seine Mitgenossen wie auch zur Aneiferung für Studierende seiner Religion, um -sich nicht dem Handel zu ergeben, an sich tragen". Es sei zum Schlüsse noch erwähnt, daß als der erste jüdische Staatsbeamte Israel H ö n i g s b e r g figuriert. 1752 übernahm er im Vereine mit seinem Vater und Bruder die Tabakpacht der Stadt Prag und den ständischen Tabakgrenzenaufschlag aus zehn Jahre. 1764 bildete er ein Konsortium von 20 Wiener jüdischen Kaufleuten, welches das Tabaksgefälle in Böhmen, Nieder- und Oberösterreich für die Dauer von zehn Jahren in Pacht nahm. Die Gewinnbeteiligung gewährte dem Staate nicht nur einen Nutzen, sondern auch einen genauen Einblick in die Geschäftsführung. Kaiser Josef, der die Erträgnisse aus diesem Staatsmonopol ganz für staatliche Zwecke haben wollte, beschloß, das Gefälle in Staatsregie zu führen. 1783 wurde Honig mittels Kabinettsschreibens zum Kaiser beschieden. Der Kaiser eröffnete ihm seinen Entschluß und äußerte gleichzeitig den Wunsch, die Umwandlung möglichst noch vor Ablauf der Pachtdauer vorzunehmen. Das Vertrauen des Kaisers erfüllte Hönig mit Stolz und Energie, an der es ihm niemals fehlte, die aber jetzt besonders nötig war. Es galt, alle Veranstaltungen für den Uebergang zu schaffen und, was noch mehr war, die Gesellschafter zum sofortigen Rücktritt zu veranlassen. Alles dies gelang ihm. Er selbst wurde Tabakgefällsdirektor, bald darauf auch Siegelgefällsdirektor und k. k. niederösterreichischer Regierungsrat. 1789 verlieh ihm der Kaiser den erblichen Adel mit dem Prädikate Edler von Hönigsberg. Der erste jüdische Staatsbeamte war somit auch der erste jüdische Adelige. Freilich sahen ihn seine neuen Standesgenossen nicht als ihresgleichen an. Dies ist nur zu begreiflich, da noch in späterer Zeit sogar der jüdische Freiherr kein Wohnrecht besaß. Bei aller Anerkennung der großen Vorzüge des zweibändigen Werkes Wachsteins können wir uns, wenn wir einer objektiven prinzipiellen Erwägung Raum geben, dem Gedanken nicht verschließen, daß es seinen Platz nicht ausfüllt. Es ist sicherlich ein erschöpfendes Werk über die Inschriften des alten Judenfriedhofes in Wien, aber es kann keinen Anspruch darauf erheben, Quellen zur Geschichte der Juden in Deutsch-Oesterreich erschlossen zu haben. Der Zweifel ist nur zu berechtigt, daß Grabinschriften ein historischer Wert zukpmmt. Nehmen sie es doch mit der Wahrheit nicht besonders genau. Das haben sie mit Leichenreden gemeinl Ein alter Spruch lautet: De mortuis nil nisi bene, nicht nisi ' eritas. . . . Die uns vorliegenden Inschriften mögen allenfalls im ganzen und großen, die Lage und den inneren Zustand der Wiener Juden im allgemeinen widerspiegelu, als geschichtliche Quellen können sie weniger in Betracht kommen, weil sie immerhin ein Tummelplatz von Sentimentalitäten und Ueberschwenglichkeiten sind, wenn auch „die Zuerteilung des Lobes in gemessener und abgestufter Weise" erfolgt. m. b. LIisa Ngchel-Mst. Ein Gedenkblatt. Von Regina Reißer. ie große französische Tragödin, die vermöge der Majestät ihres Genies berufen war, den eingeschlasenen Geist der alten Tragödie Frankreichs zu neuer Blüte zu erwecken, zählt zu den glänzendsten Erscheinungen aller Zeiten in der Geschichte der Schauspielkunst. Nur schwer hatte sich ihr wunderbares Talent aus freudlosen, ärmlichen Verhält-! nissen durchgerungen. Als die Tochter des armen herumziehenden jüdischen Hausierers Jacques Felix aus Metz und seiner Frau Esther geb. Ehaha, die mit ihren Kindern von Dorf zu Dorf zog, wurde Rachel am 24. März 1820J in einem ärmlichen Wirtshause des Dorfes Mumpf im Kanton Aargau in der Schweiz geboren. Des Hausicrens müde, ließen sich die Eltern in der Schweiz nieder, wo der Vater deutschen Unterricht erteilte, während die Mutter den Handel führte. Da die Eltern jedoch nicht genügend erwarben, um die zahlreiche Familie zu ernähren, hatten die sehr musikalisch begabten beiden ältesten Töchter die Aufgabe, Geld zu verdienen. Dürftig gekleidet, in Sommerhitze und Winterkälte, gingen die Schwestern in die Häuser, besonders in die Kaffeehäuser singen, wobei Sarah, die ältere, die Gitarre spielte. Auch nach der Uebersiedelung der Familie nach Paris, 1830, setzten die beiden Mädchen ihr musikalisches Gewerbe fort. In einem Kaffeehause lauschte einst der Direktor der Königlichen Schule für Kirchenmusik, Etienne Chonon, dem Gesänge der beiden Bänkelsängerinnen, und staunend über den talentvollen Vortrag und die sonore Altstimme der kleinen Rachel,! schlug er ihr vor, sic in seiner Schule auszubilden. Aber bald erkannte er, daß Elisa — wie er sie nannte — eine ausgesprochenere Begabung für Deklamation als für Gesang habe. Er brachte sie daher in die von Pognon de St. Aulaire gegründete und geleitete Deklamationsschüle. Dieser nahm sich des sehr schwächlichen und armseligen Mädchens väterlich an. Er lehrte sie lesen, bildete ihr prachtvolles Organ und studierte mit ihr mehrere tragische Rollen: die Hermione, Iphigenie n. a. m. Aber auch unter ihren Glaubensgenosien hatte sie mittlerweile freiwillige Lehrer und Gönner gefunden, so den späteren Justizminister Adolphe Cremieux und den gelehrten Albert Eohn, den Almosenier des Hauses Rothschild. Noch zeigte das junge Mädchen mehr Neigung für das Lustspiel als für das Trauerspiel und sie wünschte sehnlichst, vorerst in einem Lustspiel auf einer kleinen Bühne aufzutreten. Erst fünfzehn Jahre alt, spielte Rachel in der Salle Moliäre, einem von St. Aulaire errichteten Theater, die Rollen der Hermione und der Soubrette im „Verheirateten Philosophen". Auf ihre Bitten wohnte V6del, der Kassierer des Thöütre Frankens, der Vorstellung bei. Dieser war so überrascht von ihrem Spiel, daß er nach dem zweiten Akte das Theater veri) Nach anderen Angaben am 24. Februar 1821.

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