Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 86 (1922)
- Issue
- Heft 5 (3.3.1922)
- Date
- 1922-03-03
- Page
- Seite 55 (sequence 11)
- Language
- German
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zu Lebzeiten das Licht der Welt erblickten, mich seine nachtZt' lassenen Lieder und erdichte sind zumeist während seines Krankena??fentht?lts in Berlin entstanden. (Gleich Heine ertönte seine sauste bezaubernde Stimme aus der „Matratzcngruft". (Schluß folgt.) Ser Dorfsjungr. Unter den schauspielerischen Darbietungen. die seit einer Reche von Monaten im Jüdischen Künstlertheater in der Kommandantenstraße zur Aufführung gelangten, verdient „Der Dorfsjunge, ein Voltsstück mit Gesang und Tanz" eine besondere Würdigung. Ter Berfasfer dieses Vvlksstückes. Leon Kob rin, ist offenbar ein modern gebildeter russischer Jude, der neben gediegener Kenntnis des jüdischen Schrifttums auch die jüdische Volksseele kennt mit all den Gefühlen und Ernpfindüngen. Gewohnheiten und Ueberlieferungen, Licht- und Schattenseiten, die eine uralte Kultur und tausendjährige Kämpfe und Leiden gezeitigt haben. Ebenso vertraut zeigt sich der Verfasser mit den Lebensanscht?i???ngen und Lebensaewohnhoiten des russischen Volkes, deffen Denkungsart in mancher Bezichrrng eine frappante Aehnlichkeit mit der russisch-jüdischen ausweist. Der Schauplatz der fesselnden Handlung ist ein Fischerdorf im Süden Rußlands, in dem Russen und Juden ungeachtet der Verschiedenheit des religiösen Bekenntnisses in leidlichem Frieden Zusammenleben. Der Russe bekreuzigt sich täglich, wott es ihm beliebt, in Gegenwart des Juden. und dreier wiederum läßt sich nicht im geringsten stören, seine religiösen Bräuche im Beisein des Russen auszuüben. Beide halten streng zu ihrem Glauben, der sse voneinander trennt, und beide fühlen sich vereint im Aberglauben, der ihnen in gleicher Weise anhcrftet. Die Apostel des Hasses haben noch reine Scheidewände unter den Dorfbewohnern errichtet, so daß die Rassenfrage nur wenig erörtert wird und am allerwenigsten von der ledensdnrstigen Jugend, von den jungen Burschen und Mädchen, die befallen'aneinander rinden und deren Herzen treue Liede verbindet. Jankele Beute, ein gesunder, hübscher Judenjunge. der unter der sachkundigen Leitung des Unter-- Pächters Hirsch Beer, eines Epikuräers. wie er nur unter den russischen Inden anzutrerfen ist. das Fischerhandwerk erlernt, unterhält pxit desserr frischer, kräftiger und tanzlristiger Dienstmagd Ratascha. einer Vollblut-Russin, ein Liebesverhältnis, das ihn feiner Sippe lurd den? väterlichen Glauben zu entfremden droht. Die Liebenden sind, namenttich in der ersten Zeit, überglücklich und kümmern sich um ihre Umgebung so wenig, daß sic gar nicht merken, wie die sie m?llauernden finsteren Mächte: Reid. Mißgunst und Selbstsucht sie aus ihrern Paradies z?r verdrängen suchen. Ein Rebenbrchler vettüt Jankels geheime Liebe an seine Angehörigen, und bald sehen rvir.?vre mitten in eine zärtliche Szene mit Ratascha Jankels täppische Eousine Ehaike hiueinftürmt. um ihn, den Ahnungslosen. ungestürn an das Krankenlager seines Vaters zu r??fen. Jankel. der ein ebenso guter Sohn mit' er ein treuer Liebhaber ist, folgt seiner in ihn verliebten Eousine in das Gemach des mit de?n Tode ringenden Vaters?lnd ver?rir?rmt mit Entsetzen deffen letzten Wunsch, daß er seine Eousine heiraten solle. Anr Sterbebett findet die Berlobung dcr beidcn statt, und der Alte stirbch nächdemer Jankel die furchtbarsten Strafe?? angedroht für de?? Hall, daß er das Bertöbms bricht. Jankel?vird nun streng beobachtet. und da er trotz alledem von der schönen Ratascha nicht läßt, versuchen die Seinen, die ernstlich urn sei?? Seelenheil besorgt sind, zumal als sie einmal mit Entsetzen sehen, wie er in jugendliche??? Leichtsi???? der Ratascha.zuliebe sich nach russischer Art betre??zigte, ihn durch fromme Ermahnungen und abergläubisäze Vorstellungen dein väterlichen Glauben zu crhtrlten und mit der idiotischen Braut zu vermählen. Die Mutter und Verwandten erzählen ih?n täglich beängstigende Träu?ne. ringen verpveifelt die Hände und weinen und sirmmern: seine sündhafte Liebe, sein gottloser Lebenswandel hätten fch??ld, daß der Baker im Grabe keine Ruhe finde. Ter alte Fischer E h a z e - ein ehrlicher Fanatiker hält ihm erschütternde Strafreden und Predigten, die er einst aus dem Munde des ebenso fanatischen und bornierten .Ztelemer Maggid" vernommen, schildert ihm mit deffen Worten und - vorzüglich nachgeahmter — Bortragsweise die Schrecknisse der Holle und die gräßlichen Lualen. die der Vater dort erleiden müsse, weil er. Jankel, ein „Goi". ein Posche Jisroel gelvorden. in Ratascha. eine „Goje". versessen sei und seine vom Vater ihm bestimmte Braut verschmähe. „Sei ein Jüd", ermahnt er ihn immer wieder und wieder, „hier hast du ein „Arba Kanfos". küsse fleißig die „Zizoth", bete, wie alle frommen Juden. täglich mit Tephitin an Ha??pt und Arm und sage, wie ich es dir vorsage, oft und andächtig Thilim. Das hilft, glaube mir. Tu hattest ja deinen Vater so lieb, nicht wahr? Run sei, wie er. ein Jüd: ich beschwöre dich, erlöse ihn aus den Höllenqualen, die er durch deine Sünden erleidet und heirate so schnell rvie rnöglich deine von ihm dir erwählte Braut, die Ehaike." Jankel, der Verzweiflung nahe, wendet sich in seiner Hilflosigkeit um Rat an den klugen Hirsch Beer: ..Sagt mir. Reb Hirsch Beer, was soll ich tun?" Dieser zuckt?nitteidvoll die Achseln und erwidert ihm treuherzig: „Deine Leute sa?nt dem alter? Schote Ehaze sind „?nesch??gge". D?? aber sei kein Rarr und höre nicht auf sie und ihre du?nme?? Drä???ne." Jankel versteht ihn . . . und gesellt sich von neue?» der Ratascha. die, über die idiotische Ehaike sich belustigend, ihn mit Zärtlichkeiten überhäuft und nach?vie vor vor aller? anderen Dorfjungen auszeichnet. Allein aus ihrer? Umarmungen scheucht ihn die Vision von de??? infolge seines sträflichen Verhältnisses rnit Raiascm? im Grabe keine Ruhe findenden Vater. Und als gar Ratascha ihm verrät, daß sie sich Mutter fühle. r?nd.??ach glühender Liebesbetcuerung, flehentlich in ihn dringt, sich taufen zu lassen und ne z?r heiraten, da vertiert er vollends das Gleichgewicht. Er folgt blindlings den Lehren urrd Ratschlägen des atren Ehaze??nd fügt sich willenlos in den Wunsch der überglückliche?? Mutter, die unverzüglich die nötigen Vorbereitungen z??r Hochzeit trifft. Doch dazu konnrst es nicht. Aus Angst vor der Rache des Großvaters der unglücklichen Ratascha. der ihn z»? erschlagen droht, und von eige??en Gewissensbissen verfolgt, entfernt er sich heirntich aus der Mitte der Hochzeitsgäste, begibt sich noch einmal z?? Ratascha, u??r sie um Verzeihung zu bitten.??nd flüchtet dann in den nahen Wald,?vo er seine??? verfehlten Leben durch Erhängen ein E?rde macht. Ein Berliner Kritiker, der ehrlich genug ist. einzugestehen: „Bei rneiner großartigen jüdischen Sprachkenntnis steht?nir cin künstlerisches Urteil selbstverständlich nicht zu", konnte nicht u?nhin, bei seiner Besprechung der ersten Aufführ??ng des ..Torfsjungen" z?? be???erken: „Eine erhcbe??de Rolle spielt in diesem Votksstück nun gerade nicht die jüdische Ge?neinde. und ihre Vertreter scheine?? mehr oder rveniger vom b>eist????d der Rat??r der idiotischen Ehaike besessen zu sein. Für uns Europäc^wird das Ganze z?? einer reckst bösen Kritik ihrer dumpfer? Beschränktheit rrnd ihres nationalen Fanatisrnus." «Der „Dag". 10. Januar? Der Herr Kritiker lvsitzt nicht bloß.?vie er selbst ztlgidt. keine jüdische Sprachkenntnis, ihr« ist a??ch der russische Donjnde w?vie der Einfluß, den die griechisch-karholnche Urngebrrng auf seinen Seelenzustand ausübt. völlig »lnbekannt Die rvenigen aus verschiedenen Gegendeu des lueitcit Reiches z?isarn?ne??ge?vürfelten Juden, die sich