Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 52 (29.12.1916)
- Date
- 1916-12-29
- Page
- Seite 622 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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tt-2-2 wieder hingeraten . . . der himmlische Talisman Erdhastender, Wegzeichen des Wüstenwanderstammes ... wo war er? Besorgten Blickes, rat- und verständnislos umstanden fromme Schwestern mit düster wogenden schwarzen Pelerinen um die Schultern, steifen weißen Flügelhauben auf den des weiblichen Haarschmucks entkleideten Köpfen und versteinerter Demut in blühenden Franenzügen das Bett der Kranken. Langsam schob eine den Fieberthermometer unter die sich wider die Berührung stemmende Achsel; eine andere griff nach dem aufrührerischen, Wirbelsturm klopfenden Puls; eine dritte aber, jung noch, Laienschwesler noch, die das Leben vor den Toren noch nicht vergessen hatte, flüsterte leise: „Sie sucht wieder . . . wie immer . . . den Stern . . . ihren Stern, von dem sie in der Narkose sprach . . . und hernach immer . . . immer." Schwer ballte sich in dem Krankenzimmer die dumpfe, von Blumendüften, Arzneien und dem Atem der Krankheit gebeizte Luft. Die Kranke schauerte unter den Händen der Pflegerinnen zusammen. Sie ängstigte sich vor den ungefügen Schattenrissen dieser Dienerinnen der Liebe. Fliehend, flehend klammerte sie sich an die junge Laienschwester, deren Blondhaar noch irdisch schimmerte, deren Barmherzigkeit noch freier jauchzender Wille war statt eingestarrter Gewohnheit einer pflichtmäßigen Abkehr vom Sein. Letzte Helle losch im Hiaum. Nur das matte Nachtlämpchen schwelte dunstig. Wie eine getrübte Menschenseele, die schamhaft durchs Jrrsal flackert. Im Hause ward's stumm. Aber durch das in die Sommernacht spaltweise geöffnete Fenster drang aus der benachbarten Kapelle in breiten, metallisch klirrenden Strömen der aufwärts begehrende, den verheißungsvollen Rocksaum der Gottesmutter küssende Anruf: ora pro nobis. Menschenunmacht krümmte sich auf steinernen Fliesen und sandte tönenden Gebetshauch empor. Und aus der stillen Nacht in die stille Stube schwoll der Ton mit einer fremden, unerhörten Gewalt. Urschrei aller Tiefen zur Höhe: der nimmer erkannten, immer geahnten, ersehnten, gewöhnten, der rastlosen und restlosen Offenbarung eines Ewig oder Niemals, eines Anfangs oder Endes. Immer inbrünstiger, immer verzückter riß Menschennot sich klingend empor . . . Da wurde die Kranke aufs neue unruhig. Weit öffneten sich die fieberblanken dunklen Augen', als wollten sie das singende, betende, hinunelsuchende Dunkel draußen durchbohren: dann stahl sich um die trockenen, durstgepeinigten Lippen ein süßes, wie zärtliches Lächeln; die Hände auf dem Linnen aber streichelten und kosten ein unsichtbares Etwas. „Da ist er . . . der Stern Davids . . . Davids, des „Geliebten" . . . Stern aller Gnaden, der da steht über einer Burg, über einem Tempel, über einer Idee, über einem Volk, der Stern, der ausging über der Fürstin der Städte, dem heiligen Salem . . . der Stern des Königs, Hirten, Sängers, . . . Messias . . ." Da lag er nun dank dem Wahn der Entrückten auf der weißen bauschigen Decke und aus seinen goldenen Zacken glutete tiefer heißer Segen in die arme Unrast der ihn umtastenden Finger. Fetzen von Bewußtheit flatterten in dem Hirn der Kranken auf. — Als man ihr, der lange und schwer Leidenden, mitgeteilt hatte, daß ihr nur noch vom Messer des Arztes Heil und Heilung widerfahren könne, hatte sie dieses Urteil schweigend entgegengenommen. Sie wußte: es ging auf Ja oder Nein. Und sie selbst glaubte an kein Ja mehr. Sie schloß ab. Sichtete ihr Leben, sonderte die Spreu von dem Weizen. Schleier fielen; sie wurde wissend. Erkannte, wo in ihrem Leben Wahrheit, wo Irrtum, wo Rausch, wo Sehnsucht gestanden, erkannte, wer ihr gelogen, wem sie gelogen hatte; wußte, daß alle Träume Windfänger gewesen und daß den Menschen auf Leben und Sterben nur ein Wahrwort geschenkt ist, um jede Not zu brechen: das Erlösungswort: Mutter. Und um dieses Wort nicht hinaus zu brüllen, damit es jene, der es galt, nicht zerrisse, um es mit verbissener Stummheit in sich hinein zu würgen, erstickte sie fast. Steil und aufrecht, das weiche Frauenantlitz hart geplättet von dem unerbittlichen Willen zur Beherrschung, so fuhr sie den weiten Weg durch die Stadt zu dem großen grauen Haus, wo der Mann mit dem Messer ihres jungen blühsamen Fräuenleibs harrte. Im Tiergarten atmete sie-tief, ein Mundvoll linder Sommerluft zu trinken. Goldgrünes Eichenlaub — letzter Gruß der Natur — Abschiedskuß der Schönheit? Ihre Brust hob sich, ihre Haut, von einem Sonnenstrahl getroffen, erschauerte selig wie unter eines Geliebten Berührung. Ueber das Mückengrau des geschäftigten Straßenalltags glitt ihr Blick achtlos, ungefesielt dahin. War sie, die sich anschickte, den Ameisenbau der Menschheit zu verlassen, ihm schon so fern, daß sie die rührende Erhabenheit wimmelnder Kleinwolt nicht mehr wahrnahm? — Der Wagen rollte, schütterke, stieß, verursachte wühlende Pein. Das Gesicht der Leidendenverhängte sich fahl. Da plötzlich — nah am Ziel schon — ergoß sich Blendung über ihr Antlitz. Licht floß in ihre Augen. Aus dem Asphaltblei einer nüchternen Straßenzeile wuchs gleich einer exotischen Wunderblume, mit drei goldübersponnenen Kuppeln das Gotteshaus ihrer Glaubensgemeinschaft empor. Und auf seiner höchsten Kuppel funkelte der Stern, der Stern Davids, des Königs und Sängers. Die Kranke hatte nie zu denen gehört, die die Schwelle dieses Hauses für und für mit Unterwerfung im Herzen überschreiten. Sie hatte immer kühl und fremd beiseite gestanden, wenn mühselige und beladene Zeitlichkeit durch Wort und Lied, durch Gebet und Gebot den Weg zum Ewigen erstritt und erleuchte. Eine Zweislerin war sie gewesen, die das Gesetz in sich selbst fand oder nirgends. Und auch jetzt, wo riesenhafte Schatten ekle Leiber über ihren Weg wälzten und wo vielleicht in der nächstenStunde diePforten des Gewesenseins heiser knirschend hinter ihr zufallen würden, verspürte sie kein Verlangen, sich in den Staub zu beugen, um erhoben und begnadigt zu werden. Aber ihr Blick zog sich empor zu dem Stern, dem Stern, der einem Volk als Sinnbild von Weisheit, Güte, Höhensehnsucht und Menschenliebe gegolten und ihm geleuchtet hatte auf allen Wegen, die durch Schmerzen zu Schmerzen führen. Das innere Gesicht der Kranken sah ahasverische Scharen durch Zeit und Raum fluten, den Rücken gebückt, in der Hand den Stecken, mit Augen, die wie Seen gefrorener Tränen waren, mit gemeißelten Stirnen, auf denen das Brandmal der Ewigkeit loderte, und mit zeitlosen Händen, geschickt zu allem, was sie anrührten, gestraft in vielem, was sie vollführten. Sohlenmüde Wanderer auf den Straßen der Flüche, durch die Täler der Tränen, über die Aecker des Todes, und doch nie wegverzagt, weil gebannt von dem Stern, der überall mit ihnen zieht, dem Stern, der erstrahlte im Osten über Zion, der Burg, Zion, dem Heiligtum, Zion, der Heimat — Heimatloser. Im Bruchteil einer Sekunde, von dem feurigen Stern bezwungen, erlebte die Kranke in sich eines Volkes Sein und Werden, versickerte persönliches Schicksal in eines Stammes Los. Der Stern entzauberte das Naß auch in der Kranken verhärtetem Auge. Weinend ward sie eingeliefert in das große graue Haus, vor besten steinernen Toren die Welt der Gesunden zurückblieb. Und als sie auf der rollenden Bahre durch die weiten hallenden Gänge des Hauses zum Operationstisch gefahren wurde, in atemraubender Einsamkeit, zwischen den entpersönlichten, namenlos gewordenen Hüterinnen der Charitas, da saugten sich ihre Gedanken, um dem fürchterlichen, zum tierischen Schrei entarteten Bedürfnis nach der Mutter zu entrinnen, wieder fest an dem Stern, der aufgegangen war über einem Gottesgedanken und der Geburt einer Sittenlehre, dem Stern, der ein- Volk vor dem Untergang beschirmte. Vielleicht half er auch ihr. Als die Chloroformmaske mit Raubtierpranken nach ihrem Bewußtsein