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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-12-28 · Heft 52 (28.12.1917) · p. Seite 615

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 52 (28.12.1917)
Date
1917-12-28
Page
Seite 615 (sequence 3)
Language
German
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615 gegenwärtige Regierung in ' dem sogenannten Großrußland völlig zu triumphieren scheint, so'begegnet sie anderwärts großen Schwierigkeiten; die größte besteht darin, daß die Ukraine' sich von dem sogenannten Grotzrußland losgesagt, für unabhängig erklärt hat und daß bereits nach Berichten der Zeitung vom 20. Dezember heftige Kämpfe zwischen -den Heeren beider Teile des großen Reiches begonnen haben. Da sich mit den Scharen der Ukraine auch die übrigen Gegner der maximalistischen Partei verbinden, daß das neue Regiment in der Ukraine von den Westmächten froh begrüßt, ja anerkannt wird, so sind allerdings Gefahren für das Fortbestehen oder die siegreiche Macht der letzteren vorhanden. * Bon sonstigen Nachrichten stellen wir folgendes, zusammen: Nach einer Mitteilung der „Aurore" haben kürzlich in T u n i s! Unruhen gegen die Juden stattgcfunden; die französische Re-; gierung hat Pressemitteilungen darüber unterdrückt, so daß ' das tunesische Blatt „Le Peuble Juif" mit großen Zensurlückcn; erscheinen mußte. Die Unruhen entstanden hauptsächlich > infolge der Hetzereien eines antisemitischen Blattes, das unter! anderem darauf hinwies, daß das Gesetz die Juden vom Militärdienste befreie. Die Regierung wagte nicht gegen diele! Hetzereien aufzutreten, die Folge davon war, daß in Tunis nach Privathändeln zwischen einem eingeborenen Tunesier und einem Juden Unruhen gegen die letzteren in Tunis, später auch inSfax undBizerta ausbrachen; nur in der letztevenStadt; schritt das Militär gegen die Ruhestörer ein. Näheres ist einst- , weilen nicht bekannt, weil,, wie schon gesagt, die Zensur die j meisten Nachrichten aus jenem Lande unterdrückte. So viel j aber geht schon aus diesen wenigen Notizen hervor, daß ein! solches Wiederaufleben alter Greuel zum Teil aus das Schuld-! konto der französischen Regierung, der sogenannten aus-! geklärten, geschrieben werden muß.! * Ueber die Einnahme Jerusalems durch die! Engländer enthält die „Frankfurter Zeitung" folgenden j Bericht: i Basel, 13. Dezember. Nach einem Londoner Havasbericht | verlas Lloyd George im Unterhans eine Depesche, in der General j Allenby meldet, er sei am 11. Dezember zu Fuß in Jerusalem j eingezogen. Er habe um die heiligen Stätten Wachen aufgestellt nnd! die Omarmoschiee unter die Aufsicht der Mohammedaner gestellt. Nach einem Stefani-Bericht ans R o m kündigte der Kardinalvikar dem römischen Volke die Befreiung des Heiligen Grabes an, j die er als eine der wichtigsten Daten der Geschichte des Christenj tnm!s> Gezeichnete. Er.ordnete öffentliche Gebete und einen Tank- \ gottesdicnst in der Basilica Santa Croce in Gernsalemine in Rom an. : Nach einem Londoner Havasbericht fragte kürzlich Lynch im U n t c r h a n s e den Staatssekretär des Auswärtigen an, ob man in der Frage der kommenden Regelung des Geschickes Palästinas den i jahrhundertealten Interessen Frankreichs in diesein Lande | Rechnung tragen nnd ob man bei den bisherigen Maßnahmen und > Versprechungen, wie zum Beispiel dem Wiedereinzug der Inden .j in Jerusalem, in. völliger Uebereinstimmnng mit den Vertretern ' Frankreichs gehandelt habe. Balfour antwortete, es liege kein Grund vor zur Befürchtung, daß die britische Politik in Palästina! nicht der Ansicht der Alliierten völlig entspreche: die Regierung ■ handele in vollem Einverständnis mit ihnen. * Ueber Palästina enthalten die am 18. Dezember ausgegebenen „Nachrichten der Auslandspresse" folgende Mitteilungen. Henri Lahroue schreibt in „Heure": „Die Eroberung Jerusalems ist heute nur eine sekundäre Erscheinung, die lediglich vom religiösen und kolonialen Gesichtspunkt aus i Bedeutung hat. Palästina ist für England als Brücke nach : Mesopotamien und Indien von größter Bedeutung. Ein zionistischer Staat könnte der Herrschaft Englands in dieser Gegend schaden, wäre er nicht nur ein Vorwand. Außerdem darf Palästina nicht von Syrien getrennt werden, mit dem es engste wirtschaftliche und andere Interessen verbinden. In Palästina-Syrien darf Frankreich nichts von seinen althergebrachten Anrechten aufgeben." Dasselbe Blatt weist darauf hin, wie groß der Bedarf an landwirtschaftlichen Maschinen in Palästina ist. Dort werde das Pflügen noch mit einem an einen Holzpflug gespannten Ochsen- oder Büffeljoch ausgesührt. wodurch die Oberfläche des Bodens nur in einer Tiefe von vier oder fünf Zoll gelockert wird. Die größeren Besitzer benutzen die im Lande hergestellten Pflüge nicht mehr und haben sie durch ausländische ersetzt. Vor dem Kriege lag das Geschäft meist in Händen österreichischer und ungarischer Pflugfabriken, nun werden die Engländer an deren Stelle zu treten suchen. * Das jüdische Pressebureau in Stockholm verbreitet folgende Nachricht: Georg Brandes für den Zionismus. In einem auf dem Bankett der Danmarkloge in Kopenhagen ge-, haltenen Rede sprach sich Georg Brandes in begeisterten Worten für die Wiederaufrichtung eines jüdischen, nationalen nnd kulturellen Zentrums in Palästina aus. Brandes sieht darin einen der wenigen Lichtpunkte dieses Krieges und zweifelt nicht, daß daS freie jüdische Volk in seinem alten Heimatlande sich zu einer bedeutungsvollen Kultnrmacht entwickeln wird. Einstweilen möchten wir an die Wahrheit dieser Nachricht nicht glauben, behalten uns aber vor, daraus zurückzukommen, da es wichtig genug ist, die Stellungnahme eines Mannes wie Georg Brandes zu einer solchen Angelegenheit richtig zu kennen. * Anderen Zeitungen entnehmen wir die folgenden kurzen Notizen: Tie Inden im neuen Polen. Königsberg i. Pr., 18. Dezember. Beim Empfang der Abordnung der Warschauer Rabbinerkonferenz durch den polnischen Ministerpräsidenten erwiderte Kucharzewski auf die Begrüßungsansprache. die Regierung Ivcrdc sich um die Gleichberechtigung der Inden bemühen: der äußere Charakter des neuen Staates müsse jedoch einheitlich polnisch bleiben. Für die Forderungen, betreffend Abschaffung der beleidigenden russischen Beschränkungen für die polnischen Juden, die Gleichstellung der Rabbiner mit den Geistlichen anderer Religionen, sagte der Ministerpräsident eine wohlwollende Prüfung zu. Das e r st c j ü d i s ch e G y m n a s i u m iw Pole n. Die Abteilung fiir Kultus und. Unterricht erteilte der „Godzina Polski" zufolge dem jüdischen Mittelschulverband in Konin die Genehmigung zur Eröffnung eines achtklassigen iüdischen Ghmnasiums, das das erste jüdische Gymnasium in Polen sein werde. An seiner Spitze steht als Direktor Herr Russak, Stadtverordneter der Stadt Lodz und jüdischer Nationalist. * Endlich enthält der „Corriere della Sera" folgende Korrespondenz aus Zürich: „Ein Leser schreibt aus Udine an die „Freien Stimmen in Klagenfurth", daß in Udine zahlreiche Juden aus Wien und Budapest angelangt sind, die sich einer wahren Plünderung hingeben. Lebensmittel, Teppiche, Seidenstoffe werden in Automobilen sortgebracht, um in Oesterreich zu ungeheuren Preisen verkauft zu werden." Wir müssen dem italienischen Blatte die Verantwortung für seine Mitteilungen überlassen. * Mit diesen Bemerkungen müssen wir für das Jahr 1917 von unseren Lesern Abschied nehmen. Drei Jahre und vier Monate lang haben wir immer und immer wieder von dem Krieg und

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