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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1922-03-31 · Heft 7 (31.3.1922) · p. Seite 81

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
86 (1922)
Issue
Heft 7 (31.3.1922)
Date
1922-03-31
Page
Seite 81 (sequence 11)
Language
German
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81 das stille Schwarzwalddors me zuvor gesehen und niemals wieder sehen wird. Staatsmänner. Gelehrte. Schriftsteller. Künstler und Scharen von Bauern aus der Umgegend lauschten andächtig der wundewollen Gedenkrede'), die Dr. Mchael Silberstern, damals Rabbiner in Mühringen'). dem großen Toten widmete, in der er diesen als gottbegnadeten Dichter, als begeisterten deutschen Juden, als gütigen Menschen pries, ihm den Tank der Tausende und aber Tausende gab, die sich je an seinen Werken erquickt und erhoben, und betonte, daß Berthold Auerbach uns nicht gestorben, daß er uns in seinen Schriften ein kostbares unveräußerliches Erbe hinterlassen. das fortleben wird bis in die fernsten Zeiten! Möchte die deutsche Nation, insbesondere die deutsche Judenheit, sich ihrer Ehrenpflicht bewußt werden, Berthold Auerbachs Werke, namentlich seine Briefe an Jakob Auerbach zu neuem Leben zu erwecken und diese unserer jüngeren Generation zugänKich zu machen. Ter Eottaschen Devlagsanstalt gebührt das hohe Verdienst, eine Volksausgabe von Berthold Auerbachs Werken veranstaltet zu haben. Möchte diese die wohlverdiente Verbreitung bei den deutschen Juden finden! Eine Neuauflage der Briefe an Jakob Auerbach wird seit Jahrzehnten heiß ersehnt. Briefe bedeutender Männer haben immer einen hohen Reiz für die Nachwelt: solchen Reiz werden fraglos in mehr als gewöhnlicher Weile die Briefe Berthold Auerbachs an seinen freund ausüben und das Goethe-Wort von dem unvergleichlichen Wert hinterlasiener Briefe .wird hierdurch erneuert volle Bestätigung finden. Wie ein Leitmotiv tönt es durch das Leben der alten Frau: ..Schafft euch Erinnerungen!" Am 2."». Februar 18ß5 war ich — damals ein sechzehnjähriges Mädchen — stolz un‘> glücklich, im Saale der Singakademie in Berlin, in Anwesenheit der geistigen Elite der preußischen Hauptstadt, an der Spitze der Hof. einem Vortrage Berthold Auerbachs, denen Schöpfungen ich schon damals verschlang, übec den ..Landprediaer von Wakofield" zu lausckjen. Schon damals erfüllte mich ein frohes Hochgefühl: da stand ein deutscher Jude vor einer geistig erlauchten Versammlung, die atemlos und begeistert den glänzenden Ausführungen des gefeierten Lieblings der Berliner Gesellschaft lauschte. Ter Eindruck ist mir noch heute gegenwärtig! Berthold Auerbach ist bis zu feinem Ende auch mein Liebling geblieben und ich habe seinen Heimgang tief betrauert, ihm «bis urr Stunde ein unvergeßliches dankbares Andenken bewahrt'/) . In meiner Mappe „Liebe Erinnerungen" ruht ein vergilbtes Blatt, das die Jahreszahl 1882 und die mich hochehrende Widmung ..In aufrichtiger Verehrung" trägt. Es ift dies die Gedenkrede, 'die mein hochverehrter verewigter Freund Rabbiner Tr. Silberstein (Wiesbaden) einst am Grabe Berthold Auerbachs hielt, eines der wertvollsten idealen Besitztümer meines bescheidenen Hauses. Und neben diesem vergilbten Blatte birgt die Mappe die beiden Gedenkreden, die Rabbiner Tr. Koder 191N seinem Amtsvorgänger in Wiesbaden und dessen Gattin gewidmet hat. In Dankbarkeit und Wehmut gedenke ich oft und gern des edlen Paares! „Schafft euch Erinnerungen!" Breslau. . Regina Reißer. *) Preuß L Zünger, Breslau 1**2. a) später in Wiesbaden. 4) An der Wende des Jahres ts*<0/8l hielt Berthold Auerbach einen Bortrag in Breslau: ich roar jedoch damals in tiefster Trauer um meinen einzigen frühvol.'endeten Bruder und nicht aufnahmefähig. Labdi Mkir Schiff. Bon Rabbiner Dr. I. Günzig (Antwerpen) («chlub.) n diesem Kommentar, feiftcm vielbewunderten Hauptwerke. mcfft Schiff eine große Aehnlichkeit' mit zwei älteren Zeitgenossen, den talmudischen Koryphäen R. Salomo b. Jechiel Lurja aus Lublin (starb um 1573) und R. Samuel Etieser Halevi Edels.VVNNvl »ms Ostrog (starb 1631) am. indem . sich alle drei streng an das Gegebene und Vorliegende halten, selten Fremdes und Fernes herbeizichen und in weite Diskuffionen sich nicht eintaffen; doch ragt unser Schiff über jene durch noch größeren Scharfsinn, blitzschnellen Geist und hellleuchtenden Verstand hewor, während jene mit mehr Ruhe. Klarheit und Deutlichkeit ihre Gedanken ausführlich wiedergeben. Gewohnt, überall selbständig und mit eigenen Augen zu sehen, kannte er keine voreingenommene Ehrfurcht vor noch so hoch stehenden Autoritäten. Ja. es erschien ihm nahezu als ein Verbrechen gegen die Majestät der freien Forschung, wenn er sah, wie die meisten Gelehrten sich willig und widerspruchslos dem fremden Urteil unterwarfen. T»r Verzicht auf die eigene rmbefangene Prüfung der Luellen war nach seiner Ueberzeugurig der erste verhängnisvolle Schritt zum Verfalle des religiösen Lebens. Schiff war ein ausgeprägter Charakter mit aller Herbheit und Eckigkeit eines solchen.. Er suchte Wahrheit, und daher' war ihm die Spielerei der nur auf Witz ausgehenden, von Jakob Pollak und Samuel Edels angeregten pilpulistischen Lehrweise widerwärtig. Nicht selten geißelt er in heftigen Worten seine Zeitgenossen, die durch ihre Befchäftigunig mit profanen Dingen Zeit und Kraft vergeuden, und in demselben herben Tone verurteilt er die populistischen Tändeleien, welchen die Gelehrten seiner Zeit in überwiegender Mehrzahl zugetan waren, und bezeichnete sie als eitle und nichtige Wortspielerei. der jeder besonnene und ernste Talmudforscher aus dem Wege gehen müsse. Schiff war in der Tat ein Feind aller Sophist'k und wich jeder kniffigen Lehrweise und der damit verbundenen Wahrheits- und Rechtsverdrehung grundsätzlich aus. Seine Erklärungen lind Erläuterungen zeichnen sich überall nicht nur durch tiefe Gründlichkeit. durch Tiefe und Schärfe der Auffassung sondern auch durch das Bestreben aus. die talmudische Diskussion zu läutern und zu sichten, um daraus die religiöse Praris festzustellen. Tiefe Vorzüge machten darum feine ..Chidmchim" unter allen Erzengnisien dieser Literatnrgattung schnell zum beliebtesten Handbuch beim Talmudunterricht und erhielt, n ihnen diese Beliebtheit bis auf die Gegenwart. In Fulda bekleidete Schiff das Rabbinat zwei Jahrzehnte lang, doch scheint er sich vorübergehend auch einige Zeit in Schmalkalden, das unweit Fulda liebst, aufgehalten zu haben, da er den dritten Abschnitt des Traktates Ehullin mit den Worten abschtießt: pbp^EC:: Seine Wirksamkeit war von segensreichem Erfolge gekrönt. Sein Ansehen stieg von Tag zu Tag und fast die ganze Judenheit in und außerhalb Deutschlands blickte mit göttlicher Verehrung zu ihm empor. Schiff stand damals auf der Höhe seiner Wirksamkeit Seine Autorität war damals so groß, daß viele Gemeinden, die sich über Unbilden zu beklagen hatten, sich an ihn wendeten, in der Gewißheit. von ihm Abhilfe ihrer Beschwerden zu erlangen. Schiff regelte und ordnete alle ihm zur Entscl>eidung vorgelegten Schwierigkeiten mit tiefem Verständnis und in musterhafter Weise. Er verhinderte tiefgehende Zwistigkeiten, wehrte Ungerechtigkeiten ab und bestrafte sie. hielt den Gemeinsinn wach, lenkte ihn auf die Gesamtheit und arbeitete solchergestalt der Engherzigkeit und Selbstsucht entgegen, die damals so sehr unter den eingewanderten Juden aus Polen herrschten. Seine Entscheidungen rvaren bindend. Er setzte

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