Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 52 (29.12.1916)
- Date
- 1916-12-29
- Page
- Seite 623 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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- .- VW langte, grüßte die Kranke in ihr den Stern Davids und Zions, flammendes Symbol der Unverlöschbarkeit. Und jetzt? Aerzte und Schwestern wußten: noch war die Gefahr nicht gebannt, noch stand der große Unbekannte zu Füßen des Lagers und wollte sich seine Beute von Menschenkunst nicht entwinden lassen. Die Kranke aber ruhte jetzt sanft und wunschlos in ihrem Bett. Ihre Hände spielten ein glückseliges Spiel, und mit verklärtem Ausdruck wandte sie sich in raunender Heimlichkeit zur jungen Schwester neben ihr: «Siehst du, Schwester, jetzt habe ich ihn fest, den Stern, meinen Stern, den Davidsstern, Stern aller Gnaden. Nun lasse ich ihn mir nicht wieder nehmen, sondern führe ihn an die Lippen und küsse ihn." Da griff die junge Schwester,- in ihrem süßen Seelchen erschrocken, nach dem Kreuz auf der Brust und dem Rosenkranz in ihrem Schoß und betete mit den heiligsten Beschwörungsformeln ihres Glaubens um Genesung und Erlösung des Menschenkindes zu ihrer Seite. In dem großen grauen Hause lagen- und litten achthundert Menschen in dieser Nacht. Und durch die Nacht stieg kerzengerade, dem Rauch gerechter Opferung gleich, der Menschheit Armsündergang aus: ora pro nobis (bitt' für uns)! Am Himmel aber lächelten ferne, menschensremde Gestirne. Und ihr Bruder in der Einbildung einer irrenden Seele wirkte das Wunder. Er leuchtete, wärmte und erlöste als das, was er war oder was er sein sollte: ein Stern der Liebe. Pro domo! Von Clemens Berg. er Erste, der für das große Ziel Des Weltenkrieges als Kämpfer siel, Paul Grabowfki hieß er, merkt ihn euch gut. Der erste Tote — er war ein Jud'. Drauf sind unsres Herrgotts Theologen In Scharen hinaus in das Feld gezogen; Ging auch ein junger Lehrer mit. Der sich zweiter und erster Klasse erstritt. Das Kreuz, das Gottfried Sender geschmückt. Hat es des Juden Brust gedrückt? Die Erde trank fein warmes Blut — Er starb für Deutschland, als deutscher Jud'. Der Reichstag tagt! Der Reichstag tagt! Beisammen die Herren unverzagt: Fürsten und Grafen, manch stolzer Baron, Man steht die Edelsten der Nation Beraten und rechten in einem fort. Ein einziger ergreift nie mehr das Wort — Dem Schrapnell, dem war es höchst egal. Daß es einen Kopf traf, wie -keiner genial. Seine Rede war brausender Freiheitsgesang: Vergiß nie, o Volk, deinen Ludwig Frank! Drei Namen nur: Der Tausende Rest Faulen und modern in Ost und West, Sanken zerstampft, zertreten hinab. Kennt nicht Vater noch Mutter ihr Grab, Ruhn still bei den christlichen Kameraden, Bis sie zum großen Appell geladen; Da unten, da unten verträgt man sich schon! Der Tod frägt nicht nach der Konfession! Die ihr den Juden schmäht und haßt. Euch bäte gern ich einmal zu Gast: Laßt es am Sabbatmorgen sein. Tretet mit mir in meinen Tempel ein. Der Zugang wird niemand hier verwehrt -- Willkommen, wer Gott und die Wahrheit ehrt! Der Rabbi sprach just das Gebet für den Kaiser; Nun wird seine jubelnde Stimme leiser. Er liest gebückt von einem Blatt, Drauf man die Gefallenen verzeichnet hat: Die Liste so lang, sie nimmt kein Ende, Dem alten Manne zittern die Hände. Viel Knaben dabei, die er konfirmiert. Die in Gottes Wort er eingeführt. Deren Fahneneid er abgenommen. Die er liebte — sie sind nicht wiedergekommen. Zu sterben war ihre Kindespflicht — Die Allmutter Deutschland beweine sie nicht; Nur daß wie ein Altweib sie mäkelt und schmält, Ihre Juden wie blökende Hammel zählt, Ob ja kein armer Schwächling da? Schäm' dich! Stiefmutter Germania! Literarische Mitteilungen. — Perez Srnolenskin. Von L. Rosenblatt. Einige Grundzüge seiner Zeit, seines Lebens und seiner Wirksamkeit. 1916, C. Boas Nachf., Berlin C 2. Der hier behandelte Schriftsteller, geboren 1842, gestorben 1885. mar ein jüdischer Autor, der zeitlebens mit großer Not zu kümpseu hatte. Er gab eine hebräische Monatsschrift „Haschachar" heraus, i>i: namentlich aus Rußlands Jugend große Wirkung übte. In dieser Monatsschrift, die die hervorragendsten 'Hebraisten zu ihren Mitarbeitern zählte, und in manchen anderen in sonstigen Blättern gedruckten Aufsätzen kämpfte er eine Zeitlang für Bildung und Fortschritt, zuletzt aber für den nationalen Gedanken und suchte diesen auch durch das gesprochene Wort mannigfach zu verteidigen. Sein Leben war Leiden und Entbehren; man liest nicht ohne Wehmut die Beschreibung dieser Leidenszeit. Warum ist aber ein solches Schristchen so entsetzlich gedruckt, daß nicht bloß der Inhalt, sondern auch die Entzifferung eine wahre Pein bereitet? L. G. * — Der Unpatriotische. Roman von Thea Graziella. Im Xenien-Verlag zu Leipzig, 1916. Ein tapferes Buch, herrührend von einer Dame, die mir bisher als Schriftstellerin nicht begegnet ist, vielleicht ist der Name Pseudonym. Mit seiner Tapferkeit mag auch manche Nnwahrscheinlichkeit ausgenommen werden. Daß der hervorragende Jurist Bernhard Schwangauer, ein Bayer, der in Berlin lebt, Sohn eines gleichfalls hochgestellten bayerischen Juristen, unpatriotisch ist, d. h. mehr kosmopolitisch als deutsch gesinnt ist, den Krieg daher als Feind des Kulturfortschritts betrachtet, mag schon mancherlei Bedenken erregen; daß er aber als hochgestellter Beamter seine Anschauungen in Schweizer Blättern zum Ausdruck bringt, ist immerhin ungewöhnlich, und daß er, Neffe eines Majors, der bei dem Kronprinzen eine Vertrauensstellung einnimmt, das hübsche Töchterchen eines Preußischen pensionierten Generals nicht bloß liebt, sondern daß er auch seine Heirat mit ihr durchsetzt, ist in Anbetracht seiner Gesinnungen nicht leicht begreiflich. Noch weniger, daß er, längere Zeit reklamiert, dann zum Sanitätswesen versetzt, zwar seine Pflicht im höchsten Maße tut, i.n entscheidenden Momente aber statt sich zu verteidigen, von den Franzosen gefangennehmen läßt. Am allerwenigsten, daß er in Frankreich als Gefangenenaufseher, als Verteidiger und als Freund eines französischen Generals seine Humanitätsduselei fortsetzt. Ganz unglaublich ist endlich, daß er in seiner schweren Krankheit (er leidet an Fieber infolge einer Verwundung) von seiner jungen Frau gepflegt, durch deren Vermittelung als Austauschgefangener über die Schweiz nach Deutschland geschickt wird und dort ohne Schädigung seiner Freiheit ein neues Leben beginnt. Indessen all diese groben Unwahrscheinlichkeiten mag man deshalb in Kauf nehmen, weil die Verfasserin es versteht, gut zu charakterisieren, geschickt in verschiedene Kreise einzuführen und weil sie — und das ist die Hauptsache — eine unerschrockene Gesinnung verrät. Was uns an dem Buche, das Zeugnis von einem hübschen Erzähle rtalent ablegt, interessiert, ist die Zeichnung einer jüdischen Geheimen Kommerzienrätin, die mit einem anmutigen Worte „Ja-Prinzeßcheu"