Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 86 (1922)
- Issue
- Heft 6 (17.3.1922)
- Date
- 1922-03-17
- Page
- Seite 70 (sequence 12)
- Language
- German
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70 wunderbar, wahrlich, schien diese Gewatt-maßregel, und' er rxmfetc sie auch nicht zu deuten. Unschlüffig wandte er jetzt feinen Blick dem Freunde zu, aber auch da winkte seinen bangenden Gedanken keine Erleuchtung. Mit stumpfer ausdrucksloser Miene, die Augen unheimlich flackernd ins Leere gerichtet, reglos, verharrte Casus cnrf feinem Lager. In angstlick>er Spannung blieb Agrippas Blick auf den krampfhaft verzerrten Zügen des Freundes hasten: in aufwallender Bewegung eilte er auf ihn zu und umschlang mit leinen Armen die zusammengesunkene, schmerzdurchzuckte Gestalt, allein da trat der Hauptmann der Wache auf ihn zu: „Saume nicht länger, es ist nutzlos zu zaudern, folge uns." Unwillig schüttelte Agrippa den Arm des Centurio ab. heiße Zornesrote wallte auf in seinem jugendlich schönen Antlitz. Schon wollte er dem Krieger heftig entgegnen, allein er bekämpfte seinen Zorn, und sich noch einmal schmerzersüllt nach der Stelle wendend, wo Casus mit hohlem Blick und verwirrtem Ausdruck vor sich hin starrte, riß er sich gewaltsam los und folgte dem ihm voranschreitenden Kricgsmann in den Kerker. Ta zuckte es Plötzlich aus in den bleichen Zügen des Prinzen, ferne schlaffen Mienen belebten sich. das früher so geisterhaft bleche Antlitz übergoß sich mit glühender Nöte, die stieren glanzlosen Augen glühten in wirrem Fieber, die Hände griffen zuckend in die Luft, und mit einem wilden tierischen Laut, dem Brüllen des Stiers vergleichbar, sank Casus von seinem Lager auf den Boden nieder. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. Saudia (aaoit. His Lift* and Works. Uy Henry Malt e r. Ph. D. The Jewisli Piildication Society of America. Philadelphia. Professer Morris Locb. der hervorragende Chemiker von New?)urf «itn, der lSH'J starb. ocrnuit1)to der Jewish Pnldicatioii Society of America LOihh» Pfund Tterlittg. damit ne von -Zeit \n Feit cm L rigiualwerk der jüdischen Wissenschaft l^rausgebe. Pli.- ckereish Publiealion Society hat mm als erstes Werk der Morris-Loeb-scrie eine stndie über ..saadia C»aon". sein Leben und seine Werke. von Tr. Henry Malter aus Philadelphia, dem Professor der rabbinifchen Literatur am Tropfte College für indische und verwandte Wissenschaft, herausgegeben. Um dem wistensdurstigen Leier die Zeit, das Ledenswcrk und die Persönlichkeit des Größten der Gaonim .zu veranfckwnlick)en, hat der Antor dem biegen stand seiner Untersuchung nicht nur Liebe entgegengebrachr. sondern auch eine seltene Vertrautheit mit der Bibel, dem Talmud und anderen rcwbinisckjcn Werten, eine außergcwohrrliche steuntnis philosoplsssther Schriften mittelalLcrlich^r Jaden und Araber und der griechnüM Quellen arabischer Metaphysik zugrunde gelegt: unerläßlichen Kenntnisse für solch ein Werk! Henry Malter har alles, was nur irgend über den Gegenstand seiner Abhandlung bekanntgeworden ist. in Betracht geigen, die ältesten Quellen sowohl als auch die jüngst entdeckten Fragmente von der Cairo Geniza. so ist es ihm nicht nur gelungen, ein anschauliches Bild des Begründers der jüdischen Wissenschaft, des Wicderbelebers der jüdischen Religion und Gelehrsamkeit zu zeichnen, sondern auch den historischen Hintergrund zu schildern und neues Licht ans eine dunkle Periode der mittelalterlichen jüdische,: Geschichte des!>. und IO. Jahrhunderts in Aegypten. Palästina und Babylon zu werfen. Tas Werk besteht aus drei Teilen. Ter erste Teil ist historisch und biographisch und enthalt überwiegend neues Material. Ter zweite Teil handelt von saadias schrineu. den verloren gegtUgenen sowohl als auch von den noch vorhandenen, stellt ihren Inhaltzusammen und erklärt ihre Lehren. Ter dritte Teil, bescheidentlich als Bibliographie bezeichnet, ist in Wirtlichkeit ein kleiner historischer und kriti'cher Ueberblick der ungeheuere» saadia Literatur, die sich im Laufe von Fahren eut wickelt hat. Tiefer Teil beschreibt die bekannten Manuskripte miD gedruckter^ Ausgaben voli^säadickS Werken.' sowohl der hebräischen als auch der arabischen — mit den Uebersetzungen aus der einen spräche in die andere rrnd von beiden in die europäischen sprachen und beurteilt den Wert einer jeden als Darlegung 'des Tertes oder des Gedankens des GaonS. Ferner nimmt dieser Band die zahlreichen großen und kleinen schiften Mittelalterlick)er und neuzeitlicher Gelehrten, jüdischen als auch christlichen Glaubens, über Laadia und testen Leben und Schriften crui. schließlich gibt es noch zwei umlassende Andere und eine Postskript-Abhandlung über gewiste Geniza- Fragmente. die. ans Licht gebracht wurden, seitdem das Buch im Truck war. - seit Rapoports berühmter Abhandlung über den sura Gaon. die seitdem die Basis der meisten saadia-Biogräphien bildet, ist Um so gründlicher Beitrag zu diesem Gegenstand geliefert worden, wie der des Tr. Malter. Uebcrdies vereint vorliegende Arbeit eine ungeheure Menge von Material, das bisher unbekannt oder unzugänglich war. und geht weit über den Gesichtskreis früherer Arbeiten hinaus. Es ist, darf man sagen, die erste vollständige Würdigung des Lebens und der Schriften des ersten jüdischen Gelehrten des Mittelalters und wird .zweifellos das grundlegende und maßi^blickie Werk über eiueu Mann, einen Zeitabschnitt, eine Philosophie von so nachhaltiger Bedeutung werden und bleiben. - Tas Werk ist nicht bloß für jüdische Theologen sowohl wie für alle diejenigen wertvoll, die sich mit jüdischer Religion und Wistenschaft besaffen. sondern es ist ein Beitrag zur -Kulturgeschichte: es wendet sich an alle, die Intereste haben an der intellektuellen Entwicklung der Menschheit: mit besonderer straft irber wendet es sich an die Juden, die mit den großen schätzen ihres geistigen Erbteils bekannt zu werden wünschen. Ein? deutsche Uebertragung dieses Buches wäre ein verdienstreiches Werk. — Tas Buch Esther. Ein Beitrag zur Erklärung der Hauptschwierigkeiten des Buckfes von B. Wolfs. Lehrer in Aurich. P>--, I. Kaumuaun. Berlag. Frankfurt a. M. lieber das Buch Esther ist schon viel geschrieben worden. Iüdi'ckre und besonders nichtjüdische Forscher haben sich seiner bemächtigt und über den Inhalt und die Eutstehnugszeit des Büchleins Behauptungen ausgestellt, die den mit dem jüdischen Schrifttum vertrauten Le'cr nicht befriedigen könne n. Wir folgen darum gern den Ausführungen des Verfassers, der die Hauptschrvierigkeiten des Esther- Buches nicht verlwhlt und sie. gestützt aus alte talmudnche Mitteilnugeu. zu erklären und zu beseitigen nicht. Er wendet sich mit beschick gegen d-ejenigen. die sich nicht geschürt. das Esther-Buch als ..Tas Plagiat der Plagiate" .m bezeichnen, und erinnert mit Recht daran, daß der Mifchna-Trattat M'gillah mannigfache Halachoth enthält. ..die auf dem Wortlaut des Buchs Esther fußen und nachweisbar uralt sind". Es ist eine beachtenswerte, inhaltsreiche schritt, die der Verfasser uns bietet, und die niemand ohne Nutzen leien wird. A. K. * Abne siktaron. Grabstein-Inschriften (hebräisch und deutsch, tn Poesie uuo Prvm für alle verkommenden Fälle von Lion Wolfs. Verlag von Gustav Enget. Leipzig El. Es ist ein praktisches und nützliches Büchlein. das der greife Bergaster den Interestcnten bietet: nützlich insbesondere für drejeniacn. die. des Hebräischen unkundig, bei der Abtastung einer Inschrist rremder Hilfe bedürfen. Freilich sind nicht alle hier aneinandergereihten Inschriften sprachlich gleich zu berverten. Rur wenige sind als „gilt" zu bezeichnen, die meisten sind mittelmäßig: manche aber enthalten unverzeihliche grammatikalische Fehler und verstoßen auch in der Form gegen den Geist des Hebraismns. Indes tun diese Ausstellungen dem praktischen Wert des Büchleins nur wenig Abbruch. Es »»erst neben der reichen Ausrvahl hebräischer Inschriften auch etwa hundert biblische Zitate mit guter deutscher Ueberi'etz'.mg aus. die mit Verständnis .zutammengetragen sind und von des Verfassers Fleiß und Belesenheit zeugen. Tas gleiche gilt auch von den im zlveiten Teil enthaltenen kurzen deutschen Inschriften ohne hebräischen Tert. die .zlveckentspreck'end gc,vählt und zuiu Teil nicht ohne poetischen schwung sind. Wünschen wir. dast es dem Verfasser gelingen möge, recht bald eine Neuaustage des Büchleins zu veranstalten. und ,vir zweitel« nicht, daß er daun die hebräi'ckcn Inschriftett einer ft r e n g e n Revision nnterziehen wird. A. K.