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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-12-29 · Heft 52 (29.12.1916) · p. Seite 615

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 52 (29.12.1916)
Date
1916-12-29
Page
Seite 615 (sequence 3)
Language
German
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615 der Selbständigkeit, dann ist ihnen ein anderes Los nicht beschieden. Also auch hier würden ohne finanzielle Grundlage die schönen Ziele der Hauptstelle nicht erreicht werden können. Unter Nr. 5 schlägt die Hauptstelle unter den Möglichkeiten für einen Berufswechsel auch die mittlere und untere Beamtenlaufbahn vor. Wir fürchten nach den bisherigen Erfahrungen, die auch der gemeinsame Schützengraben und das gemeinsam vergossene Blut für die Ehre des Vaterlandes nicht geändert hat, daß dieser Wunsch der Hauptstelle leider für lange Zeit nichts mehr als ein frommer Wünsch bleiben wird. Es ist wahr, daß unsere höchsten Reichsbeamten vor aller Welt im Reichstage bekannt haben: „Freie Bahn dem Tüchtigen." Sie haben mit schöner, männlicher Entschlossenheit jede antisemitische Gesinnung weit von sich gewiesen, und die sogenannten Kriegsgesellschaften, zu deren Begründung unser Glaubensgenosse Dr. Walter Rathenau die erste Anregung gegeben hat, haben gern und oft die Dienste der praktischen jüdischen Fachleute in Anspruch genommen und die besten Erfahrungen mit ihnen gemacht. Aber haben nicht unsere jüdischen Reichs- und Landtagsabgeordneten Cassel und Haas, die christlichen Mitglieder der Fortschrittlichen Volkspartei Gothein und Haußrnann, der rechtssozialdemokratische Scheidemann schon jetzt noch während des Krieges auf die ungleiche Behandlung der Juden im Militär- und Zivildienst hingewiesen? Hat nicht in dem rückständigen Preußischen Abgeordnetenhaus die konservative Fraktion verhüllt und unvevhüllt die Juden des Kriegswuchers beschuldigt? Diese Fraktion ist aber bis jetzt noch immer die führende in der preußischen Staatsverwaltung; ihre Anhänger sitzen auch überwiegend in den hohen Reichsämtern. Es wird demnach wohl den jüdischen Bewerbern um die Stellung eines mittleren oder unteren Beamten nach wie vor fast unmöglich sein, eine Anstellung zu finden. Ob eine Neuorientierung nach dem Kriege kommen und wie sie aussehen wird, das ist einstweilen im Schoße der Zukunft verborgen. Bis dahin können wir also nicht die mittlere und untere Beamtenlaufbahn den Juden bei einem Berufswechsel empfehlen. Wir halten es für richtiger, das offen zuzugeben, als eine Vogel- Strauß-Politik zu treiben und den Bewerbern falsche Hoffnungen zu machen. Der geplante Vakanzennachweis, die Fingerzeige für die Mitarbeit der Freunde, Merkblätter der Hauptstelle. Flugblätter für die Jugend, alle diese Maßnahmen lassen den praktischen Sinn und das verwaltungstechnische Talent der Führer des Zentralvereins erkennen und werden allgemeine Zustimmung finden. Wir bitten die Gründer der Hauptstellen, unsere Bemerkungen zu ihrem Programm zu prüfen. Sie sind einzig und allein von dem Wunsche diktiert, ihrer außerordentlich bedeutungsvollen und segensreichen Tätigkeit nach Kräften zu dienen und ihr weitere Freunde zu gewinnen. Wenn jemals, so gilt von ihrer Arbeit das Wort: „Sie ist des Schweißes der Edlen wert." Lir Woche. Berlin, den 22. Dezember 19LG. et diese Wochenübersicht wegen der christlichen Feiertage und wegen der dadurch für die Druckerei gebotenen Ruhe schon an dem Tage geschrieben werden muß, an dem die vorige Nummer noch wird ausgegeben, muß sie sehr kurz sein. Sie kann eigentlich nur wenige Tage umfassen. Darum sei nur gesagt, daß die unterdessen bekannt gewordenen Reden des englischen Premierministers auf den Friedensantrag Deutschlands im ganzen und großen völlig ablehnend lauten, daß sie Wiederherstellung und Entschädigung verlangen, ohne freilich diese Forderungen im einzelnen zu präzisieren, und daß sie, wie man aus diesen Worten schließen muß, Deutschland Bedingungen auferlegen, die sich mit seiner Ehre und mit seiner errungenen Machtstellung in keiner Weise vertragen. Wenn der englische Minister und seine Kollegen von einem sicheren endgültigen Siege ihrer Partei sprechen, so stützt sich diese Hoffnung nicht auf die augenblickliche Lage, sondern auf die Zukunft. Sie behaupten, daß ihre gewaltige Uebermacht und die mit der Länge der Zeit immer fühlbarer werdenden Entbehrungen Deutschland niederzwingen müssen. Wir sind freilich anderer Ansicht und leben der Ueberzeugung, daß die Länge der Zeit den wider uns Verbündeten mindestens ebensolche Schwierigkeiten bereiten wird wie uns und daß unsere militärischen Erfolge trotz aller Anstrengungen der Feinde nicht beseitigt werden, vielmehr unser Uebergewicht sich immer deutlicher kundgeben wird. Aber infolge der Ablehnung der gewiß ernst gemeinten deutschen Friedensanträge, die nur von der Verblendung der Feinde als ein Spiel angesehen werden können, besteht nicht die geringste Hoffnung, daß wirkliche Friedensunterhandlungen jetzt beginnen, und der Krieg mit allen seinen Schrecknissen muß weitergehen. Eine kleine Hoffnung zu solchen Friedensunterhandlungen bietet eine Note des Präsidenten Wilson. In ihr wird angeregt, daß baldigst Gelegenheit genommen werde, von den kriegführenden Nationen ihre Ansichten über die Bedingungen zu erfahren, unter denen der Krieg zum Abschluß gebracht werden könne, und über die Vorkehrungen, die gegen das Wiederausbrechen eines ähnlichen Konfliktes Bürgschaften geben sollten. Der Präsident sagt, er sei etwas in Verlegenheit, im gegenwärtigen Augenblick Anregungen zu geben, weil es so scheinen könne, als ob sie durch das kürzliche Anerbieten der Mittelmächte hervorgerufen seien. Tatsächlich stehe seine Anregung jedoch in keiner Weise damit in Verbindung. Präsident Wilson lenkt die Aufmerksamkeit darauf, daß die Ziele, welche die Kriegführenden auf beiden Seiten im Sinne haben, im Grunde genommen dieselben seien, nämlich, die Rechte und Privilegien der schwachen Völker und kleinen Staaten gegen Uebergriffe zu sichern. Jeder wünsche für die Zukunft Sicherheit gegen die Wiederholung eines solchen Krieges. Jeder würde wachsam sein gegen die Bildung gegnerischer Vereinigungen, die eine Unsicherheit im Gleichgewicht der Mächte darstellten, aber jeder sei auch bereit, die Bildung einer Liga der Nationen zu erwägen, die den Frieden sichern würde. Die Vereinigten Staaten seien aufs tiefste an Maßregeln interessiert, die den künftigen Frieden der Welt sichern würden. Wilson regt an, die Ansichten über die Friedensbedingungen zu vergleichen, was den endgültigen Abmachungen für den Frieden der Welt vorangehen müsse. Keine von beiden Seiten habe bisher genaue Ziele angegeben, welche sie selbst itnb ihre Völker befriedigen würden. Der Präsident schlage keinen Frieden vor, sondern sondiere lediglich, damit die Welt erfahre, wie nahe der Frieden sein möge. Wir nehmen Akt von dieser Erklärung, bei der es gleichgültig bleiben mag, ob sie durch das Friedensanerbieten der Zentralmächte hervorgerufen ist oder nicht. Auch wollen wir nur andeuten, daß die Ziele der Kriegführenden doch in Wirklichkeit wesentlich verschiedener sind, als der Präsident annimmt oder anzunehmen scheint. Immerhin ist seine Stimme gewichtig genug, um nicht überhört zu werden und sein Auftreten bedeutsam, weit es zeigt, daß Amerika aufhört an dem Kriege interessiert 31t sein und den Augenblick zur friedlichen Vermittelung gekommen meint. Man möchte so gern glauben, daß sein Schritt von Erfolg begleitet wäre. Aber eine unmittelbare Wirkung kann er rächt haben und so endet auch das Jahr 1916, das die meisten Politiker als Ende jenes ungeheuren Weltkrieges ansehen zu können meinten, inmitten des fürchterlichsten Weltmbrandes, und wir

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