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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1922-03-31 · Heft 7 (31.3.1922) · p. Seite 74

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
86 (1922)
Issue
Heft 7 (31.3.1922)
Date
1922-03-31
Page
Seite 74 (sequence 4)
Language
German
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. 74 zu einer Art Staatsallzeiger des 1. X G. B. zu ijuicfjen, und auch Martin Philippfon konnte es nicht ganz verwinden, das Werk seines Vaters in andere Hände übergehen zu sehen, ohne doch andere brauchbare Vorschläge zu machen. Aber auch diese beiden iahen bald ein. daß die'c Lösung der Aufgabe die denkbar glücklichste war. Sie hat in der Tat der Leitung noch 12 Fahre lang das Fortbestehen ermöglicht. Für die ersten Nummern des neuen Wahres hatte der Verewigte, dessen Ruhm und Verdienste ich nicht weiter auszuführen brauche, noch 2Ttöff genug zurückgelassen. Tann suchte und fand Karpeles neues Material. Auch mich bat er - zu meinem Erstaunen um Artikel. Nachdem ich den ersten Versuch gewagt, gewann ich Interesse für diese Art der Betätigung, verbat mir allerdings das Honorar, um nicht neben meinem Staatsamt als berufsmäßiger Journalist zu gelten. Ein Zufall fügte es. daß der jetzige letzte Redakteur der Zeitung. Albert.ltatz. für die letzte von Ludwig Phitippion redigierte Nummer <Nr. 1. IHM)) einen Artikel über auswandernde Glaubensgenossen geliefert hat. Dir Iudrn in Grohpülrn Von I. Basch (Berlin. IV. ie rigorosen Maßnahmen der polnischen Justiz- und Verlvaltungsorgane gegen die jüdischen und christlichen Hakatitteu. eine Beschöniguugsformet für eigene unlautere 'JJunitc, zeitigten den gewürrschken Erfolg, Schon machten sich in den Gotteshäusern klaffende Lücken, in den Reihen der Besucher bemerkbar, und diese beunruhigende Wahrnehmung wirkte derart aus das Gemüt des noch vorhandenen bestes der Glanbeusgemeinschaft. daß infolge der seelischen Tepression lüitlettsregnngen und -betatigungen. die geistige Regsamkeit und Beweglichkeit schwere Hemmungen erlitten. Wer bei vorübergehendem Aufenthalte in seinem deutschen Vaterlande den freiheitlichen Hallch verspürte, der Geist und Gemüt von einer schweren Fenel löste, »vär rettungslos dem Heimatgcfühl vermUell. Trotz aller Abwchrbestrebnngen der Heimat gegen ihre zurückstnreuden. armen, bedrängten und verlassenen (linder, trotz der nervenaufreibenden Schwierigkeiten, die sich für Rückwanderer zu schier unüberwindlichen Hinderniucn anrtürmten. zogen die »eelisch gebrochenen Menschen ihrem geknechteten. selbst unter schwerstem. Foch seufzenden Vaterlande . zu: lieber wollten sie üch hier in beschränkten Bahnen entfalten, ttt wirtschaftlicher Bedrängnis und bitterer Not leben, als inmitten einer von Fanatismus, demagogischer Agitation und ParLeileidemchast durcknvühtten Umgebung sich steten mehr; oder minder fühlbaren Schikanen aussetzen. j Zn weichen begann all der Glanz des blühenden jüdischen (Gemeinwesens der Stadt Posen, in der Leuchten jüdischer Wissenschaft. Fürsten im Reiche des Geistes lebten und wirkten. Samenkörner ansftreuten. die tausendfältig Frucht getragen: kühn streckte die Hand der Tränger nach ihren schätzen aus. Zufriedenen, heiteren Sinnes erwarb der Pole Haus- und Grundbesitz sowie gewerbliche Unternehmungen aller Art für seine mindenvertigen Papiernvten. und bald verwandelte sich die Postner Ober- und Unterstadt in eine tosende polnische Brandung, die urit Macht gegen die noch sehr vereinzelten,! jüdischen Ulippen anftürmte. Tie Beschränkung der Zahl der jüdischen Universitatsbesucher aitf zwei Prozent, eine Ausnalnnebestimmung von einschneidender Härte gegen den ohnedies schon arg bedrückten Zuzug aus Kongreß- und Ulein polen, berührte den urit Mißtrauen gegen jede Pfleaestätte polnischen Geisteslebens erfüllten deutschen Inden nicht unmittelbar. Was für Früchte konnten wohl am Baume der Erkenntnis reifer', wenn znm Pfleger und Hüter des Gartens der polnische Geistliche bestellt wurdet Tie sich überstürzenden Ereignisse erleichterten wesentlich den Trennuugsschmerz von der bisherigen Heimat. Noch ein letzter Besuch des Ortes, der das Liebste und Teuerste ans Erden birgt, ein heisrer inbrünstiger Abschied der .Minder von den - Hügeln, unter denen die treuen Leiter und Beschützer in sonniger Jugendzeit der Zeit der Erfüllung prophetischer Weissagung entgegenfchlummern. der Eltern, die wehen! Herzens an der Ruhestätte ihrer Lieblinge weiten, die ihnen! einst Trost und Stütze sein sollten: noch ein letzter umflorter : Abschiedsblick auf die Rafenhügel. die Verwandte, Freunde und Bekannte decken - - und bald umbraust uns wieder das - stark pulsierende Leber, der rauhen Wirklichkeit, die für weiche ' Gefühlsregungen keinen Raum hat. Emsig und vorsichtig werden die letzten Vorbereitungen getroffen - - die Polnischen Späher sind wachsam und aus einer fried- und freudlosen Gegenwart geht es einer ungewissen sorgenvollen Zukunft ent-; gegen, dennoch mit dein frohen Bewusstsein, dem Hangen und Hangen in schwebender Pein entronnen zn sein. Nachdem nch die ursprünglich 5800 Seelen zählende Posener Korporationsgemeinde um fast zwei Drittel verringert hatte, schenkten auch die (tteillgemcindcrr dem Raunen und. Rauschen in den polnischen Landen die gebührende Aufmerksamkeit. Maßnahmen der Verwaltungsbehörden unterbanden gewissen Errverbszweigen die Eristenzmöglichkeit. die Uebernahme handelsgewerblicher Niederlassungen durch Fuden wurde nach Möglichkeit erschwert, ja fast zur Unmöglichkeit gemacht, so daß auch hier die Verschleuderung der beweglichen und unbeweglichen Habe in erheblichem Maße einsetzte: eine weitere Vermögensschädigung lag in der behördlichen Erhebung einer Kaution in Hohe von 7>0 Prozent des Barbestandes sowie in der Zeichnung der neuerdings staatsseitig beschlvsienen Zwangsanteihe. Bon dem Erfolg eines arbeitsamen. hoffnungstrohen Wirkens und Schaffens verbleibt dem Auswanderer nur ein Trittet seines Besitzes in polnischen Papiernoten, deren Kurs so minimal ist. daß die Abwanderung fast Konfiskation des Vermögens bedeutet, dem Famitienvater zum Leide, aber der polnischen Velksgesamtheit nicht zürn Segen. Tie kleineren Gemeinden im Fnnern des ostmärkischcn Gebietes und zum Teil völlig zusammengeschrumpft, w daß ne bei der völligen Entwertung der polnischen Mark außerstande sind, einen Knltusbeamten selbst bei allerbescheidensten Ansprüchen zu besolden, gilt doch ein Tiensreinkommcn von 1-20 or,o Blark jährlich als völlig unzulänglich, aber selbst einen solchen Ansgabeposten kann der mehr als bescheidene Ge rneindeetat nicht mehr bestreiten. Erheblich günstiger liegen die Verhältnisse an der Peripherie des Gebietes, da die hier vorhandenen Ortschaften in inniger Beziehung zu den deutschen Nachbargemeinden stehen und dadurch mit den letzteren gewissermaßen eine geschloffene Einheit bilden, die das seelische Gleichgewicht und das religiöse Bewußtsein stärkt und stützt. Eine Abwanderung von 20 bis 27» 'Prozent der Gemeindemitglieder fällt hier nicht entscheidend ins Gewicht, da der Gemeindeetat von den Zurückgebliebenen bei einiger Opferwilligkeit ins Gleichgelvicht gebracht werden kann. Tem Kultusbeamten fällt bei dem Mangel geprüfter Lehrer die wichtige Aufgabe zu. die .(linder mit den Lehren der Religion vertrarrt zu machen, und wo. was vielfach der Fall ist. ein jüdischer Fugendbildner nicht in Frage kommt, inuß das Familienhaupt die religiöse Pflicht der Unterweisung der Kinder selbst erfüllen: ein Rückschritt, der an die fernsten Zeiten vergangener Fahrhnnderte erinnert. Bon den Rabbinern sind noch einige wenige an den Stätten ihrer bisherigen Wirksamkeit zurückgeblieben, aber auch ihre Kanzelstühle dürsten in absehbarer Zeit verwaist sein. Relativ günstig liegen die Bcrhältniffe im Bezirk Bromberg und in Pommerellen. lvo das Polentnm keine kompakte

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