Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 52 (29.12.1916)
- Date
- 1916-12-29
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Jahr 1917. Dieser weift unter den Einnahmen an erster Stelle die Position „Steuern" mit 190 000 Mark auf.' Von den Ausgaben erfordert das Armen- und Wohlsahrtswesen die größten Aufwendungen. Für die Bedürfnisse der Armenkommission sind nach den Erfahrungen der früheren Jahre 85 000 Mark ausgeworfen. Die hauptsächlich für Kriegszwecke in Betracht kommende Wohlfahrtskommisston wirkt zwar in engem Zusammenhang mit der Armenkommission, wird jedoch vollständig getrennt verwaltet, so daß deren Mittel hier nicht in Betracht kommen. Das Siechenhaus der Gemeinde erhält einen Zuschuß von 7500 Mark, während das Mädchenwaisenhaus (Pau'linenstift) einen solchen von 1920 Mark erfordert. Die zweitgrößte Aufwendung erfordert das Schul- und Bildungsweseü. Die von der Gemeinde unterhaltene Töchter schule erfordert einen Zuschuß von 6O 000 Mark, während die Talmud-Thora-Realschule einen solchen von 25 000 Mark erhält. Eine große Anzahl gemeinnütziger Anstalten erhält die üblichen Zuwendungen. Durch den Krieg verursachte Ausgaben sind Pflege der Kriegergräber, Gedenkstein: 2. Rate 25(X) Mark. Für die von der Gemeinde übernommene Patenschaft für die durch den Krieg zerstörten ostpreußifchen Gemeinden werden als zweite Rate 1000 Mark gefordert. Im übrigen wird der mit einem Fehlbetrag von 53 690 Mark abschließende Voranschlag nach kurzer Aussprache genehmigt. Auf Antrag des Vorstandes toitri>e dieser ermächtigt, ebenso wie im Vorjahre bei der Veranlagung zur Gemeindesteuer alle Steuern von über 40 Mark mit einem 20prozentigen Kriegszuschlag zu erhöhen. Der Antrag des Vorstandes auf Bewilligung von 4000 Mark als Beihilfe für das Jahr 1917 für die israelitische Höhere Töchterschule (Lyzeum) wurde ohne Debatte einstimmig angenommen. Ebenso wurden dem Verband Deutscher Juden für die Herausgabe einer Feldbibel 669 Mark bewilligt. Rach Erledigung der Tagesordnung fand geheime Sitzung statt. Bad Kisstngen, 22. Dezember. Die Israelitische Kinderheilstätte in Bad Kissingen E. V. hat seit ihrem Bestehen ungefähr 1800 Kinder, idarunter 560 aus Nürnberg und Fürth, aufgenommen. Bei Kriegsausbruch wurde die schöne, auf das modernste eingerichtete Anstalt der Militärbehörde als Lazarett überlassen. Der Verein setzte jedoch seine Tätigkeit in gemieteten Räumen fort und nahm 1914 und 1915 je rund 150 Kinder auf. Ab 1. Februar 1917 wird jedoch das Lazarett aufgelassen, so daß die Kinderheilstätte ab 1. Mai 1917 wieder den Betrieb in ihren eigenen schönen Räumen aufnehmen kann. Anmeldungen von Kindern werden voul Vorstand ab 1. Februar entgegengenommen. er. Magdeburg, 22. Dezember. In dieser schwerere Zeit gehört die soziale Fürsorge zu den wichtigsten Aufgaben, denen gerecht zu werden die hiesige Gemeinde sich bemüht. So hat Rabbiner Dr. Lange für die zahlreichen, in hiesigen Fabriken zur Herstellung für Kriegsmaterial beschäftigten jüdischen Schwerarbeiter, die alle aus Russisch-Polen stammen, eine rituelle „Genossenschaftsküche" gegründet, in der für geringe Entschädigung ein kräftiges Essen verabreicht wird. Die Lebensmittel werden vom hiesigen Magistrat geliefert, der in weitestgehendem Maße sein Entgegenkommen zeigte. Zwei jüdische Frauen aus der Heimat der Arbeiter führen das Kochen aus. Eine Betstube mit Thorarolle und eine kleine Bibliothek sind angeschlossen. -Ferner sollen in einem „Külturverein jüdischer Arbeiter und Arbeiterinnen", der seiner Gründung entgegengeht, die Arbeiter in der deutschen Sprache, Rechnen, Schreiben, Lesen usw. von» den Lehrern der Jüdischen Gemeinde im Neligionsschutgebäude unterrichtet werden. E. M. Neu-Isenburg, 22. Dezember. Das hier befindliche Heim des I üd i s ch e n F r a u e n b u n d e s hat trotz des Krieges eine sehr befriedigende Entwicklung genommen. Die Anstalt ist in zwei Häusern nntergebracht, von denen das ältere der Erziehung der sittlich gefährdeten weiblichen Jugendlichen dient. Das zweite Haus, das im Mai 1914 eröffnet wurde, ist für ein Mütterheim bestimmt. Seit Kriegsbegmn sind im Erziehungsheim 36 Zöglinge ausgenommen. Hier werden die jungen Mädchen in allen Zweigen der Hauswirtschaft unterwiesen; der geistigen Entwicklung dienen ein regelmäßiger Unterricht und wöchentliche Lesestunden, die von Mitgliedern des Anftaltsvorstandes abgehalten werden. Bei 'Allsbruch des Krieges wurde das Heim als Lazarett zur Verfügung gestellt. Da es jedoch für diesen Zweck nicht in Anspruch genommen wurde, uurb es jetzt wieder von den Zöglingen bewohnt. Im M ü t t e r h e m fanden 22 Mütter mit ihren Säuglingen vor und nach der Entbindung Schuh und Aufenthalt. Nach der Entbindung, die im städtischen Krankenhause erfolgt, kehren die Mütter mit ihren Kindern ins Heim zurück, wo sie die Kleinen stillen und die richtige Wartung und Pflege erlernen. Auch erzieherisch wird auf die jungen Mütter eingewirkt, um ihnen Mut und Lust zu ehrbarer Arbeit und selbständigem Erwerb einzuslößen. Die Anstaltsleitung bemüht sich auch, die Mädchen wieder in Verbindung mit ihren Angehörigen zu bringen und Arbeitsgelegenheit für die Mütter sowie geeignete, einwandfreie Pslegestellen für die Kinder zu beschaffen, kleben der Pflege der Kinder beschäftigen sich die Mütter während ihres Aufenthaltes im Heim mtt häuslichen Arbeiten und Näharbeiten: in dem großen Garten der Anstalt nnrb in großem Umfange Gemüse allgebaut, so daß genügend Ge-' tegenheit zu gesunder Beschäftigung in freier Luft gegeben ist. Die wertvolle soziale und volkshygienische Arbeit, die der Jüdische Frauenbund für Deutschland in seinem Jsenbnrger Heinl leistet, verdient volle Anerkennllng. Es ist „vaterländischer Hilfsdienst" im besten Sinne, der hier geleistet wird. 0. L. Mainz, 22. Dezember. Welch überaus große Rolle die Geschichte der Juden am Rhein und dessen Nebeuströmeu in der Geschichte der Inden Deutschlands überhaupt spielt, mag aus der soeben erschieneneil Festschrift zum 70. Geburtstage Martin Philippsons ersehen werden, die nicht weniger als sieben Beiträge, die diesen Stoff behandeln, enthält. Zunächst stellt H. Tykocinsky (Berlin) in seiner Arbeit: „Tie Verfolgung der Juden in Mailiz iln Jahre 1012" die Jrrtümer verschiedener Geschichtsforscher richtig und weist nach, daß von den Ereignissen des Jahres 1012 nur die Verbannung der Juden aus Mainz feststeht, alle anderen Mitteilungen aber, wie, daß die Juden m diesem Jahre verfolgt wurden, daß ihnen nur die Wahl Alvischeu Tod und Ausweisung blieb, inanche sich durch Abfall retteten, viele in die Verbannung wanderten, nur auf verknüpfenden Vermutungen beruhen. I. Elbvgeu (Berlin) berichtet darüber, daß bei den hebräischen Mitteilungen über die Judenverfolgungen am Rhein von den seitherigen Forschern zu wenig Rücksicht auf die Eigenheiten der hebräischen Sprache genommen worden ist und daß hieraus oft falsche Auffassungen des Textes hervorgegangen seien. Er stellt die Forderung, die Urkunden in einer den wissenschaftlichen 'Ansprüchen entsprechenden Form den Gelehrten zllgängig zu machen. In einem ebenso anziehend geschriebenen wie von großer Kenntnis zeugenden Aufsatz schildert der Frankfurter Geschichtsforscher I. Krarauer das Verhältnis der Feme zu den Frankfurter Inden. Ueber die Frage, ob die Jliden überhaupt vor das westfälische Gericht gehörten, herrschte große Rechtsnllsicherheit in Deutschland. Mit dem Niedergang der Gerichte kollnten sich auch die Juden deren Gewaltherrschaft entziehen. PH. Bloch (Posen) erzählt itnS von einem viel begehrten Rabbiner des Rheingaues aus dem 17. Jahrhundert, Inda Mehler Reutlingen aus Bingen, um den sich eine Reihe großer Städte am Rhein vergeblich bewarb. Professor Salfeld (Mainz) gibt eine Studie zur Geschichte - des Judenschutzes in Kurium uz, P. 3treger (Hamburg) eine solche über deutsche Juden als Heidelberger Studenten im 18. Jahrhundert. Von A. Kober (Wiesbaden) erfahren wir Interessantes zur Vorgeschichte der Judenenranzipation irr Nassau. Amerika. <£/•> New S?)orf, tut Dezember. Dr. M a g n e s, der von seiner Europareise kürzlich nach Amerika zurückgekehrt ist, unterbreitete dem American Jewish Relief Committee folgenden Plan: Es sollen von den amerikanischen Juden 30 Millionen Dollar zur Verfügung gestellt werden, die nach dem Kriege in Form kleinerer Anleihen denjenigen Juden zu gewahren sind, die sich von neuem eine Existenz ansbauen müssen. Ter Plan hat die Aufmerksamkeit aller jüdischen Kreise des amerikanischen Judentums erregt und wird zurzeit eifrig diskutiert. Die Frage, wie der gegenwärtigen Notlage zu steuern ist, in der sich die jüdische Bevölkerung Polens befindet, bleibt trotzdem noch offen, llnd es ist deswegen mit besonderer Freude zu begrüßen, daß das Conjoint Distribution Committee sich an die amerikanische Judenheit mit der dringenden Aufforderung wendet, aufs neue 10 Millionen Dollar für den amerikanisch-jüdischen Hilfsfonds nufzubringen und es ihm zu ermöglichen, in noch größerem Maße als bisher den an ihn herantretenden Forderungen zu genügen. Die neue Vereinbarung, die das „Amerikanisch-