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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-12-29 · Heft 52 (29.12.1916) · p. Seite 614

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 52 (29.12.1916)
Date
1916-12-29
Page
Seite 614 (sequence 2)
Language
German
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zur Weckung und Ausbildung der körperlichen Fähigkeiten ermahnt. Einige Vereine betätigen sich bereits in der von der Hauptstelle gewünschten Richtung. Daneben wünscht sie noch besondere (lokale oder provinzielle) Berufsberatnngsstellen. Da die Hauptstelle selbst auf die Tätigkeit der bereits in dieser Richtung wirkenden Vereine hinweist, beabsichtigt dieser erste Teil ihrer Tätigkeit also nur eine „Gewisiensschärfung" der Vereine und ihrer Leiter, der Erzieher und Lehrer. Damit ist aber auch dieser Zweig ihrer Tätigkeit vollständig erschöpft. Für die Beeinflussung bei der Wahl des erstmöglichen Berufes durch die „vorbereitende Tätigkeit in der Schule", wie sie die Hauptstelle bezeichnet, kommen aber leider die jüdischen Lehrer, Erzieher und Geistliche wenig in Betracht. Denn die jüdischen Schulen gehen ja, wie der Hauptstelle bekannt ist, allmählich ihrem Untergange entgegen. Die wenigen noch bestehenden aber behalten die Schüler höchstens drei oder vier Schuljahre, dann wandern sie nach höheren Schulen ab. Wie soll da der Lehrer bei neun- oder zehnjährigen Kindern die Berufswahl beeinflussen? Es bleiben also nur die von der Hauptstelle gewünschten lokalen oder prozinziellen Berufsberätungsstellen, an welche sich die Eltern nach vollendeter Schulpflicht ihrer Kinder wenden könnten. Solche allgemeinen, interkonfessionellen Berufsberatungsstellen bestehen allerdings schon in beträchtlicher Zahl. Nur können sie für jüdische Kinder aus den in den Leitsätzen mitgeteilten Gründen nicht in Anspruch genommen werden. Darum kann die Forderung der Hauptstelle einstweilen, d. h. solange unsere Gleichberechtigkeit nur auf dem Papier steht, nur durch besondere lokale oder prinzipielle Berufsberätungsstellen für jüdische Kinder erfüllt werden. Für diesen vorbereitenden Zweig ihrer Tätigkeit muß die Hauptstelle demnach eine Dezentralisierung, d. h. eine Gliederung in provinzielle Einrichtungen, anbahnen, welche sich am besten an die bestehenden Synagogenverbände anlehnt. Die provinziellen Beratungsstellen arbeiten nach den Weisungen der Hauptstelle, welche Angebot und Nachfrage regelt, somit schneller und zweckentsprechender ihre Tätigkeit ausübt und ihre Bestrebungen in den weitesten Kreisen bekanntmacht. An dem Sitze eines jeden Synagogenverbandes bzw. in den Vorständen oder Ausschüssen werden sich sicher zwei oder drei Männer finden, welche gern und freudig die Arbeit im Interesse ihrer Glaubensgenossen übernehmen. Diese Dezentralisierung ist aber auch für die zweite Art der Tätigkeit der Hauptstelle zu empfehlen. Der Hauptausschuß will nach seinem Programm auch beim Berufswechsel Mitwirken. Das ist der überaus wichtigere Teil seiner Tätigkeit. Hier unterscheidet die Hauptstelle: Berufswechsel, unabhängig vom Kriege, und Berufswechsel bei Kriegsteilnehmern. Auch hier können wir der Begründung der Hauptstelle für einen Berufswechsel beistimmen, wenn sie sagt, daß ein junger Mensch, der einsieht, daß er in dem von ihm ergriffenen Berufe nicht weiterkommt oder daß er ihn wirklich nicht befriedigt, einen Berufswechsel ' vornehmen muß. Daß ihn in solchen Fällen die Hauptstelle beraten soll, ihn und seine Angehörigen, ist eine schöne, aber auch schwierige Aufgabe, wie die Hauptstelle selbst zugibt, „weil sorgfältig geprüft werden muß, ob dem Wunsche nach einem Berufswechsel bloße Laune, augenblickliche Verstimmung zugrunde liegt, die man beseitigen müßte, oder ob ernste, zu unterstützende Gesichtspunkte vorhanden sind". Sieht die Hauptstelle als solche zu u n terstützende Gesichtspunkte die körperliche und geistige Fähigkeit für die Wahl eines neuen Berufes an und — die nötigen materiellen Mittel, so können wir ihr auch hierin unbedingt beistimmen. Aber weshalb spricht sie das nicht klar und deutlich aus, um die Suchenden von vornherein vor Enttäuschung zu bewahren? Weshalb hat sie überhaupt an keiner einzigen Stelle ihres Programms von den nötigen materiellen Mitteln, von der ziemlich beträchtlichen, finanziellen Grundlage für ihre umfassenden schönen Ausgaben gesprochen? Als sie seinerzeit die sogenannte Jnnenkolonisation vorbereitete, sorgte sie doch zunächst für die Finanzierung, soweit es ihr möglich war. Die hervorragenden Männer des Judentums, die Unterzeichner des Aufrufes, der, wie bemerkt, uns nicht Vorgelegen hat, sind ja, wie die Hauptstelle sagt, „aus allen Zweigen und Rangstufen der Beamtenschaft, vom Präsidenten bis zum Kanzleibeamten". Sollte diesen mitten im Leben stehenden einsichtigen Männern nicht die Erkenntnis gekommen sein, daß zur Ausführung dieser hohen Ziele Geld und wieder Geld gehört? Oder will die Hauptstelle den Suchenden wirklich nichts weiter als einen guten Rat geben, sie also nur, wie der Dichter sagt, ins Leben hineinstürzen, sie dann aber ihrer Pein überlasien? — Eine solche Kurzsichtigkeit trauen wir den bewährten Führern des Zentralvereins nicht zu, dazu wäre eine so große umfassende Organisation nicht nötig. Der Zentralverein hat also die Pflicht — will er in weitesten Kreisen Mitarbeiter und Anhänger für die Berufsberatung werben — mitzuteilen, ob er für seine Pläne finanzieller Mittel nicht bedarf, im anderen Falle, wie er die Mittel dafür beschaffen will. Der Berufswechsel wird auch bei den Kriegsteilnehmern, den beschädigten und nichtbeschädigten, oft notwendig sein, wie die Hauptstelle nachweist. Die Begründung für diese Notwendigkeit ist dem Gesetzentwurf für Gründung von Kriegerheimstätten, die eine Ansiedlung von Kbiegsinvaliden anstreben, entnommen, worauf die Hauptstelle auch hinweist. Es ist sehr richtig, daß die Hauptstelle hier ausdrücklich sich dagegen verwahrt, in Konkurrenz mit der allgemeinen Kriegsteilnehmerfürsorge zu treten. Die Generalkommandos der einzelnen Provinzen würden eine solche Konkurrenz nach den geltenden Kriegsbestimmungen auch nicht dulden. Die Hauptstelle tut aber noch ein übriges, wenn sie den dringenden Wunsch ausspricht, daß jüdische Männer und Frauen in der Kriegsfürsorge wie bisher tatkräftig Mitwirken: nur dann steht zu hoffen, daß auch der zweite dringende Wunsch der Hauptstelle, daß nämlich jüdische Kriegsteilnehmer auch der allgemeinen Fürsorge ebenso teilhaftig werden wie die anderen, erfüllt wird. Ist das aber der Fall, wozu, fragen wir, ist dann eine besondere Tätigkeit der Hauptstelle für die Ansiedlung jüdischer Kriegsteilnehmer und für die Gründung von Kriegerheimstätten für jüdische Krieger notwendig? Würde das nicht wieder zu einer Verzettelung der notwendigen Mittel für diese Zwecke und außerdem zu einer doppelten Belastung an Zeit und Arbeit für die in der allgemeinen Kriegsfürsorge bereits jetzt in großer Zahl tätigen jüdischen Männer und Frauen führen? Was könnte überhaupt bei einer so schwachen finanziellen Grundlage für diese Kriegerheimstätten und für die Ansiedlung jüdischer Kriegsteilnehmer geleistet werden? Die Möglichkeiten neuer Berufe, welche die Hauptstelle neben der Ansiedlung und damit der Zuführung zum Ackerbau und zur Bodenkultur in Aussicht nimmt, sind bis auf eins sehr praktisch gewählt und wohl geeignet, sowohl die wirtschaftlichen Verhältnisse unseres Vaterlandes als auch der der Juden zu bessern. Die Hauptstelle schlägt vor: Koloniale Tätigkeit auswärtiger Handelsniederlassungen in den Kolonien oder im Orient, der jetzt größere Bedeutung gewinnt, Handwerk, gehobene Hausindustrie und — die mittlere und untere Beamtenlaufbahn. Sollen aber die Juden in all diesen Berufen stets nur Angestellte, Gehilfen und Arbeiter bleiben? Für dieses Ziel allein wäre doch ein Berufswechsel und die umfassende Arbeit so vieler hervorragender Männer in der Hauptstelle und unter ihren Freunden zu kostbar! Fehlen unseren Fürsorgebefohlenen aber die Mittel zur Gründung

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