Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 52 (28.12.1917)
- Date
- 1917-12-28
- Page
- Seite 614 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Erdichtung begegnen. Der Volksgeist dichtet nicht ins Leere hinein; die urgeschichtlichen Heldenstalten sind wohl wie altes Gemäuer von dem Efeu der frommen Volkssagen umwunden; aber durch den Vorhang blickt das ursprüngliche Lebensbild immer noch erkennbar hervor. Das Charakterbild Mosis läßt sich aus der keusch umhüllenden Dichtung noch gar wohl herausschälen. Ursprünglich ein ungebändigter Feuergeist, dann in der Schule der Prüfung geläutert, später ein Felsenmann im Kampf mit den Hindernissen, aber auch ein Dulder, in Leiden und Nöten erprobt, zuletzt ein Gesetzgeber, der für Jahrtausende gearbeitet, von Fuß bis zum Scheitel ein Glaubensmann, der im Vertrauen auf Gott und besten heiligen Willen ein unsterbliches Werk vollendet — das war Moses. Ein Mann wie Moses ist in der Tat eine wunderbare Erscheinung. Durch den Hirtenstab, den er mit Hilfe seiner Geisteskraft und Charakterstärke in einen Herrscherstab verwandelt hat, ist er zum Wundertäter nicht nur für sein Volk, sondern auch für die Menschheit geworden. Er hat Größeres geleistet, .als wer Wasser in Blut umzaubert oder mit Ungeziefer und Seuchen Götzendiener schreckt. Er hat sein m Armut, Niedrigkeit, Knechtssinn versunkenes Volk in eine wohlhabende, gerechte, unabhängige Nation verwandelt; er hat seinem Volk den Geist der Tapferkeit, der Freiheit, der Gesittung, der Gottesfurcht eingeflößt; er hat ihm mit unverwüstlicher Kraft eines weltgeschichtlichen Charakters einen unauslöschlichen Stempel aufgedrückt und eine ehrenvolle Stellung in der Geschichte für immer gesichert. Mag daher die verständige Natur- und Weltbetrachtung in der Wissenschaft ganz an ihrem Platze sein, und wollen wir von der strengen, exakten Beweisführung uns da auch nicht das geringste abdingen lassen, so hat die religiöse Betrachtung doch neben dieser auch ihr volles Recht; und dieses vor Beeinträchtigung zu wahren, ist eine dringende Pflicht. Es ist ungerecht und es ist ein Zeichen eines einseitigen Standpunktes, wenn man die buntscheckigsten Lappen aus den babylonisch-assyrischen Funden zu einem burlesken Gewand zusammenflickt und es dem Volk als die Quelle der Bibel und der Offenbarung präsentiert. Wer lediglich den Maßstab des nüchternen, prüfenden Verstandes an religiöse Schöpfungen anlegt, der bemißt sie mit einem Richtmaß, das ihnen fremd ist. Sie Woche. Berlin, 24. Dezember 1917. iese Wochenübersicht ist die letzte im schweren Kriegsjahre 1917. Sie erscheint in gewohnter Weise, und ich möchte sie auch in Zukunft in dieser Art fortsetzen. Zwar ist mir von Freunden der Vorwurf gemacht worden, die allgemein-politische Uebersicht, die Hinweise aus die Kriegslage paßten nicht für ein jüdisches Blatt. Dagegen möchte ich, da ich mich nun zur Fortführung ähnlicher Uebersichten auch für den nächsten Jahrgang anschicke, folgendes bemerken. Wir deutsche Juden nehmen als Juden und als Deutsche den lebhaftesten Anteil an den Ereignissen und Wandlungen der Politik, wir fühlen, daß unsere Sache geführt wird, so gut wie die Sache der übrigen Deutschen, wir wollen unterrichtet sein über die Vorgänge in der Welt. Der Bemerkung wohlmeinender Leser, diese Nachrichten seien ja in anderen Blättern ebensogut, ja, ausführlicher zu finden und der anderen, sie kämen, da unser Blatt ja ein Wochenblatt ist, verspätet in die Hand der Leser, möchte ich nachstehendes entgegnen: Ich will den Lesern nichts Unbekanntes mitteilen, sondern sie nur an Bekanntes erinnern, zusammensassend das beleuchten, was die Tagesblätter nur kurz ohne Zusammenhang erwähnen können. Sodann ist darauf hinzuweisen, daß eine Tageszeitung gelesen und fortgeworfen, ein Wochenblatt dagegen vielfach aufgehoben wird; es kann sich daher, wenn derartige Kundgebungen in richtiger Weise vorgenommen werden, zu einem Archiv der Zeit erweitern, das weniger die einzelnen Nachrichten registriert, als vielmehr die Stimmungen darlegt und die Richtschnur zur Beurteilung angibt. Ich habe mehrfach mit freudiger Genugtuung bemerkt, daß Mäner und Frauen verschiedener Stände gerade diese Uebersichten gern lesen und bezeugen, aus ihnen Belehrung und Berichtigung ihres Urteils empfangen zu haben. Aus diesem Grunde möchte ich auch im kommenden neuen Jahrgang die alte, wie ich glaube, bewährte Einrichtung beibehalten. Allerdings muß die diesmalige Uebersicht trotz des Datums, das sie trägt, der christlichen Feiertage wegen, die eine Ruhe der Druckerei bedingen, so früh geschrieben werden, daß nur ein geringer Teil der Berichtswoche beachtet werden kann. Bei der Schnelligkeit, mit der sich gerade im gegenwärtigen Augenblicke die Ereignisse vollziehen, ist es daher leicht möglich, daß, bevor diese Nummer ausgegeben wird, Bedeutsames geschehen ist, das in der nachfolgenden Uebersicht nicht mehr beachtet werden kann. Für heute kann nur gesagt werden, daß Kriegsereignisse, außer sehr bedeutsamen U-Boots-Erfolgen, kaum zu erwähnen sind. Der Waffenstillstand mit Rußland ist auf vier Wochen abgeschlossen und ernste Friedensverhandlungen haben sich daran geknüpft. Zu ihnen sind hohe deutsche Beamte mit dem Staatssekretär v. Kühlmann an der Spitze, aus kurze Zeit auch der Deutsche Reichskanzler, österreichisch-ungarische, bulgarische und türkische Delegierte abgereist, so daß an den wichtigsten Besprechungen nicht gezweifelt werden kann; auf einen Erfolg wird allgemein gehofft. Dieser Erfolg eines Sonderfriedens mit Rußland wäre um so wichtiger, als er für die Ententemächte eine schwere Bedrohung schafft. Denn Rußland geht mit Ernst gegen diejenigen seiner Gesandten vor, die sich der neuen Regierung entgegenstellen, und will durch Kündigung der ausländischen Anleihen eine Pression auf seine ehemaligen Bundesgenossen ausüben. Es läßt sich nicht leugnen, daß in Italien die Friedenssehnsucht erheblich wächst, so daß es nicht ausgeschlossen erscheint, daß die Friedenspartei dort ans Ruder kommt, ja es scheint in Italien gewaltig zu gären, so daß von revolutionären Erhebungen in manchen Städten schon gesprochen und ein allgemeiner Aufstand gefürchtet wird; nimmt man dazu, daß in Frankreich das starre Regiment Cleinenceaus nach den Mitteilungen der Zeitungen ins Wanken gerät, daß in England die Stimmen sich mehren, die mit der Politik des leitenden Staatsmannes nicht einverstanden sind, erwägt man z. B., daß ein allerdings sehr konservativer hoher englischer Geistlicher von Deutschland als dem bestgeleiteten Lande zu sprechen gewagt hat, daß ferner dort der allgemeine Ruf ertönt, die Kriegsziele müßten genau bekanntgemacht und wesentlich geändert werden, bedenkt man ferner, daß von den leitenden Stellen in England und namentlich in Frankreich zugestanden wird, die Versorgung mit Fleisch und anderen notwendigen Nahrungsmitteln fei so schwach, daß an eine starke Beschränkung und an eine Rationierung gedacht werden muß, faßt man sodann ins Auge, daß die Einigkeit zwischen Amerika und seinen Verbündeten lange nicht so stark ist wie die Beteiligten wünschen und der Welt einzureden versuchen, erwägt man endlich die Kriegsmüdigkeit, die außer bei den lauten Schreiern überall existiert, ebenso die allgemeine Erschöpfung und die Aussicht auf eine furchtbare Weltnot, die bei längerer Dauer des Krieges durchaus eintreten muß, so ist die Hoffnung der Friedensfreunde wohl gerechtfertigt. An dieser Hoffnung wollen wir uns nicht irremachen lassen durch die Ereignisse, die sich wiederum in Rußland vollziehen. Wenn auch die