Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 52 (28.12.1917)
- Date
- 1917-12-28
- Page
- Seite 616 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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616 seinen Greueln zu sprechen gehabt, von der schweren Not der Zeit geredet und von den traurigen Aussichten für die Zukunst. Nun gehen wir einem neuen bürgerlichen Jahre entgen und hoffen mit Unzähligen, daß das kommende Jahr 1918 endlich den Frieden bringen wird. Gewiß können, auch wenn Friedensunterhandlungen mit den Westmächten beginnen, noch viele Monate vergehen, bevor ein wirkliches Ende der furchtbaren Zeit eintritt, gewiß werden wir noch lange unter den unseligen Folgen der Weltzerstörung zu leiden haben, aber schon die noch so ferne Aussicht auf das Aufhören der ewigen Unruhe, der furchtbaren Zerstörung, erfüllt unser Herz mit Freude. Möchten wir alle und möglichst bald erleben, daß die Friedensglocken läuten und daß die ganze Menschheit sich zu gedeihlicher Kulturarbeit und zu nützlichen und segensreichen Friedenswerken vereinige. IZsbbmrr^ro^DnW i^^^amstag, den 8. Dezember 1917 nachmittags, ist in Prag der weit über die Grenzen seines engeren Vaterlandes hinaus bekannte als geistvoller Prediger und Meister des religiös-belehrenden Vortrages ebenso wie als wissenschaftlichor Schriftsteller hochgeschätzte Rabbiner der israelitischen Kultusgemeinde Prag und k. k. Professor Dr. Alexander Kisch aus dem Leben geschieden. Dr. Kisch entstammte als Sohn des 1873 verstorbenen Schuldirektors Joseph Kisch einer alten Prager Familie und war in Prag geboren. Hier besuchte er das Kleinseitner Gymnasium bis zur 6. Klasse und trat dann als jüngster ordentlicher Hörer, den diese Anstalt je hatte, nicht ganz 15 Jahre alt, in die Ghmnasialabteilung des jüdisch-theologischen Seminars in Breslau ein, das damals unter der Leitung des Dr. Zacharias Frankel blühte. Hier setzte Kisch seine Studien fort und legte am Staatsghmnasium zu Teschen die Maturitätsprüfung mit vorzüglichem Erfolg ab und widmete sich den philosophischen Studien. Professor Graetz, M. Joel, Michael Bernays, Zuckermann, Freudenthal und Rosin waren in Breslau seine Lehrer. Die Universitätsstudien beendete Kisch mit Erlangung des philosophischen Doktorgrades. Nach Vollendung seiner Studien am Breslauer Seminar wurde er als Erzieher an Baron Horace Günzburg aus Petersburg für dessen Kinder nach Paris empfohlen. Der bekannte Gelehrte Baron David Günzburg in Petersburg, Baronin Louise Sassoon in London und Frau Mathilde von Guttmann in Wien waren da seine Schüler. In Paris hörte Dr, Kisch nicht nur Vorlesungen an dem dort unter Wogue blühenden Seminar, sondern verkehrte auch viel bei den beiden Großrabbinern Isidor und Zadoc Kahn. Mit einer vom Direktor Dr. Frankel besonders rühmend anerkannten Selbstlosigkeit verließ Dr. Kisch Ende 1874 die glänzende Stellung im Baron Günzburgschen Hause, um sich seinem Lebensberufe zu widmen. 1874 wurde er Rabbiner in Brüx in Böhmen, folgte 1877 einer Berufung nach Zürich, kehrte 1881 wieder nach Böhmen zurück, wo er Bezirksrabbiner in Jungbunglau war, bis er im Dezember 1884 nach dem Tode des Dr. A. Stein auf die Kan^i de^ Mm>s>p>,aaoge in Prag berufen wurde, von wo er bis zu seinem Tode das Gotteswort verkündete. Mehrere ehrende Rufe nach auswärts, namentlich 1894 als Landesrabbiner von Bulgarien, lehnte er stets ab. Am 28. Juni 1900 wurde Kisch als erster israelitischer Religionslehrer in Böhmen zum wirklichen Ghmnasialprofessor ernannt, 1907 in die 8., 1913 in die 7. Rangklasse der Staatsbeamten befördert. Durch mehr als 43 Jahre war Dr. Kisch als k. k. Feldrabbiner stets in der selbstlosesten Weise tätig und hat sich um die Organisierung und Ausgestaltung der israelitischen Militärfeelsorge schon in den Friedensjahren die höchsten Verdienste erworben, die von Seiner Majestät Kaiser Franz Josef durch die Verleihung des Ritterkreuzes des Franz-Joseph-Ordens sowie des Goldenen Verdienftkreuzes mit der Krone, vom Kriegs- und Landesverteidigungsministerium durch wiederholte Belobungsdekrete anerkannt wurden. Erst vor Jahresfrist hat. Dr. Kisch aus diesem Gebiete seiner seelsorgerischen Tätigkeit interessante Erinnerungen in diesen Blättern veröffentlicht. Am 18. Juni 1916 hielt er eine Gedächtnisfeier für die im Kriege Gefallenen auf dem Prager israelitischen Friedhofe ab. Unmittelbar nach seiner ergreifenden Gedenkrede, die die tief empfundenen Gefühle des edlen mit jedem Unglücklichen warm mitfühlenden Herzens in überwältigender Weise zum Ausdruck gebracht hatte, wurde Dr. Kisch von plötzlichem Unwohlsein und Ohnmacht befallen und hat sich seither nicht mehr erholen können. Mit bewundernswerter Willenskraft и. nd Geistesstärke übte er noch seine seelforgerische Tätigkeit aus, bis er am vorgenannten Samstag schmerzlos sanft entschlafen ist. Die Beteiligung der gesamten jüdischen Dessen tlichkeit Prags und weiter nichtjttdischer höchster Kreise am Leichenbegängnisse legte Zeugnis davon ab, welcher Beliebtheit und Wertschätzung sich Professor Kisch erfreut hatte. Unter den Erschienenen bemerkte man: den Präsidenten der israelitischen Knltusgemeinde Prag, Oberfinanzrat Dr. Koscherak mit denn Vizepräsidenten Kaiserlichen Rat Edlen v. Fuchs und vielen Mitgliedern der Kultusgemeinderepräsentanz, zahlreiche Rabbiner von Prag und den Vororten, die Vorstände der Prager Synagogen, zahlreiche Vereine, namentlich des Vereins zur Fürsorge für entlasiene Sträflinge und des israelitischen Lehrerpensionsvereins, des israelitischen FerienkolonienvereinS, des israelitischenZentralvereins und des israelitischen Freitischvereins, deren Vorständen der Verblichene durch Jahrzehnte als werktätiges Mitglied angehört hatte. Ferner waren erschienen: In Vertretung des k. k. Statthaltereipräsidiums Hofrat Dr. Tlumatsch, hohe Stabsoffiziere als Vertreter des Militärkommandos und Platzkommandos von Prag, der к. k. Kommandant der Prager Kadettenschule, ferner Landesschulinfpektor Regierungsrat Strach und die Regierungsräte Marx und Komma, die Universitätsprofessoren Hofrat Dr. Frankel und Dr. Spiegel, die Direktoren der beiden k. k. Staatsgymnasien, der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Jungbunzlau mit einer Vorstandsdeputation, der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Karolinenthal mit Deputation, die Feldrabbiner Prags, Vertreter der katholischen und evangelischen Militärgeistlichkeit, zahlreiche Offiziere und eine unübersehbare, den ersten Kreisen der Gesellschaft angehörende Trauerversammlung. In der Zeremomenhalle des Straschnitzer israelitischen Friedhofes hielt der Prediger der Prager Tempelgemeinde, Rabbiner Professor Dr. E. S ch w a r tz, einen formvollendeten und tiefempfundenen Nachruf, in dem er Professor Kisch als hingebungsvollen Gatten und Vater, als vorbildlichen Lehrer und Führer in Israel feierte und zum Schlüsse den Abschiedsgruß des Rabbinerverbandes in Böhmen entbot, dem Professor Kisch seit der Gründung als Vizepräsident angehört hatte. Die Inschriften des siten IudeniSchluß) kriedhokes in Wien. imson Wertheimer wird in seiner Grabschrist nicht nur als der warme Fürsprecher gefeiert, der vor Königen gestanden und judenfeindliche Verordnungen im richtigen Momente abzuwenden vermochte, sondern auch als Persönlichkeit,