Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 52 (28.12.1917)
- Date
- 1917-12-28
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse 81. Jahrgang. Nr. 52 Berlin, 28. Dezember 1917 Begründet von Rabbiner Vr. Ludwig PHMppfon Unter Leitung des Geheimen Regierungsrats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin» Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind cm die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Ferusalemer Straße ^6-^9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnem ents »Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 KT. — Postscheckkonto 32<*. Tfnhtflt* Poesie und Religion. Von Dr. B. Eeligkowitz (Köthen), tjliijull« — Tie Woche. — Rabbiner Prof. Dr. Alexander Kisch. — Die Inschriften des alten Iudenfriedhoses in Wien. Von m. b. — Elisa Rachel-Felix. Von Regina Reißer. — Feuilleton: Judenjunge. Eine Knabengeschichte. Von Edgar Beyfuß — Miszellen. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlaus. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Königsberg i.Pr., Memel, Hamburg, Dresden, Augsburg, Karlsruhe, Wien. — Von Nah und Fern. Melle und Religion. Von Dr. B. Eeligkowitz (Köthen). nter den verschiedenen Schlagworten, die für das letzte Jahrhundert ausgegeben worden sind, hat sich die Angabe, daß wir in dem Zeitalter der Naturwissenschaften stünden, des meisten Beifalls zu erfreuen gehabt. Dennoch glauben wir nicht, daß man dereinst wirklich in dieser Bezeichnung das wesentliche Charakteristikum unserer Tage erblicken wird, denn das Zeitalter der Naturwissenschaften hat keineswegs erst im letzten Jahrhundert begonnen, sondern bereits mit jenen Tagen, da der Naturforscher Galilei für diese Wissenschaft eine auf Mathematik begründete sichere Methode schuf. Und wenn auch nicht zu leugnen ist, daß im letzten Jahrhundert die naturwissenschaftlichen Entdeckungen und Erkenntnisse unter günstigeren Bedingungen in ungeahnter Fülle hervorgetreten sind, so ist die moderne Weltauffassung dadurch doch nicht viel anders gestaltet worden, als sie bereits Kant in seiner Naturgeschichte des Himmels vorgezeichnet hat. Vielmehr wird das letzte Jahrhundert durch etwas anderes von der vorhergehenden Geistesperiode, dem sogenannten Zeitalter der Aufklärung, abgegrenzt: durch das intimere Verständnis geschichtlicher Vergangenheit und ihre unbefangene Würdigung. Der historische Sinn ist es, der die geistige Eigenart der letzten Generationen ausmacht, und man ist heute recht mitten in der Arbeit einer umfassenden Rekonstruktion geschichtlicher Vergangenheit. Der deutlichste Beweis hierfür sind die eingehenden Untersuchungen über die altorientalischen Kulturvölker. Die Geschichte des alten Orients war bis in den Anfang des vorigen Jahrhunderts ein völlig dunkles, kaum hier und da durch einen Lichtstrahl erhelltes Gebiet. Erst die gewaltigen Entdeckungen der Neuzeit, die Erforschung der Monumente und Literaturen Aegyptens,, Assyriens, Babyloniens, Persiens haben uns die Möglichkeit genauer Kenntnis gewährt. Nun hat von allen diesen Völkern keines nachhaltiger auf die westeuropäische Kultur eingewirkt als das israelitischjüdische. Es ist daher natürlich, daß man der wissenschaftlichen Erforschung der Religion und Kultur dieser Nation das meiste Interesse zuwendet. Und in der Tat ist von allen biblischen Untersuchungen seit Vatke und Reuß keines von größerem Erfolg begleitet gewesen als die wissenschaftliche Durchforschung des Alten Testaments. Wohl sind noch nicht alle Winkel durchleuchtet, aber die helle und scharfe Sonne der Forschung hat doch die graue Nebeldecke zerrissen, die sich seit Jahrtausenden über diesen Gegenstand gelagert hatte. Seit der Tübinger Schule ist das, was man sonst Ein-- leitungswissenschaften nannte, nämlich die Frage nach Authentie und Absassungszeit der einzelnen Bücher, Gestalt des Textes, Entstehung des Kanons, der eigentliche Mittelpunkt der modernen Theologie geworden, auf den sich das ganze Interesse konzentriert. Dabei dreht sich der Streit nur darum, wie man die Abfassungszeit der erzählten Begebenheiten herabsetzen könne und wieviel nach dem natürlichen Zusammenhang der Dinge begreiflich erscheine, um ebenfalls noch als echte historische Ueberlieferung gelten zu können. Daß hierbei mitunter lediglich subjektiver Geschmack und Neigung den Ausschlag geben, liegt in der Natur der Sache. Wer einen Begriff hat von dem Umfang dieser Untersuchungen mit ihrem ungeheuren gelehrten Apparat, ihrer Musterkarte von Hypothesen, Konjekturen, Behauptungen oder gar gesicherten Resultaten, die doch nur einen akademischen Wert haben, der weiß, daß er hier vor einem Labyrinth steht mit der Ueberschrift: „Laßt alle Hoffnung hinter euch." Es kann daher gar nicht oft und eindringlich genug wiederholt und hervorgehoben werden, daß die biblischen Bücher zunächst nicht einem historischen Interesse ihre Entstehung verdanken, sondern in erster Linie aus einem religiösen Interesse hervorgegangen sind. Auf diesem Umstand beruht die Stärke der Bibel. Denn in keinem anderen Buch der Welt findet sich ein solcher Reichtum von Gedanken, die aus tiefer Frömmigkeit, kindlicher Gottesfurcht, heiliger Begeisterung entsprungen sind, in keinem anderen Buch treten die irdischen Rücksichten, die profaneren Absichten und weltlichen Beweggründe so sehr in den Hintergrund wie in diesem Buch. Liegt nicht zum Beispiel ein tiefer Sinn, eine achtungswerte Pietät darin, wenn ein Volk die Helden seiner Religion, die Gründer seiner Kultur, seine Vorbilder im Leben, im Glauben, in seiner Sitte, mit dem Glanz der Wunderkerzen umgibt? Es ehrt sie mit dem Besten, was es hat, mit seinem Gemüt, mit seiner begeisterten Phantasie, mit der Inbrunst seiner gottgläubigen Poesie. So hat die Phantasie das Leben Mosis mit einem blühenden Sagenkranz geschmückt. Der wissenschaftliche Forscher wird die Geschichte scharf von der dichterischen Ausschmückung sondern. Allein der religiöse Mensch, wenn er nicht anders seinen Geist durch Ueberkultur verdorben - hat, wird sich auch heute noch an den Bildern und Sinnbildern der Erzählung erfreuen und erbauen; und auch sie werden dazu.dienen, ihm das Wesen und den Charakter der geschilderten .Tatsachen und Personen deuten zu helfen. Es ist nicht wahr, daß wir auf diesem Boden bloßer religiöser