Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 86 (1922)
- Issue
- Heft 7 (31.3.1922)
- Date
- 1922-03-31
- Page
- Seite 75 (sequence 5)
- Language
- German
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7» ^affc bildet, die die jüdischen und deutschen Bevölterungskreise unmittelbar bedroht. Tie Abwanderung bewegt sich in diesen Landesteilen in mäßigeren Grenzen. selbst kleinere («>c» meinden sind noch in der Lage, stellenlosen Kultusbecrmten aus dem Bezirk Posen eine Heimstätte für religiöses Wirken zu bieten. Auch hier macht sich schon vereinzelt der Mangel an geeigneten Unterrichts- und Erziehungsstatten für die jüdische fugend unliebsam bemerkbar, so daß Familien, die für ihre Nachkommen den Vertust des Judentums und des Deutschtums befürchten, es vorziehen, sich der schweren Aufgabe der Neugründung einer wirtschaftlichen Basis zu unterziehen, als ihre heiligsten Güter bedroht zu sehen. Wohl erhalten die Gemeinden Großpolens Zuzug aus Kongreßpolen und Galizien, jedoch begegnen sich hier (Gemeinschaften. die infolge der Verschiedenheit in Sprache, Sitte, der ganzen Lebensanschauung erst nach Jahrzehnten neben dem (Gefühl der religiösen Zusammengehörigkeit von dem gleichen Kulturbewußtsein erfüllt sein werden. Einstweilen ist eine große Anzahl jüdischer Gemeinden dem verderblichen Geist eines zügellosen Nationalismus zum Lpfer gefallen: die Stätten der Andacht sind verwaist, Lehranstalten für die Pflege jüdischen Geistes sind verlassen oder dienen prosamen Zwecken, die Gemeindemitglieder in alle Winde zerstceut. Mir Mühsal beladen, beginnen sie ihr Lcbenswerk von neuem, voll Hoffnung, daß sich auch für sie ein heiterer Lichtblick aus dem den Horizont verhüllenden Gewölk noch Bahn brechen wird. Ihr eigenes Leid und Weh eröffnet ihnen das Verständnis für das erneut zur Wahrheit gewordene Prophetenwort: „Es trauern die Wege nach Zion, ohne Pilger zum Fest; ihre Tore sind alle verödet, ihre Priester seufzen, ihre Jungfrauen wimmern und sie, wie weh ist ihr?" Ihr aber, ihr Verstoßenen und Vertriebenen, gedenkt des tausendjährigen Leidensweges eures Voltes, scharet euch in Trost und Hoffnung um das hochragende Banner eures Judentums und seid eingedenk des uralten Psalmwortes: „Tie in Tränen säen, werden in Freuden ernten?"! Wochenschau. Berlin, 27. März. ^M^as kürzlich erschienen^ Buch Hans Delbrücks „Luden- Oorüs Selbstporträt" i Verlag für Politik und Wirtschaft ist nicht sehr umfangreich, aber sehr inhaltsschwer. Als Motto sind die Worte vorangesetzt: ..Damit die wahre Religion zur Herrschaft gelange, müssen die Götzenbilder zerstört werden. Das gilt auch von der Religion der Vaterlandsliebe." In einer Anmerkung beantwortet Delbrück die verlegene Behauptung Ludondorffs. „er, Delbrück, sei nicht kompetent Diese Behauptung ist nur ein neuer Beweis für die Bildungs- Mängel des Generals, denn Herr Ludendorff hätte wissen muffen, daß Delbrück nicht nur als Lehrer der Kriegsgeschichte immer eine allererste Autorität auf diesem Gebiete war. sondern daß der Generalstabschef GrcE Schließen selber erklärt hat, er habe seine Kenntnis des schlachtgedankens von Eannä — auf den er seinen strategischen Plan aufbaute — aus Delbrücks „Geschichte der Kriegskunst" entnommen. Tie „Berliner Morgenzeitung" bemerkt: ..H. Delbrück, der bekanntlich politisch keineswegs zur Linken gerechnet werden kann, zeichnet ohne Gnade mit unbarmherziger Ehrlichkeit das wahre Bild des Mannes, der noch heute das Idol einer kritiklosen Menge ist. Er nennt sein Buch „Ludendorsss SelJsrportrait", weil er aus den für den Jnlandskauf und vor allem für den einträglichen Auslandsmarkt z»zfammengefchriebencn „Werken" Ludendorffs viel Charakteristisches entnommen hat. aber das Wertvolle ist natürlich das eigene Material, das er vorbringt. und die klare Beleuchtung. in die - I er alles rückt. Ter vierundficbzigiährige Delbrück hat eine Frische, einen Wahrheitsmut und eine Kampffreudigkeit, die man Jüngeren zur Nachahmung empfehlen kann. Seine Entrüftlurg über das Trugfpiel. durch das die Schuld Ludendorsfs vom Volke verdeckt werden soll, gibt sich in den schärfsten Worten kund. Er spricht von dem „falschen theoretischen Denken" Ludendorsss. „Ter Unsicherheit des Wissens bei Ludendorff entspricht sein Mangel an Kritik , . Er zeigt, immer mit Beweisen, die ..geringe allgemeine Bildung" des Mannes, der sich anmaßte, übercÄl hmeinzupfuschen. Er weist die kläglichen Beschuldigungen, die Ludendorfs gegen das deutsche Volk schleudert, um sich selbst der Verantwortung zu entziehen, empört zurück. ..Man ist gewohnt." schreibt er, „Verteidigungsschriften und Memoiren viel nachzusehen. aber die Art wie Ludendorff mit den Tatsachen umgeht, um sich weiß zu brennen und andere anzuklagen, muß einfach als Unwahrheit gekennzeichnet werden."" Die Mordatmosphare. München. 28. Marz. Eine Versammlung der Bayerischen Mtttelstandsparlci. wurde' zu einer antisemitischen Hetze mißbraucht, die selbst in Bayern ihresgleichen sucht. Mit dem Namen R a t h e n a u peitschte die Versamnrlungsredner die niederen Jnftmkre des nationalistischen Pöbels derartig auf, daß fortgesetzt Aure zu Genmlttaten gegen die jüdische Bevölkerung Münchens laut wurden. Selbst zum Totschlag an de iw bayerischen Ministerpräsidenten wurde ansgefordert. Eine Anzahl Versammlungsteilnehmer drohte, die Ausweisung ihres antisemitischen Führers mit dem Pogrom in München zu beantworten. Hoffentlich findet die bayerische Negierung jetzt die Uraft zum Einschreiten. * Eugen Landaus 70* Geburtstag* Am 17. d. M. beging Generalkonsul Eugen Landau seinen 70. Geburtstag in voller Lebens- und Lchanensfri'che. untren in der geschäftlichen und geselligen Neg'amkeit. die ihm bisher immer das Lebenselement gewesen ist. Engen Landau ist in Breslau geboren. Gegen Ende 1>7l verlegte der Schöpfer des Bankhauses Jakob Landau, der Barer Eugen Landaus, sein Bankgeschäft von Breslau nach Berlin, seitdem war und blieb dieses Bankhaus mit der Ent- Wicklung des Berliner Wirtschaftslebens, mit dem stetigen Aufschwung unseres Handels und unserer Industrie verbunden. Tiere Beziehungen bilden ein stattlicijes Kapitel in der Geschichte des Berliner Wirtschaftslebens. Auch nach dem Tode des Geheimrats Jakob Landau blieben seine Löhne, der vor einem Jahre ans dem Leben geschiedene .Kommerzienrat Hugo Landau und Generalkonsul Eugen Landau, der Hausüberliestrung treu. Unter ihrer Mitwirkung und Führung verbanden sich große Bankhäuser zu machtvollen Fittmrziustitulen, immer mit dem Jwecke. das Kapital zur Befruchtung der Arbeit, die Arbeit zu.' Wiedererzeugung des werbenden, schaffenden Kapitals anzuhalten. Lv gehört Eugen Landau zu den bekanntesten Persönlichkeiten der deutschen Geschäftswelt und zu den prominentesten Führern der Finanz- und Börfenkreife. Mehr, als die kurzlebige Generarion von heute weiß, rankt sich um den Namen Landau. „Ein großzügiger Finanzier, ungemein vielferrig. von starkem Temperament. das aber durch einen überlegenen Geist gezügelt wird." Aber die Tätigkeit Landaus war nichr aus den Ureis oer industriellen und finanziellen Probleme beschränkt. Dem literarischen und geselligen Leben der stadt Berlin widmete er ein stets lebendiges Interesse. Er gehörte zu den Mitgründern des „Literarischen U1ubs", ist auch jetzt noch Vorstand der .Ressource von t704" und der Zentralstelle für derr Fremdeuverkel r Groß Berlins. Während des Krieges stellte 'ich der damals Dreiundsechzigjährige als Rittmeister der 'Ui'h'vvc der Heeresverrvaltung zur Verfügung und hat bis zum Ende des Krieges Dienst getan. Eugen Landau ist auch als Wohltäter größten Dtils bekannt. Dank 'einem weitreichenden Einflüße hat er nntzihligen Leuten den Lebensweg geebnet: cr har in der Drille viele Tränen getrocknet und oftmals aus schwerster Not geholfen.