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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1922-03-17 · Heft 6 (17.3.1922) · p. Seite 66

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
86 (1922)
Issue
Heft 6 (17.3.1922)
Date
1922-03-17
Page
Seite 66 (sequence 8)
Language
German
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66 war das in den zwei bedeutendsten Gemeinden Deutschlands. Prag und Frankfurt a. M.. der Fall. Die großen Mafien der polnischen Flüchtlinge, die sich vor den vielen Greueln und den blutigen Verfolgungen aus der Heimat dorthin retteten, brachten reiches talmudisches Wifien und einen scharfsinnigen, beweglichen Geist mit sich. Zu keiner Zeit hat es unter den Juden polnischer Zunge so viel Talmudbefliffene mit frühreifer Gelehrsamkeit, mit eisernem Gedächtnifle und wunderbarer Hingebung für das Erbe der Vater, für. die rabbinische Wissenschaft gegeben, als waren sie eigens in die Delt geftht worden, um das so lange Vernachlässigte und Versäumte nachzuholen. Alles, was das Altertum an Schriftfchähen hinterlafien hat. wurde gesammelt und nutzbar gemacht. Laien wetteiferten darin mit Fachgelehrten. Dieses reliaiös-wiffenschastliche Streben, dem in der Heimat jeder Luftzug versperrt worden war. schlug sein Zelt im Deutschland auf. verbreitete sich -nach allen Seiten und verwandelte sich unter der Hand, mit deutschen Elementen geschwängert, in eine eigenartige, in eine jüdisch-deutsche Schule. Ihre Geistestätigkeit hatte damals eine ganz neue und eigenartiae Richtung genommen. Das profane Wifien wurde vernachlässigt und man wendete den ganzen o>rt erstaunlichen Scharfsinn dem Studium des Talmuds und feiner Erklärer zu. Das ganze Gebiet der Halacka. von den Grundlagen bis zu öcnTetzten Ergebnissen. wurde ein unbeschränkter Tummelplatz der Seelen* und Geisteskräfte. Der „Pilpul". wie man diese Methode tätmudncker Forschung nannte, wurde das klassische Mittel, den Scharfsinn zu üben und dem Geiste Svarmuna. Kraft und Gewandtheit zu verleiben und zu erhalten. £b die an zu stellende Untersuchung Frucht und Ertrag für das sittliche Leben oder die rituelle Praris in Aussicht stellte, war bei dieser emsia betriebenen und liebevoll gepflegt-.-n Tätigkeit eine gleichgültige Nebensache. Die tiefsinnige Grübelei über lösbare und unlösbare, über wichtige und unwichtige halaclwcbe Fragen, die scharfsinnige Svaltung iuuic verwandter und die Vergleichung himmelweit verschiedener Bearifie. die endlose Fortsetzung weit ausgewonnener Gedankenreihen bis zu allen möglichen und unmöglichen Kvm'eanenzen. die Zurückführung weitschichtigcr Erörterungen aut knavoe eiwacke Formeln -- alles das und ähnliches war Selbstzweck dieser grundgelehrten Diskussionen. Diese dialektischen Hebungen und Erktärungsarten. die bei den Juden Polens in konseguenter Weise für das Studium des Talmuds in Anwendung gekommen waren, wurden von nun an auch bn den jüdischen Söhnen Deutschlands die einzige Betätigung ihres wahrhaft idealen Strebend). Unter solchen Einstüfien trat Rabbi Meir Schiff Ins Leben. Ueber leinen Lebensgang, um den ein ganzer Sagenkranz sich windet, sind aus uns nur spärliche Nachrichten gekommen. Ja. nicht einmal sein Geburtsjahr ist uns bekan.rt geworden. Doch scheint er um das Jahr 1665 in Frankfurt a. Main geboren worden zu sein'). uw sein Vater Rabbi Siehe Grätz. ..Geschickte der Juden". Bd. 9. S. 576. und Brann. ..Geschichte der Inden und ihrer Literatur", Bd. 2. 5. 2$l f. *) Tas^ Leben und Wirken dessz^7 bisher fast noch gar nicht kritisch behandcir worden. Jin Jahre lf4T> Hai Tr. Fräntel im ..Literaturblatt des Orients". Bd. Vf, 3. K22. eine kurze biographische Skizze von ihm entworfen und in letzter Zeit Horvdezki in seinem im ..Lufchija" in hebräischer spräche erschienenen I -vcstl. j eine oberflächliche Besprechung seiner Lehrrnethode veröffentlicht.! Beide aber haben in ihren Darstellungen manche Einzelheiten, die mr die Charakteristik d»s 3d)m nnerlätzlich sind, beiseite gelassen. Tie anderen jüdischen Bibliographen und Geschichtschreiber 'chwei e-»n in ihren Analen über il*u ganz, Selbst Vlnnihii, der ^Bersauer des KV weift von ihm nichts weiter zu berichten, als taß er Rabbiner in Fulda »mir und mehrere talmudisäre und kabbalistische Jakob Schiff Ha-Kohen als Oberhaupt einer bedeutenden und sehr angesehenen Talmudschule rnn) bis ins späteste Alter fungierte. R. Jakob Schiff, aus einer sehr angesehnen altjüdischen Familie, einem Stock gelehrter Rabbiner, stammend, -wird als Heller Kopf, als gewiegter und gründlicher Talmudkenner in einem höheren Sinne des Wortes geschildert, der sich nicht bei dem Gegebenen beruhigte, sondern jedes einzelne prüfte und auf die Goldwage kritischer Genauigkeit legte. Er war ein ausgezeichneter Charakter und eine ftillaufgelcgteNatur, die nur in den »vier Ellen der Halacha" ihr Auskommen zu finden suchte. Es genügt, um seinen Charakter ins Licht zu sehen, daß er bei spru-er umfafienden und tiefen Talmudgelehrsamkeit kein Rabbinat annehmen mochte, im Gegensatz zu feinen Standesgenossen. die meistens nach Stellen strebten und sich zuweiten auch durch Schliche Raböinatssttze zu erwerben trachteten. Wegen seiner Gelehrsamkeit und feines lauteren Charakters genoß er hohe Achtung weit und breit, bei deutschen wie bei polnischen Familien, die ihm die religiöse Erziehung und rabbrrische Ausbildung ihrer Söhne gern anvertrauten. Nach dieser Richtung leitete er auf das gewifienhafteste seine talmudische Hochschule, deren Jünger nach Hunderten zählten und aus der die meisten Rabbiner der damaligen deutschen Gemeinden hervorgingen. Von seiner sonstigen Wirksamkeit wie von seiner Persönlichkeit ist wenig bekannt. R. Jakob hatte zwei Söhne und eine Tochter. Der ältere, R. Moses Schiff, war der Vater des rühmlichst bekannten Tewele Schiss, der viele Jahre Vorsteher und Stadlan in Frankfurt war und als solcher sich im ganzen Lande ein ruhmvolles Andenken erworben hat'). Seine Tochter B r e i n l e war mit R. Jacob, einem Sohne des Baruch iBendit). genannt Benedikt, in Jülich verheiratet, defien Tochter. Sara Mirjam, die Gattin des Elia Emmerich, die Ahnmutter der! Familie Gomperz gewesen ift*). Der Dritte, R. Meir, war der ' Liebling seiner Eltern, für defien Erziehung sie die größten j L.p*er »-rächten. Seine Jugcndjahre scheint R. Meir in Frankfurt verlebt j und von seinem Vater den ersten Unterricht in Bibel und Tal- - mud erhalten zu haben. Welche Studien er sonst noch dort betrieben und wie lange er sich in seiner Vaterstadt aufhielt, wissen wir nicht. Doch das eine ist sicher, daß er über alle Talmudjünger seiner Vaterstadt hervorgeragt, die Bewunderung seiner Zeitgenossen erregt und einen bedeutenden Ruf sich Werke verfaßt hat. Auch Jost und Graetz in ihren großen Geschrchtswerken tun feiner keine Erwähnung, obwohl die Quellen in seinen Schriften ziemlich reichlich stießen. — Tie Annahme Frankels. Meir fei im Jahre 1668 geboren worden, ist nicht stichhaltig, da Schiff, wie aus seinem Kommentare zu Baba Mezia S. 19 hervorgeht, mit R. Meir aus Lullin im Briefwechsel stand. Ta letzterer im Jahre 1616 gestorben ist. w müßte Schiss, selbst wenn wir annehmen, daß er ihm unmittelbar vor defien Tode geschrieben, damals kaum acht Jahre alt gewesen sein, was doch nicht einleuchtend ist. In neuerer Zeit wurde Schiff sehr oft mit einem Kabbalisten R. Meir Stern, dem bekannten Korrektor der ersten jüdisch-deutschen Bibelübersetzung in Amsterdam und Lehrer des Knorr von Rosenrotb in der Kabbala, der ungefähr um dieselbe Zeit ein Rabbineramt in Frankfurt bekleidete, verwechselt. Siehe über Diese» Horowitz. ..Frankfurter Rabbiner" II §. 64 ff. -- a) Siehe über ihn Löwenstein. ..Geschichte der Juden in der Unrpfalz". S. Amu. 1. Eine Schwiegertochter dieses R. Tewele. namens Sckönelc. die Frau feines Sohnes Jakob Schiff, wir die Schwester der Blüniele. der Mutter des David Lppenheim. des berühmten Lberrabbiners von Prag. *» Breinle starb an«. 24. Ab 547-4 lN. August 1714». Sie wird im Emmericher Memorbuch neben anderen Mitgliedern dieser Gelehrtenfamilie rühnilichst erwähnt. Siehe Kaufmann Freridenthal. „Die Familie Gomperz". S. 25 und '26.

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