Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 52 (29.12.1916)
- Date
- 1916-12-29
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Leutnant August Nathan (Ulm), Musketier Arthur Meyer (Mülheim a. d. Ruhr). W. Posen, 22. Dezember. Den Schluß der öffentlichen Stadtverordnetensitzung in vergangener Woche füllte eine teilweise sehr erregte Erörterung eines Gerüchts über die angebliche Bevorzugung eines Teiles der jüdischen Bevölkerung bei der Butterverteilung aus, zu dem die ungeschickte Aeußerung einer Butterverkäuferin den Anlaß gegeben hatte. Stadtverordneter Busse bespricht den bekannten Fall. Oberbürgermeister Dr. Wilms: Man wird zugeben müssen, daß die Frage des Butterverkaufs an rituelle Juden einem Gebote der Moral entspricht. Bei der Wurst kann natürlich auf rituelle Gebräuche nicht Rücksicht genommen werden: koschere Wurst können wir nicht Herstellen lassen. Ganz anders verhält sich die Frage bei der Butter, da wir die rituelle jüdische Bevölkerung sonst ohne Fett hätten lassen müssen. Sie hatte grundsätzlich einen berechtigten Anspruch auf Butter. Wir sind der Meinung, daß unter solchen Umständen die Berücksichtigung ihres Wunsches zulässig war, wie es ja auch in Stettin und Gleiwitz der Fall ist. Für Berlin soll auch die gleiche Absicht bestehen. Stadtverordneter Dr. Kirschner dankt dem Oberbürgermeister für seine Ausführungen. Die ganze Angelegenheit sei nur auf die Ungeschicklichkeit der betreffenden Verkäuferin zurückzuführen. Stadtverordneter Dr. Ehrlich: Er wolle nur seststellen, daß es richtig war vom Magistrat, so zu handeln, wie er es getan hat. Nimmt der Staat auf die mohammedanischen Gefangenen Rücksicht, so kann und muß die Stadt auch auf die rituellen Juden Rücksicht nehmen. Eine andere Frage sei, ob die Art und Weise der Butterverteilung an die Juden richtig gewesen ist; er hätte die Verteilung durch den Rabbiner selbst vornehmen lassen können. Aber der Magistrat konnte nicht wissen, daß eine Verkäuferin so töricht ist, jede Frau zu fragen: „Sind Sie Jüdin?" Er freue sich, feststellen zu können, daß alle Redner mit der Verteilung der Butter an die Juden einverstanden sind. Stadtverordneter Kuttner: Die große Erregung in der Stadt stehe im Mißverhältnis zu den ausgegebenen 50 Kilogramm Butter. Er könne einen ungerechtfertigten Anspruch der rituellen Juden darin nicht erblicken, nachdem sie vierzehn Tage lang keine Butter erhalten hatten. Zu bedauern sei die Aeußerung, die ein hochangesehener Mann auf offener Straße getan habe: „Die Juden kriegen Butter, wir nicht." Diese Aeußerung sei ihm unverständlich. kl. A. Breslau, 22. Dezember. Die Ortsgruppe Breslau des Jüdischen Frauenbundes veranstaltete am 18. d. M. eine außerordentliche Hauptversammlung. Frau Professor G u t t - m ann, die Vorsitzende, eröffnete diese, begrüßte die zahlreich erschienenen Mitglieder herzlich und dankte allen für ihre treue Mitarbeit. Hierauf erfolgten die Berichte der verschiedenen Kommissionen. Tie Tätigkeit der Gemeindeschwester, deren Anstellung die Gruppe für Hauspslege seinerzeit für notwendig erachtete, hat sich von Jahr zur Jahr bei weitem gesteigert. Das erst vor wenigen Monaten ins Leben gerufene KleinkinderheinL) entwickelt sich dank reicher Zuwendungen in erfreulicher Weise und hat bereits vierzehn Pfleglingen seine Pforten geöffnet. Weniger günstig lauteten die Berichte des Wohnungsnachweises wie der Propagandakommisfion, bereu Wirksamkeit die Kriegszeit gehemmt hat. Um so erfreulicher ist es, daß die jüdischen Lehrerinnen genügend beschäftigt find und sich ungeachtet der ernsten Gegenwart in nicht ungünstiger wirtschaftlicher Lage befinden. Die Tätigkeit der Mündelsürsorge erweitert sich zusehends. Die Jugendgruppe arbeitet fortdauernd erfolgreich. Der Müdchenklub hat auch im dritten Jahre seines Bestehens durch gedeihliche Fortentwicklung seine Daseinsberechtigung bewiesen. Eine Kinderlesehalle ist angegliedert worden und die Errichtllng eines Wohnungsheims wird geplant. Der Klub ist den Mitgliedern zu einer lieben unentbehrlichen Einrichtung geworden und ein Band der Zusammengehörigkeit mit diesen. Das Prinzip, die allgemeine Bildung durch Unterrichtsstunden zu fördern, bewährt sich nach wie vor. Der Stundenplan umfaßt deutsche Literatur, Schönschreiben, Turnen, Religion, Umgaugsformen; im Sommer trat an Stelle des Schönschreibens Handarbeit und ein Kursus in Papparbeit. Die Lehrkräfte widmen sich hingebungsvoll - der freiwilligen Liebestätigkeit, die jungen Mädchen heranzubilden; ebenso stellt sich unentwegt eine Anzahl von Damen ') Siehe „Gemeindebote" Nr. 4o. 10, November Hü(>. zur Verfügung, während des Winters Vorträge verschiedener Art zu halten. Das StiftunMest wie das Purim- und Chanukafest wurden durch kleine Aufführungen, erstereS noch durch Nagelung des St. Michael gefeiert. Im Sommer fanden mehrfach Sonntags-! ausflüge in die Umgegend statt. Unentwegt find dem Mädchenklub j größere Subventionen und Zuwendungen von Behörden, Vereinen! und Privatpersonen Zuteil geworden; eine gütige Wohltäterin ge-! währte einem jungen Mädchen einen mehrwöchigen Aufenthalt! in Elster. Dem Kassenbericht wie dem Bericht über den Stipendienfonds, deren ersterer sich bei weitem günstiger erwies als letzterer, folgte der Antrag von Frau O l l e n d o r f f, für die Ortsgruppe Breslau des Jüdischen Frauenbundes die Rechte einer juristischen Person nachzusuchen, der einstimmig angenommen wurde. Hierauf referierte diese über einen trefflichen Artikel, den die hochverehrte verdienst-! volle Begründerin des Jüdischen Frauenbundes, Fräulein Bertha Pappenheim (Frankfurt a. M.): „Wehe dem, dessen Gewissen schlaft", in mehreren jüdischen Zeitungen veröffentlichte. Den Schluß der hochinteressanten Versammlung bildete eine Resolution, die den Wunsch ausdrücken soll, Fräulein Pappenheim wieder als Führerin der jüdischen Frauenbewegung, die sie hervorgerufen hat, begrüßen zu dürfen. R. Dessau, 22. Dezember. Im Gemeindeverein „Moses Mendelssohn" Hierselbst hielt vor kurzem Herr Oberkantor Magnus Davidsohn aus Berlin einen Vortrag über „Traditionelle und neuzeitige Musik im Judentum". Der Vortragende entwickelte in fesselnder Weise den Werdedang der jüdischen Synagogenmusik von seinen Uranfängen mit dem Schofarton bis zur heutigen musikalisch vollendeten Vollkommenheit. Eingehend würdigte der Redner die Bedeutung der überlieferten Musik, als dessen Anhänger er sich bekannte. Einen breiten Raum nahmen in seinen Ausführungen die wertvollen Schöpfungen von Sulzer und Lewandowski ein, ans deren Werken er den Hörern das richtige Verständnis für die Unterscheidung zwischen überlieferter und neuzeitiger Synagogengesänge vermittelte. Der Vortrag wurde durch viele gesangliche Beispiele, in denen sich der Genannte auch als ein Meister in der Sangeskunst zeigte, ergänzt. Aus den vorgelragenen Melodien wurde den Anwesenden besonders der Gefühlsion und der Sinn der Synagogengesänge erkennbar. Mit einer eingehenden Schilderung der Persönlichkeiten der beiden genannten Komponisten schloß der Vortragende seine sehr anregenden und belehrenden Darbietungen. Mit mehreren künstlerisch vollendet vorgetrageneu deutschen Liedern, die der Genannte nach Schluß seines Vortrages noch saug, löste er rauschenden Beifall bei dem zahlreich erschienenen Auditorium aus. Dem Verein gebührt für seine Veranstaltung ans dem Grunde besonderer Dank, weil der Vortrag viel dazu beigetragen hat, den Besuchern des Gotteshauses das Verständnis für die jüdischen Gesänge beim Gottesdienst zu erschließen und die Ueberzeugung zu verschaffen, daß nicht nur die Predigt und die Deutsch gesprochenen, sondern auch die singend vvrgetragenen hebräischen Gebete dazu beitragen können, Andachtsstimmring zu erzeugen und Erbauung beim Gottesdienste yerbeizuführen. Bei einem an demselben Tage in der Synagoge stattgefundenen Kriegsgottesdienste, welcher dem Gedächtnis der aus der Gemeinde Dessau gefallenen Kriegsteilnehmer gewidmet war, hatte Herr Davidsohn in freundlicher Weise den liturgischen Teil der Andacht übernommen. Neben der tiefempfundenen, ergreifend wirkenden Predigt des Herrn Landesrabbiner Dr. Walter, trugen die würdevoll und musikalisch meisterhaft zrnn Bortrag gebrachterr Gesänge des Genannten wesentlich dazu bei, diese Feier zu einer erballenden und erhebenderi zll gestalten. M. Hamburg, 22. Dezember. Das Repräsentantenkolleginm der Telltsch-Jsraelitischeu Gemeinde hielt im neuen Gemeindehause seine erste Sitzung unter Vorsitz des Herrn Jos. Lippmann ab. Der Vorsitzende begrüßte zunächst die beiden Kommissare des Vorstandes, die Herren I. Alexander (M. d. A.) und A. S. Marburg. Herr I. Alexander betonte, daß er und sein Mitkommissar erschienen seien, um dem Kollegium namens des Vorstandes zu danken für seine Mitwirkung an der Errichtung des neuen Hauses und für die dem Vorstand aus diesem Anlaß übersandte Spende. Sodann wird in die Tagesordnung eingetreten. Ter Genieindevorstand teilt mit, daß ihm anläßlich der Einweihung des Gemeindehauses verschiedene Geschenke zilgegangen sind, so n. a. vom Tempelverband ein Bildnis Gabriel Riesters, das im Sitzungssaal des Vorstandes Aufstellung finden wird. Den Hauptgegenstand der Tagesordnung bildete die Beratung des Voranschlages des Gemeindehallshaltsplanes für das