Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-12-29 · Heft 52 (29.12.1916) · p. Seite 620

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 52 (29.12.1916)
Date
1916-12-29
Page
Seite 620 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3229232-3229285--72775-3289383
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

besonderen Studie gelvürdigt werden soll, und eine Novellensmmnlung, über die hier eilüge Notizen folgen sollen. Diese Novellensammlung führt den Titel: Büscheuthal, Erzählungen. II. Auslage. Magdeburg 1823. Die erste Auslage, deren Erscheinungsjahr mir nicht bekannt ist, muß wohl beii Zusatz „Ron: alttische" geführt haben. Sonst ist ein Wort der Vorrede unverständlich, in welchem der Verfasser von fettlamen Vorfällen nsw. spricht. Es ist schwer begreiflich, das; Znuz au diesen beschichten innere Anteilnahme gehabt haben soll. Zunächst deshalb, weil sie, selbst die eine in biblischem Ton gehaltene, absolut nichts mit jüdischen oder auch nur mit religiösen Dingen zu tun haben, sodann deshalb, weil sie den Gegenständen. mit denen sich Zunz beschäftigte, gänzlich fern lagen. Die Novellen sind höchst unbedeutend itnb sind unserer Auffassung und nn'erem Empfinden völlig fremd. Ein gewisses Interesse besitzen sie für uns nur dadurch, daß sie, wenn auch völlig entfernt davon, ein Bild der Zeit zu geben, doch wenigstens in die Epoche einführeu, in der der Verfasser lebte, d. h. die der Revolutionszeit unb der Befreiungskriege. Die sprechen viel von den Unruhen des letzteren Zeitabschnitts, wobei aber zu bemerken ist, daß von echtem deutschen Patriotismus niemals die Bede ist, auch von Beteiligung der Zuden wird nirgends gesprochen. Die berichten von Liebe und Eifersucht, mischen die buntesten, höchst unwahrscheinlichen Abenteuer: einmal ist sogar von Blutschande die Rede, die von dem Manne durch Delbstmord, von der Frau durch Einsperrung in das Kloster gebüßt wird, häufig von sittlichen Vergehungen mancherlei Art. Einmal kommt sogar ein Geisterbries vor, ein Wunder, das sich aber in höchst natürlicher Weise aufklärt. Die handelnden oder leidenden Persönlichkeiten der verschiedenen Novellen sind Deutsche, Franzosen, Italiener. Dpanier, ausschließlich Ehristen, teilweise sehr frouun. Bon ihrem religiösen Eifer — meist sind es merkwürdigerweise Katholiken- - wird hällsig mit Teilnahme, gelegentlich sogar mit Wärme gesprochen. Die Helden der Geschichten gehören ferner hauptsächlich dem begüterten Kaufmannsstande an, selten sind Adelige: nur in einer (beschichte kommen Bauern vor, deren Kind aber durch Adoption in einen höheren Stand erhoben wird. Der Ausgang ist in der Mehrzahl der Fälle befriedigend, oft durch Heirat, obgleich es auch an tragischen Abschlüssen nicht fehlt. Das aber, was unserer Meinung nach Zuuz von diesem (beschichten eher abstosten als zu ihnen hinziehen mußte, das ist die durchaus ronuuttische Atmosphäre, in der sich fast alle Geschichten bewegen: seltsame Vereinigungen, wundersame Vorgänge, die man nur mit ziemlicher Gesangeugabe seiner Vernunft begreifeil oder gelte!; lassen kann. L. G. * 8. N ikolan tz 1. unb b i e j ü bische S ch i l b w a ch e. chm Fahre 1843 weilte Hvrace V e r n e t längere Zeit in Rußland, wo ihn Zar N i k o l a n s mit seinen Gnnftbezengungen geradezu überschüttete. Diesem Umstande hatte es der Künstler zu danken, daß er am Osterfeste der kirchlichen Zeremonie, die im Palaste des Kaisers abgehalten wurde, beiwohnen durfte. Zu dem Briefe, iu dem Berncth diese Zeremonien schildert, erzählt er auch eine ergötzliche Anekdote, die gerade lvegen ihrer Donderlichkeit den Eindruck der völligen Wahrheit inacht. Vernet schreibt: .Die Zeremonie ist eine der seltsamsten, die ich gesehen habe. Es sind nur zum Hofe gehörige Personen zugegen und eine Deputation aller Offiziere der Garde, was im ganzen 2000 bis 8000 Köpfe ausmacht. Ilm Mitternacht tritt die kaiserliche Familie in die Kapelle. Nach der Predigt stellt sich jede Persoll einzeln vor den Kaiser, der ihr sagt: „Jesus Christus ist anferstanden!" Alan antwortet ihm: „Za, er ist anferstanden!" und küßt ihn aus beide Wangen. Die Kaiserin reich: die Hand zum Kusse. Es ist etlvas Absonderliches in diesem Gebrauche: aber das sonderbarste ist, daß der Kaiser nach beendeter Messe die erste Person, die ihm begegnet, umarmt.. Gewöhnlich ist es die Dchildwache, die er an der Türe findet. Bor einigen Zähren umarmte er einen Grenadier des Preobratschenstischeu Regiments und sagte zu ihm: „Jesus Christus ist auferstanden!" -- Der Doldat antwortete: „Nein!" — Es war ein Jude ..." Do weit Vernet. Kein Zweifel, daß diese patriarchalischen Gebräuche unter deu Nachfolgern Nikolaus' l. abgeschafft wurden. Es ist auch kaum anznnehlnen, daß unter 1) R i! ß l a n d. Vertrauliche Briese von Horace B e r u e t. Aus dem Frailzösischeu von Paul D.: Berlin 1850. Nikolaus II. jüdische Soldaten als Schildwachen in: kaiserlichen Palast verwendet wurden. n. * 9. A u s de ll Akten derBe r l i n e r p h i l o s o p h is ch e n Fakultät. Ans den Akten der philosophischen Fakultät der Universität Berlin. Litt. S, Rr. 7, Bd. 2 ergibt sich, daß Dr. D. Stern, der bekannte Historiker und Pädagoge, einer der Hauptbegrnuder der Berliner Reforlugemeillde, sich in Berlin habilitieren wollte (5. Juni 1848). Das Gesuch wurde aber ans Grund seiner eingereichten Schriften mit 16 gegen 4 Stimmen abgelehnt. Dagegen wurde dein Petenten auheimgestellt, „ob er nicht der Fakultät andere Dpezimina, vielleicht solche, die mehr das Gebiet der Philosophie berühren, vorlegen wollte". Aus denselben Akten geht hervor, daß H. Steinthal sich am 19. Oktober 1849 um die Habilitation an der Berliner Universität bewarb. In den Akten heißt es: „Tie Habilitationsangelegenheit des Dr. Dteinthal. Auf Grund der eingegangenen Gutachten wurde dessen Zulassung einstimmig genehmigt, ilnd zwar für Linguistik und Sprachphilosophie. Zugleich wurde genehmigt, daß er vor der Fakultät „von der -Klassifikation der Sprachen" handle. Ein Antrag auf Einladung des Herrn Schott zu dieser Vorlesung wurde mit großer Stimmenmehrheit abgelehnt." Der Name steht in den Fakultätsakten ganz deutlich, doch vermag ich einen Professor dieses Namens nicht naehznweisen: an Aug. Friedr. Pott, 1802 bis 1887, der von 1838 an bis zn seinem Tode ordentlicher Professor der Sprachwissenschaften in Halle war, ist doch wohl kann: zu denken, da die Einladung eines auslvürtigeu Professors etwas sehr Ungewöhnliches bedeuten lvürde. * I, G. 10. A u s den Tagebüchern Julius Rodender g s. Das „Literarische Echo", 19. Jahrgang, 1. und 2. Heft, l. und ir>. Oktober 1916, veröffentlicht Auszüge aus Julius Rodenbergs Tagebuch, die literarisch von sehr großem Interesse sind, doch soll ans diese allgemeine Bedeutung der Auszüge hier, entsprechend den: Charakter unseres Blattes, nicht hingewiesen, sondern nur darauf die Aufmerksamkeit gelenkt werden, daß mancherlei Jüdisches auch darin vorkommt. Ungemein sympathisch ist die Notiz am angeführten Orte, Seite 74 (5. Februar 1881). Nodenberg berichtet, die Tochter Friedrich Rückerts habe an ihn geschrieben, der Vater habe einen Brief ans Rodenbergs Jugend aufbewahrt, mit den: dieser seine geharnischten Sonette aus Schleswig-Holstein den: alten Dichter überschickt habe, und fährt fort: „Mir war, als ob ich in die Tage meiner Jugend, in jene Rinteler Tage versetzt sei, wo meine Schwärmerei für Deutschland und deutsche Dichter so aufrichtig und ehrlich war. Vielleicht kann ich einen Strahl davon in meinen neuen Rvlnan bringen, zn welchem es inich immer mehr hinzieht." Unter den zahlreichen Personen, deren der Tagebuchschreibec gedenkt, werden auch gar manche jüdischen Ursprungs und jüdischen Glaubens erwähnt: Moritz Lazarus, Mar Ring, K. E. Franzos und Frau. Eine besonders interessante Stelle findet sich am angeführten Orte, Seite 82 ff. (29. Januar 1884). Es handelt sich um eine Schilderung der Trauerfeier, die in der Singakademie zn Ehren des verstorbenen Eduard Laster stattfand. Nach einer Darstellung der großen Versammlung und einer allgemeinen Charakteristik der Rede Ludwig Bambergers heißt es: „Die Rede Barnbergers lvar ein Meisterwerk seiner, liebevoller und dennoch unbefangener Charakteristik, vortrefflich gesprochen ohne jede Uebertreibung weder im Ausdruck der Empfindung noch im Vortrag, und obwohl man das schmerzlich bewegte Herz des Redners gleichsarn in jedem seiner Worte klopfen hörte, doch höchst kunstgerecht geraten mit persönlichen Reminiszenzen, Anekdoten unb kleinen Geschichkchen durchwoben, welche die Trauerversammlung manchmal laut auslachen machte, wenn in gutmütiger Weise kleine Züge aus dem Leben Laskers rnikgeteilt wurden. Dieser Wechsel von tiefstem, schmerzlichstem Ernst, beißender Anspielungen und sachlicher Behandlung des schweren traurigen Themas, diese reiche Skala von Empfindungen und Gedanken, scheinbar mühelos hervorgebracht und ohne jede Spur rhetorischen Prunkes vorgetragen, machte einen ungeheuren Eindruck auf die Versammlung, welche mehrfach in minutenlangen stürmischen Beifall ausbrach." L. G.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.