Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 86 (1922)
- Issue
- Heft 8 (12.4.1922)
- Date
- 1922-04-12
- Page
- Seite 89 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Redner waren Gehe im rat Schultz (Bromberg). Generalsekretär Otto. Admiral Brünnrnghaus. Generalsekretär Knoll und die Reichs* tagsabgcordncten Heile und Tr. Fleischer. Alle Reden klangen i»k einem scharfen Protest gegen die Entscheidung der interalliierten Grenzfcftsetzungskommission aus. die eine gröbliche Verletzung dcL Fr edensvcrtrages von Versailles sei. Mit dem Selbstbestimmungsrecht der Nationen sei das nicht in Einklang zu bringen. Wir haben es hier mit der Fortsetzung des Krieges in scheinbar friedlicher Form zu dun. Tie Aussührungen der Redner fanden lauten Beifall. Eine Entschließung. die gegen den neuen Bruch des Friedensvertrages protestiert. das Verbleiben der den Polen zugesprochenen Weichseldörfer bei Deutschland und die Auflzebung des vertragswidrigen Beschlusses der Grenzfestsetzungskonnnisfion verlangt, wurde angenommen. Mrt stürmischen Hochrufen aus Ost- und Westpreußcn schloß -die Demonstration. Im Anschluß an die Kundgebung versuchten nationalistische Elemente durch eine Inder hetze die Massen aufzuputschen. Tn« Re» gierung wurde beschimpft und die ungeheure Preissteigerung in den letzten Wochen als Werk der Juden hingestelll. Auf die vielfachen Zwisclzenrufe. warum denn die Agrarier ihr Getreide zu Wucherpreisen an Juden verkaufen, antworteten sie einfach: ..Na. würden 3:c das Geld nicht nehmen, wenn es Ihnen die Juden bieten?" Es war daher kein Wunder, wenn die Reden dieser Leute nur wenig Anüang fanden. * Xic Aichler von Glogau. Vor längerer;>e:t berichtete der „Vorwärts" über eine unglaubliche deutschvvltische Roheit: Ter Hauslehrer Th. Knobel führte bei einem Ausflug den Guhrauer „Jungsturm" am jüdischen Friedhof vorbei. Er lies; die Jungen haltmachen und fragte sie. was das sei. Auf die Antwort „der Judenkirchhof" kommandierte er: „spuckt alle dreimal aus!" Nachdem das Kommando prompt von den völkischen Helten befolgt war. wurde der Marsch fortgesetzt. Tie S.:che Hane nun ein gerichtliches Nachspiel. Auf Antrag der Lyuagogengeuieiude Guhrau erhob die Glogauer Staatsamvaltschafl Anklage tvegen Beschimpfung einer Religionsgemeinschaft. Tie Ltraskammer jedcch sprach Knobel frei. Zur Begründung des Frei- 'pruct^ wurde aus.zcsuhrr. dem edlen Jugendführcr seien ganz zufällig beim Anblick des Friedhofs frül>ere. von Juden empfangene Beleidigungen ciugcZöllen und er habe daraufhin aus'pucken lassen, ohne überhaupt au die Beschaffenheit dcs Ortes zu denken, aber selbst wenn er daran gedacht hätte, hätte das nicht viel ausgemacht: denn wenn auch der Friedhof — was nicht ganz sicher ist — als ..Einrichtung" der jr.di'chcn Religionsgemeinschaft anzusprechen wäre, so galt das Ausfpucken ja nicht die'er religiösen Gemeinschaft, sondern der jüdt'chen Raste, die mit der Religionsgemeinschaft keineswegs identisch ist. (:!» Irr einer großen Versammlung in Stuttgart sprach der ehemalige Armeekommandant General v. Deimling über die Lehren des Krieges und wandte sich dabei gegen die erneute Haßpropaganda und allch gegen die Judcnhetze. Auf mehrere antisemitische Zwischenrufe fertigte er mit großer Schärfe die übliche antisemitische Argumentation ab und erklärte auch die Beschuldigungen der jüdischen Soldaten als freche Verleumdung. In seinem Armeekorps hätte eine große Zahl jüdischer Soldaten und Offiziere gedient und mindestens ebenso ihre Pflicht getan wie ihre Kameraden. * Krsrrkreich und Palästina. l. Erklärungen Millerands. Anläßlich der Lrientkonserenz empfing Millerand den Präsidenten der Zionistischen Organisation. Profesior Weizmann. der sich in Begleitung des franzönfäien Zionisten Tr. Bernard befand. Millerand erklärte von neuem, daß die französische Regierung der Errichtung eines jüdischen N a r i o n a t h e i m s sympathisch gegen über stehe. Auf eine entsprechende Frage Millerands erwiderte Weizmann. die Zionisten hätten keinen anderen Wunsch, als die Regelung des , Schutze»-er hr-ligenSl»tt«a ön, Mächtn»zu überlasten. Die Zionist»» würbe» mit ollen chrcn Kräfte» zu eine, günstigen Lösung beitragen. Im weiteren Verlauf der Unterredung äutzerte Milleranb. baß er die Beteiligung drr französischen Inden am Lus» bau Palästinas begrüßen werde. 2. Stellungnahme Poinearäs. Pvincarä empfing Professor Weizmann. um chm bk* Versicherung zu geben, daß die französische Regierung der Ratifizierung des Paläst ^Mandats mit wohlwollendem Interesse gegerrüberstehe. Während der Unterredung fand Weizmann Gelegenheit. PoincarS über den gegenwärtigen Stand der Zionistischen Bewegung z:r berichten. O '__ Pole». Obwohl die Militärkommissiou auch in dritter Lesung den Deschluß gefaßt hatte, daß nur Staatsbürger polnischer Nationalität in Polen Offiziere werden können, bat der Abgeordnete Anusz den Antrag des Abgeordneten Hartglas sich zu eigen gemacht, wohl wiflend, daß ein von Juden stammender Antrag kaum Aussicht habe.! im Sejm durchzudringen, und erklärt, daß er nach De-stündigung 1 mit der Mehrheit des Sejmktubs eine redaktionelle Aende^ung vorschlage, in der Weise, daß Offizier jeder unbefäzoltene Bürger des polnischen Staates werden könne, der den gesetzlichen Vorbedingungen entspricht und dessen Patriotismus keinem Zweifel unterliege. Tiefer Antrag wurde nach erteilter Zustimmung des Kriegsministers Sosntowski vom Sejm angenommen. In letzter Zeit sind mehrere jüdische politische Flüchtlinge aus Sowjetrußland und der Ukraine in Polen eingetroffen, darunter auch eine ansehnliche Anzahl von Zionisten, die in Polen Asyl recht beanspruchen. Ter ZüdiftL)e Nationalrat hat bei der Regierung interveniert, um diese zur Anerkennung jener von politischen Organisationen in Polen ausgestellten Tokrrmente zu bewegen, die den Nachweis erbringen, daß die Leute tatsächlich vor politischen Verfolgungen geflüchtet sind. J. P. Z. * R«kla«v. Ter Vertreter desJ. 9t. R. für Litauen. Makowski. der in Angelegenheit der Heimkehrerrransporte längere Zeit in Sowjetrußland weilte, berichtet in der „Rigaer Jüdischen Zeitung" unter anderem, daß dank der neuen Wirtschaftspolitik in Rußland, den dortigen Juden neue Erwerbsmöglichkeiten geboten werden. Tie Lage der Juden beginne sich allmählich zu bessern. Schlimm dagegen stehe i cs um die jüdische Intelligenz. Ter kulturelle Kampf, vor allem; gegen die Chedarim und religiösen Anstalten, dauere fort. Auf dem * Gebiete der Hilssarbeit werde ziemlich viel geleistet und mache die Regierung den jüdischen Hilfsorganisationen keine Schwierig keiten. J. P. Z. Amerika. I Der Leiter der Sammeltampagne des I. D. C.. David Brown.! hat die Mitteilung gemacht, daß die verlangten l4 Millionen Dollar! bereits aufgebracht sind. Man hofft, bis Ende März, wo die Kam pagne im ganzen Lande abgeschlossen wird, die Beiträge auf zirka 17 Millionen zu bringen. Auch in New Dort ist die kontingentierte Summe beinahe erreicht: der noch fehlende Betrag dürfte in den einigen noch zur Verfügung stehenden Tagen aufgebracht werde,:. * Man kann bereits jetzt in New Jork auf über 50 000 Einzelzahler Hinweisen, gegen bloß 20000 im Jahre 1020. Trotzdem wird von manchen Seiten, so der Jewish Preß Association, behauptet, daß die Joint-Kampagne denn doch nicht allen Erwartungen entsprochen habe. Tie Bareingänge seien gering und der Hauptteil der Gelder bloß in Zeichnungen, allerdings Einzelzeichnrrngen. aufgebracht, auf deren ' Einlösung nicht mit Sicherheit gerechnet werden könne. Im Interesse der notleidenden Judenhcit ist zu hoffen, daß diese pessimistischen < Stimmen nicht Recht behalten, und daß die Zeichner die über» j nommenen Verpflichtungen wirklich ganz erfüllen und dem I. T. (£. i genügende Gelder zur Verfügung stellen, damit dicker seine so 'egensreickze Tätigkeit unbeengt fortsetzcn kann. J. P. Z.