Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 86 (1922)
- Issue
- Heft 7 (31.3.1922)
- Date
- 1922-03-31
- Page
- Seite 77 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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77 schulen mietet eröffnet worden, zu den m Galizien mehrere Volksschulen hinzukamen. Ebenda wurden von den 21 spar- und Darlehnskaflen. die vor dem Kriege blühten und gediehen, einige neue eröffnet. Grobe Aufmerksamkeit wird endlich den jüdischen Bauern gewidmet, welche bekanntlich in Polen keine zusammenhängende Kolonien bilden, sondern in vielen Tausenden über das ganze Land verstreut sind. Tie mit dem jüdischen Leben seit 50 Jahren eng verknüpfte E m i - g r a t i o n bildete von jeher einen wichtigen Punkt des weitumfaffenden Arbeitsprogramms der ,4ca\ Ein Versuch, alle vor dem Kriege tätig gewesenen Hilssvereine für jüdische Auswanderer zum gemeinsamen Handeln unter Leitung emer gemeinsamen Zentralstelle zu vereinigen, stieß auf Widerstand und scheiterte. Wer diese Eigenbrödler waren, ist aus dem uns vorliegenden Bericht nicht zu ersehen. Tie +3ca~ sah sich infolgedessen genötigt, an Ort und stelle das gesamte Auswanterungswcsen von Grund auf neu zu organisieren und über ganz Polen ein Netz von Jnformations- und Hilfsbureaus zu errichten, wie sie vor dem Kriege in ganz Rußland bestanden und mit so ausgezeichnetem Erfolg gearbeitet haben. Tagegen gelang es> sich mit den betreffenden Organisationen in Belgien und Holland zu verständigen, und man hofft, einen gleichen Erfolg auch in England zu erzielen. Ter Andrang zu den belgischen und holländischen Häfen macht sich bereits unangenehm bemerkbar, so daß man auf Maßregeln sinnen muß. den ström der Emigranten nach anderen Einschiffungshäfen abzulenten. In den Einwanderungsländern gelang es leicht, die unterbrochenen Beziehungen zu den bestehenden Organisationen wiederherzustellcn resp. neue Organisationen ins Leben zu rufen, so arbeitet feit kurzem in Argentinien ein Zentralkomitee für jüdische Einivanderer, und in Kanada werden die ankornmenden Juden von einem „Canadian Iewifh Immigration Aid society" empfangen und beraten. Ferner hat die „Ica" einen ihrer höheren Beamten nach Südamerika geschickt, um in Bolivia. Chile und Peru sich nach Einwanderungs- und KoionisationsmöglichtZlen umzwehen. Endlich ist es ihr mit Hilfe des bekannten englischen Publizisten und Politikers Lucien Wolf gelungen, bei der Gesellschaft der Nationen durchzusetzen, daß die jüdischen Flüchtlinge in Beßarabien weiter geduldet und die in Konstantinopel auf Kosten des von Tr. Nansen ausgebrachten Fonds dauernd unterstützt werden. Tie Erntearb»''^ in Argentinien war im Monat Te.zember im vollen Gange. Tie Aussichten sind in den Kolonien von Entre Rios und santa Fe günstig, in den der Provinzen Buenos Aires und Pampa wen ger gut. Uebrigens sind die Kolonisten schon seit Jahren aus d.e Erntcertragnine nicht ineyr io angewiesen, sie besitzen in der Milchwirrschast und der ausgedehnten Viehzucht zwei reichlich fließende EiunahmegueUen. die sie von der Laune der Witterung und den Heuschrecken völlig unabhängig rnach.n. Daher haben sie schon seit tanger Zeit keinerlei Unterstützung mehr beansprucht. Nur die Kolonisten von Lucienvrlle in der Provinz Entre Rios haben neuerdings Vorschüsse .zur Anschaffung von sacken und Bindfaden behufs Bergung der Ernte erbeten und erhalten. Vom Zentralbureau »für jüdische Auswanderungsangelegenhriten, Hilfsoerern der deutschen Juden, erhalten wir folgende Zuschrift: In letzter Zeit macht sich eine starke Neigung zur Auswanderung nach Cuba unter den Juden des Ostens geltend. Bor der Auswanderung nach Cuba muß aber gegenwärtig dringend abgeraten werden. Tie wirtschaftliche Lage ist dort zur.zeit äußerst ungünstig. Es herrscht eine große Teuerung und die Arbeitsverhaltniffe liegen äußerst schlecht. Tiefe Fstwren machen sich für die ostenropäi'chen Neuankömmlinge. die der spanischen Sprache nich: mächtig find und erst versuchen müll.n. festen Fuß im Lande zu fallen, um so schlimmer fühlbar, als in den letzten Monaten ein vertiältnisl,äßig lehr bedeutender Emigrantenzufluß aus Osteuropa stattgeunden hat. o daß Cuba augenblicklich für Neueimvanderer ab'vlut nicht austwhmefähig ist. Es befinden sich dort auch viele Emigranten, die sich nach Cuba .n der falschen Voraussetzung begehn» hatten, von diesem Lande aus leichter nach den Bereinigten stacnen gelangen zu können. In Nr. 1-1 unserer ..Nachrichtenblatter" vom Oktober 1021 hatten wir bereits auf die schwierige Situation der auf dem Wege nach den Vereinigten Staaten in Cuba stecke»rgebl »ebenen Emigranten aus Osteuropa aufmerksam gemacht. Es sei noch auf folgendes hingewiesen: Einwanderer nach Cuba, auch Frauen und Kinder. Müllen im Besitz von mindestens je 30 Dollar sein. Personen, deren Einwanderung als unerwünscht angesehen avird, werden von der cudanischen Einwanderungsbehörde, gegen deren i Entscheidung es keine Berufung gibt', zur Landung nicht zugekaffen. I Nach den letzten zuverlüffigen' Nachrichten werden dem Einlaß neuer Einwanderer in Rücksicht auf die gegenwärtigen Verhältnisse des Arbeitsmarkres Schwierigkeiten bereitet. Große Palastinadebatte im cuffi'fdlcn Unterhaus. Am 10. März hat im englischen Unterhaus eine längere Tebatte über Palästina stattgefunden. Churchill gab eine Längere Erklärung ab. die in den gn»ndtegcnden Punkten mit seiner jüngsten Antwort an die arabische Telegation in London übereinstimmt. Er betonte nachdrücklichst. daß die in der Balfour-Teklaration enthaltenen Versprechungen die britische Palästinapolitik auch tveilerhin bestimmen «rußten. „Ich bin verpflichtet." sagte er wörtlich, „dafür sorge zu tragen, daß die Macht zur Turchführung dieser (in der Bakfour-Teklaration enthaltenen Zusagen) der Zentralregierung Vorbehalten bleibt. Tie einzigen Vorbehalte (i-esorvativa-»), die wir machen müssen, beziehen fldj auf die Maßnahmen, die uns befähigen sollen, unser vor ganz Europa gegebenes Versprechen zu erfüllen." Im weiteren Verlauf seiner Rede erklärte der Staatssekretär, daß der gegenwärtige Kurs in Palästina gute Erfolge verspreche. Tie alten Gründe für die Fortsetzung der Okkupation dieses Landes seien seit der letzten Zustimmung des Unterhauses noch viel stichhaltiger geworden. Bon der zionistischen Organisation könne er sagen, daß sie im letzten Jahre annähernd 1 M i l l i o n P f u n d in P a l ä st i n a investiert habe. Bei dem wichtigen Wasserkraftwerk, an den Hauptströmen des Jordan, in der landwirtschattlidien Entwicklung und bei den straßenbanten feien ihr manche Fortschritte gelungen, so daß zu hoffen sei. daß diese Bewegung die materielle Lage d e s L a n d e s . insbesondere die der arabischen Bewohner, verbessern »verde. In der Tebatte kritisierte Asqnith aus fiskalischen Gründen das ganze britische Okkupationsunternehmen im nahen Orient, gab aber zu. daß „in Palästina eine besondere Verpflichtung vorhanden ist. von der Großbritannien sich nicht zurückziehen kann, eine Verpflichtung. die aus den Wiederaufbau eines nationalen Heimes für die Inden abzielt". Nach Asquirh sprach Colonel Wedgewood, ein Führer der Labour Party, über die jüdisch-arabischen Beziehungen. England, meinte er, habe in Palästina Juden und C h r i st e n gegen eine andersartige Mehrheit ,zu schützen. „Und wenn", fuhr er fort, „die arabische Telegation zu uns ins Land kvnunt und sagt, daß der Berfaffungsentwurf ganz und gar unfair sei und sid) nicht mit unserer Erklärung über das selvstvestimmungsrecht vereinbaren lasse, so erwidere ich. daß wir den Arabern mit dem größten Vergnügen die Selbstverwaltung gewähren werden, sobald es deutlich wird, daß die jüdisch-christliche Minderheit hinreichend geschützt ist. und wenn die gegenwärtigen feindseligen und haßerfüllten Empfindungen nicht mehr bestehen. Ich glaube, die religiöse Feindseligkeit in Palästina wird für Motive ausgebeutet, weld^: nichts mit Religion oder mit wirtschaftlichen Tingen zu tun haben, Tiefe Feindseligkeit wird aber nur bei den oberen Klassen, nicht aber in der Masse des Volkes gefunden. Mr. R a m s a y Macdonald. der gerade aus Palästina zurückgekehrt ist, erzählt uns. daß in Tiderias ein aus Arabern. Christen und Juden bestehendes Komitee einträchtig zusammenarbeite. Bei dem Volke bemerke inan nur äußerst selten ein feindseliges Gefühl gegenüber den Juden, da es von den Wohltaten der Entwicklung Palästinas durch das jüdische Voll großen Nutzen zieht." Nachdem Wedgewood noch über die strategische Bedeutung Palästinas für Großbritannien gesprochen hatte, ergriffen noch Lord P e r c y und M a c y u i st e n das Wort, um hauptsächlich auf das Immigrationrprvblem cinzugehen. Als Verteidiger des Gedankens einer jüdischen Heimstätte wiesen Mr. M a r o n e und Mr. Ormsby Gore auf die gefähr-