Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 52 (29.12.1916)
- Date
- 1916-12-29
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 29. Dezember 1916 80. Jahrgang Nr. 52 eitung des Judentums. Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnements-pr e'is; durch den Buchhandel oder die Post (in Berit« unv Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. - Postscheckkonto 32*. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Phittppson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße *6 zu richten. Verlag von Rudolf rNosfe, Berlin. sinken* Die Hauptstelle für Berufsberatung der Juden. Von 1)111)1411* Hermann Becker. — Die Woche. — Neue Werte von Jacob Pleßner. Von L. G. — Miszellen. — Feuilleton: Der Davidssteru. Von Doris Wittner. — Pro domo! Von Clemeus Berg. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlaus. Der Gerneindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Posen, Breslau, Dessau, Hamburg, Bad Kissiugen, Magdeburg, Neu-Isenburg, Mainz, New Aork. — Von Nah und Fern. Dir hauptlttHe kür Leruksbrratung drr Juden. Von H e r in nun B e cf e r. er Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der besonders für die Rechtsstellung des deutschen Judentums seit Jahren so segensreich gewirkt hat und selbst heute -- allerdings unter dem seine Tätigkeit einschränkenden Burgfrieden unentwegt auf der Wacht steht, wo es gilt, Angriffe auf das Judentum und feine Bekenner mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln kräftig zurückzuweisen, hat schon vor dem Kriege den wirtschaftlichen Nöten der Inden seine Fürsorge zugewendet. Er hat durch seine ständige Rubrik „Wirtschaftliche Angelegenheiten" in seiner Zeitschrift „Im Deutschen Reich", durch seine statistische Zentralstelle für wirtschaftliche Angelegenheiten, durch Vorarbeiten für die sogenannte jüdische Jnnenkolonisation, welche die Abwanderung in die Großstädte und damit den Untergang der jüdischen kleinen Gemeinden verhindern sowie dem erschreckenden Rückgang der jüdischen Bevölkerung in Deutschland Vorbeugen wollte, das regste Interesse für eine soziale Judenpolitik bekundet. Gerade dieser Teil seiner Sozialpolitik hatte kurz vor dem Kriege die besten Aussichten, von Erfolg gekrönt zu werden; es waren alle Schritte sorsältig vorbereitet, die ein Gelingen verhießen. Der Schreiber dieser Zeilen hatte die Ehre, in Wort und Schrift zll den Mitarbeitern dieser großzügig gedachten Sozialpolitik zll gehören. Wenn persönliche Bekenntnisse in einer öffentlichen Kundgebung gestattet sind, dann muß ich gestehen: Ich war ein wenig überrascht, daß bei diesem neuen, wiederum so großzügig gedachten Unternehmen, das anscheinend nur in anderer Form diese Bestrebungen vor dem Kriege anfnimmt, mir weder ein Aufruf zur Mitarbeit zugegangen noch auch meines Wissens der Verband der jüdischen Lehrervereine, an dessen Mitglieder sich die Hauptstelle besonders wendet, zur Teilnahme aufgefvrdert worden ist. Das soll mich indes nicht abhalten, der Hanptstelle und damit dem deiltschen Jildentnm - wenn auch nicht offiziell in nachstehenden Bemerkungen nach Kräftell zu dienen. In Nr. 9/10 September/Oktober 1916 der Zeitschrift „Im Deutschen Reich" veröffentlicht der Zentralverein ein Programm dieser „Hanptstelle für die Berufsberatling der Inden", das wir unseren Ausführungen zugrunde legen. Es ist, soviel ich weiß, bisher in keiner jüdischen Zeitschrift erörtert worden, und so können wir für diese bedeutungsvolle Kundgebung des Zentralvereins auch die weiteste Oeffentlichkeit interessieren lrnd für ihre Bestrebungen Mitarbeiter finden. Die Notwendigkeit dergeplänten Organisation, wie sie dort historisch lind sozialpolitisch begründet wird, unterliegt wohl bei allen unseven Glaubensgenossen, die für die Zukunft des deutschen Jlidentnms, ohne Unterschied des religiösen Parteistandpunktes, ein warmes Herz haben, keinem Zweifel. Deckt sich doch diese Begründung völlig mit denjenigen der oben bezeichneten, vor dem Kriege in Angriff genornmenen Bestrebungen, die seinerzeit in Wort und Schrift in weiten Kreisen veröffentlicht wurden und dllrch besondere Vorträge in allen Gauen Deutschlands Mitarbeiter und Interessenten gewinnen sollten. Tie Begründung läßt sich kurz in fvlgelide Leitsätze Zusammen fassen: 1. Die Juden haben sich bis jetzt teils alis verfassungsrechtlichen Bedenken, teils infolge ihres Bildungsdranges nur Sonderberusen zugewendet, dem Handel, den akademischen Berufen und zum geringen Teil dem Handwerk, fast gar nicht dem Ackerbau, der Beamtenlaufbahn und der Jndnstriearbeit in Kleinbetrieben. 2. Nach den großen Opfern, die der gegenwärtige Weltkrieg von uns forderte, muß Deutschland Menschenökonomie treiben, d. h. es muß jeden Staatsbürger an den Platz stellen, an dem seine Kraft am besten für den einzelnen und zugleich für die Gesamtheit verwertet werden kann. Es ist Pflicht der deutschen Juden, an dieser wichtigen Aufgabe der Volkswirtschaft mitznarbeiteu. 6. Eine teilweise Abwanderung der jüdischen Bevölkerung ans den Großstädten, wo sie der deutschen Volkswirtschaft, zunächst aber ihren Glaubensgenossen, nicht zum Segen, sondern zur Last fallen, ist darum die Forderung des Tages. 4. Daraus folgt, daß die Juden wiederum der altjüdischen Betätigung des Ackerbaues zugesührt werden, ihnen das Handwerk erschlossen wird, der Andrang zu einzelnen Berufen schwindet und ihre Verteilung ans die körperlich arbeirenden Berufe in Stadt und Land planmäßig organisiert wird. Diese Forderung des Tages Null die Hauptstelle für die Berufsberatung der Inden erfüllen. Sie weist auf eine von ihr herausgegebene Denkschrift hin, die mir leider nicht zugegangeu ist. Sie teilt aber in der obengenannten Veröffentlichung „Im Deutschen Reich" ihr Programm für ihre Tätigkeit mit und nur halten uns bei den nachfolgenden Erörterungen an diese Mitteilungen. Demnach soll ihre Tätigkeit sich gliedern: 1. In eine Beeinflussung der Wahl des ursprünglichen Berufes. 2. In eine Mitwirkung beim Berufswechsel. Für die erste Art ihrer Tätigkeit nimmt sie Lehrer, Erzieher, Erziehungsanstalten, Vereine und Jugendheime in Anspruch, welche sie besonders