Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 52 (28.12.1917)
- Date
- 1917-12-28
- Page
- Seite 617 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- 617 die Wie ein Herrscher IM weitschichtigen Schatze des vielverästelten religiösen Wissens waltete — als talmudische Kapazität, Landes- und Oberrabbiner und Mann der Tat in einer Person. Mit Stolz mag die Wiener Juden auch die Zugehörigkeit einer wirklichen Standesperson, des 1726 durch die Gnade Karls VI. in den Freiherrnstand erhobenen D i e g o d' A g u i - lar, erfüllt haben, der, einem marranischen Geschlechte entsprossen, später das Judentum annahm, in Wien, wo er etwa 1730 bis 1755 lebte, sich eng an die neuen Glaubensgenossen anschloß und oft mit Erfolg für sie in die Bresche trat. Wenn ,auch die Tatsache an sich von keinem großen Belang sein mag, so ist doch, wie Wachstein mit Recht sagt, die moralische Einwirkung auf die Glaubensgenossenschaft nicht gering einzuschätzen. Das freiwillige Aufgeben einer besseren Position legt immerhin Zeugnis ab für die Idee, um deren willen man in einem Ausnahmszustand lebt. D'Aguilar spielte in der österreichischen Finanzgeschichte eine ganz hervorragende Rolle und war der Pächter des gesamten österreichischen Tabakgefälles. Die Sage hat sich seiner bemächtigt und erzählt, daß er in Spanien das Amt eines Inquisitors bekleidet habe. Kaiser Karl VI. und seine Tochter Maria Theresia seien einst bei ihrer Anwesenheit in Madrid vom Inquisitor aufs glänzendste bewirtet worden. Als Zeichen ihrer Huld habe Diego einen Handschuh der Herzogin erhalten, der gegen eine besondere Gnade ausgetauscht werden sollte. In Wien habe ihm die Kaiserin eine Audienz gewährt, bei der er ihr sein Lebensgeheimnis mitteilte. Die große Kaiserin erwies sich gegen den vormaligen spanischen Inquisitor gnädig und entzog ihm trotz ihrer Abneigung gegen die Juden niemals ihre Huld. Es erregt jedenfalls unser Interesse, daß er in den Judenlisten nicht vorkommt und daß seiner als eines Privilegieninhabers keine Erwähnung geschieht. Ein Stein, dem allzu lautes Reden nach dem Wunsche des Verstorbenen untersagt wurde, verrät uns doch, daß er „es bei Königen und Fürsten erwirkte, verhängnisvolle Beschlüsse rückgängig zu machen. Orte, die keines Juden Fuß betreten durfte, dem Verkehr geöffnet hat"/ Simon Mich! hieß der Verstorbene und er war der Vater von Sara Lea von Geldern, der Urgroßmutter Heinrich Heines. Er hat also schon darum für uns Bedeutung, weil er in des Dichters Ahnensaal seinen Platz hat. Wir lernen in ihm einen Man von bedeutender praktischer Intelligenz, außerordentlicher Energie und Zielstrebigkeit kennen, der für die Glaubensideale seines Volkes erglühte und ihre Verwirklichung mit reichen Mitteln förderte, wovon auch sein beigefügtes Testament Zeugnis ablegt. In eindrucksvoller aramäischer Sprache erzählt uns ein Stein von einem heiligen, asketisch-frommen Manne, Ascher Anschel G ü n z b u r g, der in nicht rastender und rostender gründlicher Forscherarbeit „die Eisblöcke mit Macht zerschmetterte" und allerorten als der Führer seiner Nation, „der Lenker des Schisses", die „Mannaflasche" bekannt war. Von einem anderen Gelehrten, Asriel Brilin, hören wir, daß er niemals den Mietern seiner Häuser die Miete gesteigert, daß er sich von Jugend auf Kasteiungen auferlegt und sein ganzes Leben lang über seine großen Reichtümer Gram empfunden habe und daher mit vollen Händen hals, wo es zu helfen galt. Aus wachstein: „Inschriften wie in Nummer 51. Wolf Schlesinger gehört zu den wenigen nach der Vertreibung im Jahre 1670 nach Wien eingewanderten Juden, die die alte Judenstadt noch mit eigenen Augen gesehen haben. Er und sein Bruder Israel erhielten von Karl VI. einen gemeinsamen Schutzbrief, in dem ihnen bezeugt wird, daß sie „jederzeit, vorzüglich aber während der inneren Kämpfe unseres Königreiches Ungarn, zur Disposition der höheren k. k. Offiziere behufs Förderung des kgl. Dienstes sich glänzend ausgezeichnet und mit Aufopferung ihrer Kräfte, ja selbst unter eigener Lebensgefahr . . . als dem kgl. Dienste treu und dem Staate nützlich und ersprießlich stcy oewährt haben, infolgedessen sie auch die Ausplünderung und Beraubung ihres sämtlichen Vermögens mit offenbarer Lebensgefahr erleiden mußten". Trotz seiner Uebersiedlung nach Wien löste er den ihm materielle Opfer anferlegenden Zusammenhang mit der Gemeinde Eisenstadt nicht. Dies ist eine typische Erscheinung und in dem Bedürfnis nach Sicherung einer Zufluchtsstätte begründet. , Ahron Jsak Arnstein ist vielleicht der einzige jüdische Finanzmann des 18. Jahrhunderts, der seine Stellung auf die Nachkommen vererbte, denen eS sogar gelang, den Namen des Hauses zu erhöhen. Namentlich gilt dies von seinem Enkel Nathan Adam, dessen Haus in den ersten Dezennien des 19. Jahrhunderts einen Mittelpunkt der vornehmsten Wiener Kreise bildete. Er erfreute sich als Hoflieferant des Genusses besonderer Privilegien. Von Leibmaut, Zoll, Maut und Aufschlägen war er befreit. Auch wurden dem kaiserlichen Hoffaktor die an die jüdischen Einwohner Wiens gerichteten Erlässe besonders zugestellt. 1768 fand er sogar den Mut, um die Aufhebung der Wohnbeschränkung zu bitten. An die Gewährung dieser Bitte knüpfte der unentbehrliche Finanzmann sein Verbleiben in Wien. Die Kaiserin bewilligte ihm in der Tat sein Ansuchen, allerdings mit dem ausdrücklichen Bemerken, daß er das jährliche Schutzgeld von 1500 Gulden zu zahlen fortfahren und auf einen Nachlaß ein für allemal verzichten müsse. Charakteristisch für ihn ist auch sein Verhalten in der Frage der Errichtung einer jüdischen Normalschule in Wien. In einer Eingabe vom Jahre 1782, die er und Löw Jsak Leidesdorf namens der Wiener Juden überreichten, wurde gegen die Errichtung einer solchen spezifisch jüdischen Anstalt Stellung genommen. Die Ablehnung wird wohl durch lokale Verhältnisse begründet, allein man kann leicht erraten, daß die staatsbürgerlichen Tendenzen dabei ausschlaggebend waren. „Die Wiener Juden, auch die konservativen unter ihnen, haben, als der gedrücktere Teil, rascher als die Christen die Lehren der Aufklärung von der Wesensgemeinschaft aller Menschen in sich ausgenommen." So war auch das Sinnen und Trachten David Wertheimers, eines Enkels Simsons Wertheimers, darauf gerichtet, die altehrwürdigen Traditionen des Hauses, die auch die des ganzen Stammes waren, mit dem Geist der netteren Zeit in Einklang zu bringen. Schon im Alter von 24 Jahren suchte er durch die Gründung der Heiligen Bruderschaft der jüdischen Gemeinschaft einen charitativ-sozialen Einschlag zu geben. 54 Jahre stand er an ihrer Spitze, und er war unablässig bemüht, diese bedeutende Körperschaft den Zeitbedingungen anzupaffen und sie lebensfähig zu erhalten. Er gehörte auch zu den Notabeln, die eine neue Organisation für