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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1922-04-12 · Heft 8 (12.4.1922) · p. Seite 96

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
86 (1922)
Issue
Heft 8 (12.4.1922)
Date
1922-04-12
Page
Seite 96 (sequence 12)
Language
German
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Ohnmächtige Wut erfaßte sein Hirn, und alS er daran dachte, daß cs ja einzig und allein die treue Freundschaft für ihn. Cajus. gewesen, die sein Verderben wurde —er kannte das Vergehen, dessen der Freund beschuldigt wurde — und er wußte es — TiberiuS kalte Grausamkeit würde ein solches Verbrechen gegen seine geheiligte Majestät mit den härtesten strafen ahnden. » In seinem jeder weicheren Regung unfähigen Gemüte trat jedoch das Mitleid mit dem Freunde, der für ihn litt, weit zurück hinter den wilden, gärenden Groll gegen den Kaiser, der mit zäher Greisenhaftigkeit sich an das Leben klammerte und der doch'schon längst für den Tod reif war! Ach. warum hatte er gezaudert in jener Nacht, wo er in das Gemach des Tiberius geschlichen, um den Lebensfaden des widerlichen Alten zu zerreißen; weshalb hatte, als er vor dem Lager stand, auf dem dieser menschliche Dämon ruhte, seine Hand nicht, den tödlichen Streich gewagt. Wahrlich, nur allzu hart wurde er bestraft für seine unerklärliche Scheu vor der Mordtat. Machtlos mußte er jetzt Zeuge des harten Loses fein,, das den . Freund betroffen. Ja. es war ihm sogar verwehrt, in Anwesenheit des Kaisers des Unglücklichen zu erwähnen; zähneknirschend vor Wut mußte er dem Geschicke freien Lauf lassen, das sich drohend über dem Haupte des Eingekerkerten erhob. Der Kaiser blieb unerbittlich. Zornflammend wies er jede Fürsprache ab, von welch einflußreicher, ihm nahestehender Seite diese auch gewagt wurde. Ja. selbst die edle Antonia, sie. die ihrer hohen Tugenden wegen vom Kaiser stets geschätzt wurde, flehte vergebens; auch ihre Bitte um Gnade für den Verurteilten blieb erfolglos. . Bloß «ine ',EÄHHtex»ytg was Die hvhk Frau erlangen ÄlmtchstiefMMiklieidmitdem Sohn ihrer geliebten Freundin, der edlen Bcrenica. erfaßte ihr Herz bei dem Gedanken, welches Geschick seiner harre . . . Wochenlang währte nun seine Hast. waS mußte der in üppigem Wolleben erzogene, verwöhnte Jüngling leiden! Wie peinlich mußte für ihn. den an vornehmste Geselligkeit Gewohnten. der Umgang mit rohen Wächtern, mit den niedrigster Vergehen angeklagten Mitgefangenen werden! Wahrlich, die Lage des jungen Agrippa war eine trostlose. Allein, angeschnitten von allem Verkehr mit Gleichgestellten. all dessen beraubt, was ihm sonst in den Tagen der Freiheit das Dasein verschönte, preisgegeben der rohen Willkür der Gefängniswächter. gepeinigt von selbstquälerischen Gedanken, der nächsten Stunde entgegenbangend, die ihm den schimpflichsten Tod bringen konnte, verlebte der junge Königssproß aus Judäa eine Zeit «bitterer Seelenpein. Zuweilen zog jedoch in sein Herz ein leiser Schimmer froherwachter Hoffnung ein. allein gar zu bald fand er sich wieder in die rauhe Wirklichkeit versetzt; wenn aber sein Geist über Raum und Zeit/hinweg in ferne Vergangenheit schweifte. dann wurde die dunkle Zelle zum leuchtenden Palaste — vor sein inneres Auge trat in verklärendem Glänze das Bild feiner glücklichen Jugendzeit — da nahten feinem Lager die teueren Schatten. die Gestalt der treuen Mutter schien ihm nähe — in wirrem Reigen zogen dann an seinem Geiste Bilder einer frohen Vergangenheit vorbei — er sah sich wieder daheim, umgeben von liebender Sorgfalt, sah sich im GotteShause. voll heiliger Scheu erhob er daS kindliche Äuge zu dem Altar empor, lauschte atemlos dem Gebete des Hohenpriesters, und ein Leuchten ging äuS von jenem Orte, von jener durch Zeit und Ewigkeit geheiligten Stätte. daS ein Schimmer jenes Glanzes noch in der Erinnerung daS Düster seiner Zelle zu erhellen schien. Dann «umfing feine Sinne der holde Zauber, kein -Ohr berauschte sich an den Worten Gottes, sein Auge weidete sich an dem Glanze, der da auSging von der heiligen Stätte und sich fortpflanzte weit über die Lande, bis an die GrenM der Welt, der auch seine Seele erhellte und sie aufrüttelte au» dumpfem Banne. Bon jenem Tage, an dem er sein Heimatland verlassen, wo er in die verderbte, zuchtlose Stadt eingezogen, seit er teilgenommen an all den schwelgerischen Gelagen und tollen Lustbarkeiten, war es wie ein Rausch über ihn gekommen; angewidert von dem wüsten Treiben seiner Gefährten, hatte er anfangs sich frei zu machen versucht, allein nur zu bald war jedes Bedenken geschwunden. Die engen Freundschaftsbande, die ihn an Cajus. des GermanicnS Sohn, knüpften, die Rei- ' gung zu Julia, all dies hatte ihn in einem Zauberhann fl?* fangen gehalten, der ihn seiner Religion vergessen ließ. —. Wie im wirren- Traum erschien ihm setzt jene gottlose Zeitb und je mehr er an sie dachte, um so häßlicher und widerlichererschien sie seinem Geiste. Ein Erkennen ging durch seine Seele, daß er gosehlt. daß er sich in jugendlichem Unverstand schwer vergangen, gegen göttliches und menschliches Gesetz gefrevelt hatte. Heiß wallte es'auf in seinem Herzen, wenn er der Zeit gedachte, wo er feinem Gotte so fern war. wo ein böser Geist seine Seele «umklammerte. er sich seinem Volke, seinem reinen Glauben so entfremden konnte. Wie konnte er seine» hohen Namen». de8 gesegneten Andenkens feiner ruhmreichen Vorfahren der Makkabäer vergessen. der Pflichten nicht gedenken, die er seinen GlaubenSbrüdern, feinem Volke zu erfüllen hatte? Fürwahr ein böser Dämon hatte ihn geblendet, und jetzt, wo er sehend geworden, wo mit erschreckender Klarheit das Bild seiner verlorenen^Jugend oov seine Scele irat —- jetzt, wo er zu seinem Gotte gefunden hatte — jetzt war er in Ketten! Ein dumpfer Wchlaut entrang sich seiner Stuft, dann sank er stöhnend auf sein Lager hin. Wirre, chaotische Gedanken durcbschwirrten sein Hirn. ' Oh. daß es zu spät war! Daß die Stunde, wo er sich wiederstunden, bald seine Todesstunde sein mußte! Ein Grauen faßte ihn an vor diesem Ende, das ihn umschlich. daS mit . grausiger Eile nahte, dessen ertötender Hauch schon seine Stirne streifte — kalter Schauer ergriff sein ^erz. wenn er an die Qualen dachte, die TiberiuS mit unmenschlicher Wollust den Verurteilten bereitete — der Tod allein dünkte dem Tiger zu milde Strafe. War eS ja bekannt, wie zahlreiche Beschuldigte. ja selbst Senätoren während der SenatSfitzung heimlich - Gift nahmen, um den gräßlichen Martern zu entgehen. Me die zügellose Phantasie de» wahnwitzigen Tyrannen ersann. Sicher, auch seiner harrten gräßliche Leiden. War rS nicht genug des Frevels, ihn. de« Sprossen eines ruhmreichen Geschlechtes. den Nachkommen von Königen in Fesseln zu legen? Auf die Aussagen eines niedrigen Sllaven hin. hatte Tiberius ihn feiner Freiheit beraubt, was hinderte ihn nun. sein Werk zu vollenden, ihn dem Untergange zu weihen? Hatte Tiberius in feinem «blutigen Haffe jemals vor etwas zurückgeschreckt? Gab e8 für dieses blutgierige Raubtier -ein Hemmnis?—Rein, er wußte eS: Tiberius würde, um feine verletzte Majestät zu rächen, auch deS königlichen BlnteS nicht schonen. daS in semen Adern kreiste. Ihm bangte nicht vor dem Tode, ein mutiges Sterben, im Angesicht des feindlichen HeereS. an der Spitze kühner Krieger das Vaterland verteidigend« ein solcher Tod wäre ihm als das Höchste erschienen. - - ' Wie ganz anders sollte sich nur? sein Geschick erfüllen! Ein Schauer rüttelte seine Glieder, seine Gedanken verwirrten sich — er sah sich in der Aren», vor seinen Augen

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