Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 86 (1922)
- Issue
- Heft 6 (17.3.1922)
- Date
- 1922-03-17
- Page
- Seite 67 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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- 67 - ~ srnffzeitig eriüöt^TTlJaDtu utuBr Da er tarnt zwmrzig-Jahrealt. um das Jahr L625. zum Rabbiner in Fulda, einer damals sehr bedeutenden jüdischen Gemeinde. erwählt wurde*). Kaum hatte er boxt festen Fuß gefaßt, gründete er schon eine Tal» mudschule, die von unzähligen jungen und wissensdurstigen Schülern besucht wurde. Aber auch bedeutende Talmudgelehrte in reiferem Mannesalter wie auch namhafte Rabbiner. deren sich Fulda damals in großer Menge erfreute, scharten sich um ihn und lauschten seinen Erklärungen und halachrschen Vorträgen, die er in seiner Schule täglich vor einem großen Schülerkreise unentgeltlich hielt. Er besaß eine besondere Meisterschaft in der Kirnst, durch kurze und haarscharfe Bemerkungen die Talmudjünger auf die eigentümlichen Feinheiten des Stiles und Der Diskussionsweise im Talnrud hinzuweisen und sie zu aufmerksamer Vertiefung in den Gegcnstand anzuregen und anzuleiten. Diese geistreichen literarischen Hebungen." die Ergebnisse seiner tiefen Forschungen und Untersuchungen, die er dann als „halachische Wenigkeiten" l7N2^N 'W“TrO zu allen Teilen des Talmuds niederschrieb, faßte er in einer kurzen, weniger bündigen und darum schwerverständlichen Sprache ab: denn sein merkwürdiger Scharfsinn ließ ihn nicht die (Gedanken genau und ausführlich wiedergeben. sondern alles nur in wenigen Worten und abgebrochenen Sätzen andeutcn. die allerdings dem Leier den Vorteil gewähren. Stoff zum Selbstdenken zu erhalten, ihm aber oft auch die Zeit bei Haarspaltereien und höchst mbtUen Untersuchungen und Auseinandersetzungen rauben. (Schluß folgt.) Miäia-golrf (Michael) Lebenlohn. Ein Gedenkblatt zum 70. Jahrestag seines Ablebens am 27. Schbat 56J2 (M52). t3rf)iuij). Von Leon 3 djc tu t) au% (Memel). cn weiteren Rachlaß seiner Lieder und Gedichte konnte sein greiic-r Vater erst Jahre nach Micha-Josefs Hinscheiden. l*7o, in erster Ani^ ge erscheinen lasten. Tie Sammlung trägt den Namen „Harfe Zions" und enthält '•'& ln rische (Gedichte. Ihr Grundton ist Schwermut, der menschliche Kummer, während seine Jugend von Lebenslust, Liebe und Lebensfreude bedingt ist. und das Bewußtsein des nahenden Todes: es kommt noch der allgemeine Weltschmerz hinzu: „Nicht dort in der Unterwelt ist die Hölle, sondern hier aus Erden?" Miclza-Josef ist kein weinerlicher Schwermütiger, kein düsterer Pesiimist: er will nicht sterben, er liebt das Leben, dürstet nach Leben, nur ist es für ihn vergiftet: „Verflucht sei der Tod. verflucht auch das Leben!" Und wie sehr er den Genuß liebte, wie sehr seine Gefühle unmittelbar waren und voll unbändiger Leidenschaft, können wir aus seinen Liebesliedern ersehen. - , Sein Schwanengesang Tinte ein Gedicht „Das Gebet", das die volle erhabene Seelenruhe zum Ausdruck bringt, das Heil und die Versöhnung dem Menschen gibt. Ter Jüngling schrieb dieses letzte hebräische Wort, bis der Tod ihm seine Hand lähmte, seine herrlichen Traumbilder verschwanden und seine Leier verstummte. Seine gesamten 'Dichtungen sind ivahre Perlen der hebräischen Poesie. Tie Einfachheit und Innigkeit, die den meisten Lyrikern hebräischer Zunge -fehlte, untren dem jugendlichen Dichter gegeben, und darin bestand seine Bedeutung für die neuhebräische Literatur wie die des späteren M. Mane. ..In den Erzeugnissen des einen wie des anderen erklingt uns außer Dem unverfälschten (Gefühle und der Herzliclffeit des s) In der Vorrede seines Enkelwhnes zur ersten Herausgabe seines TalmudkommentarS. Homburg 174 l. Tones gar treblich-jene^imbestimmte^üße Träumen, das-äenunbesieglick-en Reiz des jungen Talents bildet." Josef Klausner schreibt über Micha-Josefs Liebeslieder: ..Unwillkürlich bei der Lektüre derst-iben bewundern wir, wie eZ bloß in einer sogenannten „toten" Sprache möglich ist. fo mächtig und so schön, mir wlcher Intensität und Spannkraft des Ausdrucks und in solcher Farbenwirkung des Stils die allerzartesten und rein-modernen Schattierungen der Liebeshingebung und der Leidenschaft auszudrücken. Micha-Josef Lebenfohn überragt nicht nur feine Zeitgenossen, sondern auch die Nachfolgenden/ Bevor wir die meteorgleich ausleuchtende Erscheinung des jungen Dichters verlassen, wollen wir noch aus der nachgelassenen Sammlung „Harfe Zions" sein kleines, herrliches Gedicht herausgreifen: „Der losgeriffene Zweig" (Talijah Nidachath), wo in besonders feiner Form eine zionistische Tendenz deutlich ausgesprochen wird. Das Gedicht befindet sich in einer prachtvollen deutschen Uebersetzung von Arnold Budwig in Karpetes ..Zionsharfe": * Im Sturmgewog erbrauset das Meer, Es treibt auf den Wellen ein Zweig daher. Wer gab, du Reis, Dem Elend dich preis? Wohin, ach? reißt dich die Flut? Tu irrst ohne Ziel, Den Wellen ein Spiel. Entsinkt dir nimmer der Mut? Ten sichern Lrt. Was gabst eilend ihn aus? Trau warnendem Wort: Zum Tode treivt dich dein Lauf? „Aus seligem Traum -Auf blühendem Baum Riß plötzlich der Sturm mich dahin. Im fernen Land Strebt unverwandt Zur trauten Heimat der Sinn. Was soll dem Verbannten das Leben? Mag darum die Flut Mit schäumender Wut Ten armen Verlast'nen umgeben!" In der nachgelassenen Sammlung sind auch einzelne Uebersetzungcn, wie Goetlu's „Erlkönig" und ähnliches: ebenso hat Micha - Josef mit hervorragender Meisterhand wundervolle poeüereiche Dichtungen in hebräischer Sprache wiedergegeben. — Lbgleich es damals vor 70 Jahren noch keine hebräischen Zeitschriften gab. hatte Das frühe Ableben des ungewöhnlich talentvollen jungen Dichters eine Elegienliteratnr für sich ausgelöst. Zunächst veröffentlichte der Vater selbst eine umfangreiche Elegiendichtung „Tränenquelle" (Ciiclle ist die Uebersetzung des Wortes ^2'2das die hebräischen Initialen des Micha - Josef Kohen Lebensohn bedeutet). In schwungvoller poetischer Klage kommt der ungestillte große väterliche Schmerz zum Ausdruck: der kurzfristige Lebensweg des so jäh aus dem Leben Geschiedenen, seine sittlichen edlen Eigenschaiften, sein überragendes dichterisches Schaffen und die böse Krankheit, die der Erhabenheit und der Schönheit ein Ende bereitete werden in diesem Gedicht ausführlich geschildert. w daß dasselbe auch die dichterische Biographie des Heimgegangenen darstellt »md ihm ein unvergängliches Denkmal der väterlichen Liebe und Treue setzt. Ter Forscher auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft S. D. Luzzalo in Pkdua 11talien) verfaßte am Tage, als ihn