Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 52 (29.12.1916)
- Date
- 1916-12-29
- Page
- Seite 621 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 1)21 - 11. A u s I a t h o s Briefe n. Aus Carl Pathos Briefen. Herausgegeben von Carl Oskar Jatho. Verlegt bei Eugen Diederichs, Jena 1914. Seite 12 uff. (Der Brief ist aus Leipzig an seine Eltern gerichtet und vom 9. 11. 1872 datiert. Iatho war damals 20 Jahre alt und Student der Theologie.) - - „Eine ebenso angenehme wie nützliche und belehrende Bekanntschaft habe ich gemacht an dem hiesigen Rabbiner Dr. Goldschmieds - seine Frau'-') hielt vor einigen Jahren in einer Weiberemanzipationsversammlung zu Cassel (Jathos Heimat) eine Rede. Er ist ein Mann von ebenso reichern Wissen als Gemüt und Herz; seine Religion ist die der Menschenliebe, sein Glaube hält sich an einen Gott, der in der Seele vorgebildet ist: im übrigen unerkennbar, also nur demütiger Verehrung zugänglich. Daraus wird es erklärlich, daß er ebenso teilnehmend in seiner nationalen (?) wie in der christlichen Theologie jeder Konfession arbeitet und lebt, überdies aber die Philosophie als Mutter und Grund aller idealen Wissenschaften hochschätzt und gründlich studiert hat. Ich lernte ihn kennen, als ich ihn für ein armes Judenmädchen interessierte, welches, hier in höchst elenden und traurigen Verhältnissen lebend, zufällig meine Teilnahme erweckte, so daß ich mich für sic mit aller Wärme bei ihn: verwendete. Er empfing mich mit Herzlichkeit und Anteil, ging auf.meine Wünsche bereitwilligst ein und so kamen wir in ein Gespräch über den Zwiespalt der Bekenntnisse, welcher um so betrübender sei, je klarer sich die Einheit der rein menschlichen, der guten wie schlechten Eigenschaften herausstellte. So gab ein Wort das andere: er zeigte mir seine Bibliothek und lud mich ein, wiederzutouun-cn. Ich verschmähte diese Güte keineslvegs und habe auf diese Weise schon mehrere Stunden bei ihm mit Lesen des Talmud -- er ist ein glänzender Hebräer —, mit Disputationen über Theologisches (Schleierinacher und Lessing) und Philosophisches auf das lehrreichste hingebracht. Er dedizierte mir auch eines seiner Schriftchen über Lessiug. — So blühen mir hier am Lebensbaume die herrlichsten Blumen." Und auf Seite 19 in einem Briefe vom 21. 12. 1872: „Da ist hier lüviit Gönner, der Rabbiner, mit dem ich sehr rege und freudig verkehre, nach wie vor meine innige Freude und Verehrung. Nicht einmal verlasse ich sein Hans, wo ich nicht eine neue frische Anregung zum Guten, zum Nützlichen empfangen hätte: er zieht altes Entgegentretende m den Ring seiner Tätigkeit, die, rein wie lauteres Gold, im Wohl und Glück der Mitmenschen ihren sich selbst umfassenden Wschtuß findet. Dabei stehen ihm die Mittel, der Gelehrsamkeit, der Weltkenntnis, der eindringlichen Rede zu Gebote,-kurz, er besitzt so vielerlei, was ich mit teurem anderen Ausdruck zrr benennen weiß als einer gesunden Religiosität, die frei von alter Dognratit nur in der Tat ihr höchstes Ziel erkennt. Wirken ist sein Losungswort, Menschlichkeit der Grundton seines Charakters. Er sucht den Himmel auf der Erde und in seineur Herzen, das im Bewußtsein einer guten Tat den vollen- Genuß eines göttlichen Friedens empfindet. Ich finde bei ihm so viel Verwandtschaft mit Dir-'*), lieber Papa, daß ich mich lieber und lieber ihm anschließe. Selbstverleugnung, Teilnahme, Tatkraft und vor allem jener hohe Standpunkt der Liebe, der imio caritatis, der auch Deinem Herzen so warm und lebendig innewohnt - - alle diese Züge erinnern mich an Dich und geben mir die tröstliche Zuversicht, daß gute Menschen immer gleich im innersten Kerne sind, daß alle Glaubens¬ und. Bekenntnistrennung doch das schöne Bild eines edlen Mannes nicht anschwärzen oder verzerren könne. Die Tugend, die Liebe überflügeln jeden Glauben, und jede Religion nähert sich Gott um so mehr, je ernster sie sich in den Begriff des Guten vertieft." Dr. M. Spanier, Magdeburg. O Ottomar Keindl veröffentlicht in der Sonntagsbeilage der „Bohemia" vom 5. November 1916 die sogenannte Naabenaasstrbphe. bin ein wahres Raabenaas, Ein wahrer Sündenknüppel, Der seine Sünden in sich fraß. So wie der Rufs' die Zwibbel. ') Richtig: Goldschmidt, der von 1857 bis 1889 Rabbiner in Leipzig war. Er leitete bekanntlich mit Jost und Jetlinek das Institut zur Förderung der israelitischen Literatur. -) Die ehrwürdige Frau feierte vor kurzem ihren 90jährigen Geburtstag. 8) Jathos Baker war Pfarrer. Herr Jesu-, nimm mich Hund beim Ohr. Wirf mir den Gnadenknochen vor Und schmeiß mich Sündenlümmel In deinen Gnadenhimmel. und bemerkt dazu, daß vor einigen Jahren ein Preis von 100 Mark ausgeschrieben wurde für denjenigen, der das Gesangbuch einer evangelischen Gemeinde mit der Strophe „Ich bin ein rechtes Raabenaas" einsenden könne. Es sind eine Menge Zuschriften eingelaufen, aber den ausgesetzten Preis konnte niemand gewinnen. Die älteste Fundstelle der Raabenaasstrophe sind die „Schlesischen Provinzblätter" 1840, II, Seite 361. Der politische Schriftsteller Wilhelm Wolfs (1809 bis 1864) hat gegenüber Friedrich Engels zugestanden, daß er die Raabenaasstrophe in die genannten Blätter „eingeschmuggelt" habe, und es ist naheliegend, daß er auch der Verfasser des Scherzgedichtes ist. Und wiederum später habe ich in der „Monatsschrift für kirchliche Kunst" gelesen, daß der Hymnologe Superintendent Wilhelm Nolle erklärt hat: „Wolfs ist bloß der Entdecker dieser Strophe gewesen und hat sie, nicht einmal in böser Absicht, in einer seiner Schriften als Manifestation naiver Frömmigkeit promulgiert." Ich habe in meiner Jugend die Strophe des Liedes immer in der Fassung gehört „So wie der Jud' die Zwibbel" und wandte mich an den Verfasser jener Notiz mit der Bitte um Aufklärung, woraus ich folgende Antwort von ihm erhielt: „So wie der Rost die Zwibbel." Gemeint ist die Nostkrankheit der Zwiebel. Es scheint, daß erst später „Rufs'" und „Jnd" geschrieben wurden. Antisemitismus dürfte nicht dahinterstecken, denn ein Gegenstück zu der Raabenaasstrophe lautet wie folgt: „Wir bilden einen neuen Klub (Lichtfreundtum), Mit Uehlich, Wislicenus, Rupp, Der Heide, Jude, Türke ist Gebornes Mitglied wie der Christ. Der Kaffer und der Hotkentott Verehren alle einen Gott. Ter Glaube kommt nicht in Betracht, Die Liebe ist's, die alles macht. Die Menschenfresser nur allein, Tie sollen ausgeschlossen sein. Weil wahre Liebe da nicht ist. Wo einer noch den andern frißt." Auch diese Strophen stehen in keinem Gesangbuch, sooft das auch behauptet wird." Vielleicht kann einer unserer Leser etwas Näheres über die merkwürdige Strophe mitkeilen. L. G. Der Daoidsltern. Von Doris W i t t n e r. n, das war es wohl. Sie hatte dem Tod ins Gesicht % gesehen. Nah, sehr nah. Aber das hatte doch eigentlich '***' nichts zu sagen. Denn das taten in dieser blntschweren Zeit, wo der irre Tanz der Apokalyse über die Erde stürmte, doch Tausende, Hunderttausend!!. Aber wer weiß, vielleicht war diese Begegnung mit großen Nein für jeden, der sie erlebte . . . überlebte... so ein überwindliches Etwas, das sich drohend, wegsperrend lagerte vor alle Schwellen zum . . . . Zurück. Die weißen lang und spitz gewordenen Finger der Kranken fuhren unruhig über die Decke. Das Morphium geisterte in ihnen. Da . . . dort . . . hier hatte doch der große, funkelnde, sechszackige Stern noch eben geruht. . . in seinergoldenen, friedesströmenden Hoheit . . . Licht in der Finsternis . . . Pfadweiser eines taumelnden, von Leid umschnürten, menschenfürchtigen, gotteifrigen Volkes ... wo war er nur