Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-12-29 · Heft 52 (29.12.1916) · p. Seite 619

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 52 (29.12.1916)
Date
1916-12-29
Page
Seite 619 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3229232-3229285--72774-3289382
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

kasuistische Behandlung des in Rede steherrden Gegensatzes gesagt sein; nur muß eine solche genügend umfangreiches Material behandeln, das heißt sich der Statistik annähern. Kasuistiker und Statistiker sei also künftighin die Losung. Zum Schluß sei aus einem Artikel von Richard.Katz „Im jiddischen Orfeiim" aus dem „Prager Tageblatt" folgende Stelle über ein in jenem Theater ausgesührtes Drama wiedergegeben: Das vieraktige Drama führt den Titel: „Kol Nidrei" und ist ein rührseliges Stück aus der spanischen Jnquisttionszeit. Der Großinquisitor Paulus, der die Inden aus Spanien gejagt hat — soweit er sie nicht vorher verbrannte—, ist selbst ein getaufter Jude: seine Tochter, welcher die Inquisition ein Greuel ist, .wirft ihm das auch jede Weile vor, was ihn in maßlose Wut versetzt. Diese Wut steigert sich' zur Tobsucht, .als er die Tochter in, den Armen des königlichen Hofsängers Bartolos, eines zwar auch getauften, aber noch immer glaubensstarken Juden sieht, der ihm besonders verhaßt ist. Eine spionierende Nonne verrät ihm, daß Bartolo das Haupt einer Bande „geheimer Jüden" ist und in einer versteckten Synagoge wider alles Kirchenrecht streng orthodoxe Judengottesdienste abhält. Paulus lockt die ganze Gesellschaft in eine Falle und überrumpelt -sie mir seinen Jnquisitionsschergen eben beim Kol-Nidrei-Gebete. Angesichts der lobsingenden und betenden Juden aber überfällt ihn tiefe Reue und das Stück schließt versöhnlich damit, daß der Großinquisitor das Kol Niedrei mitsingt. Das Zwischenspiel besorgt die Dienerschaft des Großinquisitors, die auch zu den „geheimen Jüden" gehört, und die — um ihre Stellung zu markieren — reines Jiddisch spricht, während Großinquisitor, König und Hossänger sich zu einem unreinen Hochdeutsch verstehen, das man gemeinhin Mauscheln nennt. Es dauert eine Weile, bis man sich an diesen Anachronismus gewöhnt. Aber wenn man es einmal so weit gebracht hat, von Kostümen, Sprache und Gesten abzusehen und sich lediglich vom Tonfall, vom Mienenspiel und von den Interjektionen der Leidenschaft und der Rührung leiten zu lassen, kommt man zu einem wahrhaften, nachhaltigen Genüsse. Es sind wirkliche Menschen, die da spielen, keine Komödianten, die „geheimen Juden" haben ihre Rolle erlebt; sie tragen so viel atavistischen Schmerz, so viel quälenden Kummer von Generationen her in ihren Augen, im Zittern ihrer Hände, im Vibrieren ihrer Stimme, daß sie Momente haben, in denen sie groß und überzeugend wirken müssen. ""r*- ' HD Jacob Pleßner: Louis Sachs, Standplakette (Rückseite). Mruk Merke von ysrob Mehner. tm den vortrefflichen Arbeiten des jüdischen Bildhauers Jacob Pleßner haben wir unseren Lesern vor einiger Zeit Kenntnis gegeben. („Allgemeine Zeitung des Judentums". Jahrgang 1914. Nr. 14. S. 160 bis 163. Abbildungen von folgenden Werken: Büste des Großen Kurfürsten, Büste von Louis Sachs, Büste von Oscar Tietz, Bar Kochbah, Lessing- Gedenktasel am Tietzschen Warenhaus.) Der wackere Künstler hat in neuester Zeit verschiedene Werke geschaffen. Er hat u. a. den Auftrag erhalten, für das Osfizierserholungsheim in Falkenstein im Taunus einen Brunnen auszuführen. Die Entwürfe sowie die Photographien der Brunnenfigur wurden dem Kaiser vorgelegt und die Ausführung wurde genehmigt. Der Brunnen soll im Luft- und Lichtbad des Erholungsheims Ausstellung finden. Ferner ist Pleßner auf der Ausstellung für künstlichen Eisenguß im Kunstgewerbemuseum Berlin mit zwei Arbeiten vertreten, und zwar mit einer zirka 40 Zentimeter großen Moses- Mendelssohn-Büste sowie einer doppelseitigen Gedächtnisplakette (sogenannte Standplakette) für den verewigten Louis Sachs. Wir freuen uns. die beiden letzteren Werke unseren Lesern in Abbildungen vorführen zu können. Es ist uns ein wehmütiges Vergnügen, die Erinnerung an den vortrefflichen Louis Sachs, der unserer Gemeinde und dem Judentum vor einiger Zeit entrissen worden ist. aufzufrischen, und wir tun dies gern, obgleich wir eine Wiedergabe seiner Photographie schon früher unseren Lesern vorgeführt haben. Nicht minder angenehm ist es uns, auch den Versuch zu unterbreiten, den Pleßner unternommen hat. Moses Mendelssohns Züge der Mit- und Nachwelt wieder vorzuführen. Gerade in unserer Zeit des Völkerhasses und der Glaubensstreitigkeiten tut es wohl, sich an diesen edlen Menschenfreund, den wahrhaft begeisterten Verkünder des Friedens, der Duldung und echter Menschlichkeit, zu erinnern. Der Künstler hat in beiden Arbeiten eine neue Probe seines starken und eigenartigen Talents gegeben. L. G. Mitzrllen. 7. MosesBüschenthal. Leopold Zunz hat den deutschen Dichter jüdischen Glaubens, dessen Name dieser Miszelle vorangestellt ist, ungemein hochgeschützt, ja überschätzt und hat ihm eine enthusiastische Würdigung zuteil werden lassen, die der historischen Schätzung widerspricht. Der genannte Dichter hat nach den Mitteilungen in Goedekes „Grundriß" «außerordentlich viel geschrieben. Von allen seinen Schriften aber sind mir bisher aus der hiesigen Königlichen Bibliothek nur zwei Arbeiten zugänglich gewesen: ein Drama, „Der Siegelring des Salomo", das im Zusammenhang mit anderen jüdischen Dramen demnächst in einer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.