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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1922-03-31 · Heft 7 (31.3.1922) · p. Seite 80

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
86 (1922)
Issue
Heft 7 (31.3.1922)
Date
1922-03-31
Page
Seite 80 (sequence 10)
Language
German
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so seine (Besinnung suchte er. noch mehr als in feinen Schriften, durch das Lebendige Wort vielen (Generationen von Zuhörern einzupräzzen. Und die Unterschätzung romanischer sowie angelsächsischer Leistungsfähigkeit seitens der leitenden und sogenannten gebildeten ttrcife in Deutschland Lei Ausbruch und noch während des Weltkrieges zeigte, einen wie fruchtbaren Boden seine Lehren gefunden hatten. —Lkrtlmld Klurrbach Ein Gebenkblatt. in H. Februar I. waren vierzig Jahre feit dem Tode Berthold Auerbachs verstrichen: ein deutscher Jude, ein deutscher Patriot, ein deut'cher Schriststeller war von dieser Erde geschieden, dessen Leben köstlich, reich an Mühe und Arbeit, reich an Ehren und Auszeichnungen. jedoch auch nicht minder reich an Enttäuschungen und Bitternis gewesen. Kaum jemals ist ein deutscher Schriftsteller so gefeiert worden wie Borthold Auerbach, als ausgezeichneter Volksdichter wie als Schöpfer trefflicher Romane und Erzählungen, die bei ihrem Erscheinen meist in beiden Weltteilen als literarische Ereignisse begrünt wurden. Berthold Auerbachs Geburtsjahr 1*12 war auch __das-der-Judouemanzipation. Wie ein rot-goldener Faden zieht sich durch sein ganzes Leben die unbegrenzte Liebe zu Heimat. Familie. Vaterland und Glaubensgemeinschaft, der er jederzeit beredten Ausdruck gab. Berthold Auerbach mar nicht Deunchcr und Jude, cr verkörperte den deutschen Juden in idealster Weise, bekannte sich unbeirrt, freudigen stolzes als deutscher Jude, getragen von der Hosannst. im Verkehr mir den Groszen dieser Erde, den Fürsten im Reiche des Geistes. Wie cr als Jude feinen stammesgenvnen sp:no?a und Mores Ephraim Kuh in den Romanen feiner ^rühzoit wertvolle literarische Denkmäler errichtete, so warm Lenina schiltcr Und Goethe. Mv>art und Beethoven die Ideale, zu denen er begeistert au'blickw. Er war beseelt und erffi!!t non Pietät und Irene, scbaff'mssreudiakeir. Wahrhattjakeit. Ureiheits- und Gerechtiakeitsnnn. Hilfsbereitschaft und Rcidloüakeit. Die oft belächelte Eitel beit, sich laut und froh 'einer Erwlae ur freuen, fällt einerftiiüe fo arorer Eigenschaften gegenüber als kleine schwäche nicht allzuschwer ins Gewicht. Der begeisterte Schüler von David Friedrich s traust, der Lieblingsschüler sck'lvssers. der inwlae l-nrichenschastlicher Umtriebe einige Monate aus der Messung Hohenaiperg. seiner Freiheit beraubt, zubringen musste, erfuhr im Völkerfrühling des sinrmbewegten Jahres 1*4* das höchste Glück und das tiefste Leid, seine junge hochnnniqe Gattin schenkte ihm das erste Kind, einen sohn. weniae Wochen später griff der Tod mit rauher Hand in das friedliche Tichterheim und forderte das schwerste Lpser: Berthold Auerbach hatte den Verlust der geliebten Frau in betrauern. Tie Hoffnungen am ein geeintes Deutschland sollten sich erst in der grossen Zeit 1*70 71 erfüllen und begeistert jubelte der deutsche Jude, der deutsche Patriot mächtig ergriffen: .Ein deutscher Kaiser!" Wohl hatte Berthold Aiterbach damals schon den Höhe- Vimft seines dichterischen Schaffens überschritten, von den ..schwarzwälder Dorfgeschichten", die zu Anfang der vierziger Jahre enthusiasrisch ausgenommen worden waren, bis zu seinen! epochenmachenden Roman: ..Alts der Höhe" nnu es eine Stufenleiter auststeigcnder Erfolge, auf die cr mit froher «Genugtuung zurückblrcken konnte, wenngleich auch die schatten nicht fehlten, da sein Roman „Neues Leben" wie feine dramatischen Werte eine weniger günstige Beurteilung erfuhren. Wohl war er nicht nur in der Reichshauptstadt, sondern in den verschiedensten deutschen Großstädten am Dortragstische als Meister der Rede viel gefeiert worden, wie in Berlin, wo es galt, große Tote und Lebende zu ehren und festliche Veranstaltungen, insbesondere die seiner Glaubensgenossen, zu verherrlichen: wohl zeitigte sein dichterisches Talent noch in den siebziger Jahren eine Reihe wertvoller Werke, aber nur zu bald sollte der Abend für ihn hereinbrechen! Die wachsende gehässige Bewegung gegen feine Glaubensgenossen in der Reichshaupt/tadt erfüllte ihn mit gerechter Bitterkeit und wo immer nur möglich trat er mutig und unerschrocken als Kampfer und Streiter für seine Stammesgenossen in Wort und Schrift ein! Noch gab es manchen Lichtpunkt am Ende des Jahrzehnts, aber seine Gesundheit begann zu schwanken; noch erlahmte stme Schaffenskraft nicht ganz, jedoch der Heimgang vieler seiner Freunde äeß ihn mehr und mehr an sein nahes Ende denken: insbesondere schienen ihm die Gräber seiner Eltern, sooft er seine geliebte Heimat im Schwarzwald aufsuchte, zuzurufen: „Warte nur. balde ruhest auch du!" Berthold Auerbach, der iveit über Deutschlands Gauen hinaus sich der Freundschaft und Wertschätzung der hervorragendsten Männer und Frauen erfreuen durfte, besaß einen Lc<ensfreuud in seinem Vetter, dem bedeutenden Pädagogen Jakob Auerbach in Frankfurt am Main. Zwei wertvolle Gaben, die der Schriftsteller seinen Zeitgenossen zugedacht hatte, hat er ihnen nicht mehr gespendet: einen großen jüdischen Roman und eine Selbstbiegraphie. Diese letztere fand jedoch Ersatz in dem Briefwechsel, den er durch zweiundfünffig Jahre mit Jakob Auerbach geführt hat. Briefe gehören, wie Goethe 1*04 als Herausgeber von Winckelmanns Briefen schrieb, „unter die wichtigsten Denkmäler, die dcr einzelne Mensch hinterlassen kann". Berthold Auerbachs Briefe an feinen Freund gewähren tiefe Einblicke in sein inneres und äusseres Leben und spiegeln insbesondere seine lautere Gesinnung wider. Immer mehr verfiel 'eine Gesundheit: fmtm von einer schweren Lungenentzündung genesen, begab er sich in Begleitung seiner Tochter Cttilie nach Eannes: doch auch die Sonne des Südens vermochte ihm die so heiss ersehnte Lcbens- und Arbeitskraft nicht mehr zu spenden. Roch schrieb er dem Freunde zu Ende des Jahres 1*81: „Ich weiß nicht ohne Arbeit zu leben." Noch erfreute ihn ein kurzer Besuch von Lazarus, der in Nizza weilte, aber schon am 8. Februar 18*2 ereilte ihn der Tod, während die deutsche Nation, die gesamte Jndenheit. *ie gebildete Welt sich rüsteten, seinen 70. Geburtstag drei Wochen später festlich zu begehen. ..Es hat nicht sollen sein!" Berthold Auerbach hatte gewünscht, dereinst auf dem stillen Gottesacker feiner Heimat Nordstetten neben den Gräbern seiner Eltern die letzte Ruhestätte zu finden. Wieder war Lazarus von Nizzi herbeigeeilt, um dem toten Freunde einen letzten Abschiedsgruß zuzurufen, ehe dessen Leiche überführt wurde'). Tie Trauer um Berthold Auerbach äußerte sich in der gesamten deutschen Nation in der rührendsten und ergreifendsten Weile. Einer ihrer besten, treuesten und edelsten Söhne war heimgegangen. Deutsche -und Juden empfanden einmütig seinen Tod als einen persönlichen schmerzlichen Verlust. Am 17». Februar 1**2 fand seine feierliche Beisetzung statt. Teutsche Fürsten, denen er im Leben nahegestandcn. mudten ihre Vertreter und schmückten sein Grab mit Ehreukränzen. eine Trauerversammlung, wie sie l) In der „Gegenwart" lss-2 abgedruckt.

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